Joseph Gordon-Levitt

„Edwards Risiko darf nicht umsonst sein“

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Joseph Gordon-Levitt ist seit 2014 mit der Unternehmerin Tasha McCauley verheiratet. Im August 2015 bekamen sie einen Sohn.

Eine Metarmorphose: Joseph Gordon-Levitt spielt Edward Snowden auf eindrücklichste Art und Weise - und kann sich durchaus mit dessen Taten anfreunden.

Rein äußerlich haben der Hollywood-Charmeur Joseph Gordon-Levitt und Whistleblower Edward Snowden wenig gemein. Auch mag man sich den „Inception“- und „The Dark Knight Rises“-Darsteller bei Weitem nicht so nerdig vorstellen wie den weltweit differenziert betrachteten Aufklärer beziehungsweise Dieb. Doch der 35-jährige Kalifornier war trotzdem die erste Wahl Oliver Stones für die Hauptrolle in dessen Biopic „Snowden“ (ab 22.9.). Gordon-Levitt kopiert die Sprache des Ex-Nachrichtendienstmitarbeiters, dessen Ausstrahlung, dessen Eigenheiten - nach wenigen Minuten hat man nur noch den jungen Kerl vor Augen, den man in Laura Poitras Oscar-Dokumentation „Citizenfour“ (2014) kennenlernte. Zum Interview erscheint Joseph Gordon-Levitt aber natürlich wieder als Hollywood-Charmeur mit markantem, verschmitztem Lächeln - nett, aufmerksam und nachdenklich.

nordbuzz: Klebt ein Pflaster oder Tape auf Ihrer Laptop-Kamera?

Joseph Gordon-Levitt: Tatsächlich. Aber nur, wenn ich sie nicht nutze (lacht).

nordbuzz: Was haben Sie sonst in Ihrem Privatleben geändert, nachdem Sie sich mit der „Snowden“-Thematik beschäftigt hatten?

Gordon-Levitt: Ich legte mir neue Passwörter an, habe eine App runtergeladen, die Anrufe und SMS verschlüsselt. Aber die größte Veränderung ist wohl meine erhöhte Aufmerksamkeit, wenn es um das Internet geht - nicht nur im Falle von staatlicher Überwachung, sondern ebenfalls gegenüber dem Datensammeln von Technologie-Unternehmen. Vielleicht machen die auch nichts Schlimmes damit, doch früher setzte ich mich damit kaum auseinander. Ich schenke nun sogar all den Richtlinien Aufmerksamkeit, denen man zustimmt, wenn man etwa eine App installiert.

nordbuzz: Sie gaben in Interviews zu, sich wenig mit Edward Snowden beschäftigt zu haben, bevor Oliver Stone auf Sie mit seiner Filmidee zukam. Woran lag das?

Gordon-Levitt: Ich hatte einfach eine Menge zu tun Mitte 2013. Natürlich haben die US-Medien darüber berichtet, und ich habe wie jeder mitbekommen, dass da etwas Großes passiert. Doch viele Mainstreammedien behandelten das Thema nur stark vereinfacht. Ich weiß allerdings: Es sollte auch immer die Aufgabe jedes Einzelnen sein, sich mit solchen Geschichten zu beschäftigen. Das habe ich leider nicht getan.

nordbuzz: Wie halten Sie sich sonst auf dem Laufenden?

Gordon-Levitt: Vor allem mit dem Internet. Ich schaue eigentlich nie Nachrichten im TV. Ab und an lese ich Zeitung, aber da muss ich schon richtig viel Freizeit haben. Am Internet mag ich vor allem die Möglichkeit, Fakten zu checken. Ich bin ein skeptischer Mensch. Das Netz erlaubt mir, mehrere Standpunkte einzuholen.

nordbuzz: Man entdeckt dort aber auch eine Vielzahl von Informationen, die von Laien aufbereitet wurden.

Gordon-Levitt: Da bin ich natürlich vorsichtig. Wenn meine Zweifel groß sind, lande ich auch mal bei Google Scholar, einer Suchmaschine für wissenschaftliche Texte. Es kommt durchaus mal vor, dass ich mich dort austobe.

nordbuzz: Man weiß jedoch nie, wer die Wissenschaftler sponsert ...

Gordon-Levitt: Das stimmt. Darüber habe ich erst vor Kurzem etwas gelesen. Man sollte sich auch nicht auf eine Sichtweise versteifen. Wir haben alle die Möglichkeit, uns investigativ durch Themen zu arbeiten. Aber wer hat schon die Zeit dafür? Schlussendlich sollte man sich auf Journalisten verlassen. Auf Journalisten, die gut recherchieren und eine Meinung vertreten. Wenn jemand behauptet, er sei neutral, werde ich wieder skeptisch (lacht).

nordbuzz: Haben Sie gezögert, als Sie das Angebot vorliegen hatten, Edward Snowden zu spielen? Er ist nicht unbedingt die beliebteste Person in Ihrem Heimatland.

Gordon-Levitt: Es gab tatsächlich Kollegen, die mir davon abrieten, ihn zu spielen - es könne meiner Karriere im kommerziellen Sinne schaden. Doch ich habe mit 35 schon so viel Geld verdient, dass ich mir solche Gedanken gar nicht mache.

nordbuzz: Was hält Ihr engstes Umfeld von Edward Snowden und von dem, was er getan hat?

Gordon-Levitt: Die Leute, mit denen ich am meisten zu tun habe, sind generell dankbar dafür, was er getan hat. Ich nehme es aber auch keinem krumm, wenn man argwöhnisch gegenüber Snowden ist. Viele unterliegen ja auch dem Irrglauben, er habe diese Informationen einfach herausgelassen. Aber das stimmt so nicht. Er klaute geheime Daten und gab sie bewährten Journalisten. Sie sollten entscheiden, was die Öffentlichkeit erfahren soll. Das sei nicht seine Aufgabe.

nordbuzz: Dass er nun in Russland verharrt, stößt bei vielen Amerikanern auf Argwohn ...

Gordon-Levitt: Klar, der Vorwurf, er würde dem Kreml Informationen stecken, liegt da nahe. Aber als er in Russland ankam, hatte er seine einzige Kopie bereits den Journalisten vermacht. Das sind Details dieser Story, die kaum jemand auf dem Schirm hat. Da kann man der schlaueste und coolste Typ überhaupt sein - wenn man die Details nicht weiß, wirkt Edward Snowden einfach nur verdächtig.

nordbuzz: Sie hatten ein Treffen mit ihm. Hatten Sie Einblick in seinen Alltag?

Gordon-Levitt: Als ich ihn traf, schien er sehr gut aufgelegt zu sein. Allerdings saßen wir gemeinsam in einem Büro - zwar vier Stunden, aber von seinem Privatleben bekam ich da wenig mit. Er wäre natürlich viel lieber zu Hause in den USA! Doch ihm ist die Sache, für die er sein Leben riskierte, um einiges wichtiger als sein persönliches Wohlergehen. Ich kann mir vorstellen, dass er sehr glücklich darüber wäre, würde er gerade mitbekommen, dass wir hier in München über seine Themen sprechen, dass die Öffentlichkeit weiter davon Wind bekommt und sich mit Massenüberwachung und der Zukunft des Internets beschäftigt. Ich glaube, das erfüllt ihn.

nordbuzz: Fühlen Sie sich als Teil einer Kampagne für Snowden - nun, da Sie den Film promoten und ihn in Interviews wieder zum Thema machen?

Gordon-Levitt: Es ist eher eine Kampagne für die Sache. Edward Snowden in seiner aktuellen persönlichen Situation zu helfen, halte ich für schwierig. Wir helfen ihm aber weiter, dass dieses unglaubliche Risiko, dass er einging, nicht umsonst war.

nordbuzz: Hätten Sie Snowden auch spielen können, wenn Sie seine Beweggründe nicht hätten nachvollziehen können?

Gordon-Levitt: Für mich ist es genauso wichtig, mich in die Figur reinfühlen zu können, wie auch Äußerlichkeiten zu übernehmen. Aber das geht manchmal Hand in Hand. Wenn ich etwa die Stimme übe, komme ich der Person näher. Dazu gehört auch zu verstehen, woher sie kommt. Natürlich: Ich hab so etwas wie Snowden nie in meinem Leben durchmachen müssen. Ich würde nie behaupten, dass ich eine solch unglaubliche Angespanntheit nachempfinden kann, die er zwischenzeitlich gespürt haben muss. Aber ich versuchte mir vorzustellen, wie er sich gefühlt hat in den verschiedenen Episoden des Films.

nordbuzz: War Ihr Gespräch mit Snowden vor allem auch für dieses „Hineindenken“ gedacht?

Gordon-Levitt: Ich wurde sehr gut vorbereitet und las auch für mich sehr viel über ihn. Unser Gespräch drehte sich allerdings fast ausschließlich um die Zukunft. Ich glaube bei dem Thema liegen wir einfach auf einer Wellenlänge. Es ging darum, wie wir uns das Leben in zehn, 15 Jahren vorstellen und wo wir da selbst stehen wollen. Wir waren uns beide einig, dass Technologie uns noch mehr beschäftigen wird und muss. Und komischerweise schauen wir beide sehr optimistisch in die Zukunft - obwohl er natürlich vor allem dafür bekannt ist, diese Horrorszenarien aufgedeckt zu haben. Trotzdem ist Edward Snowden wahnsinnig optimistisch, wenn es um die Frage geht, welchen Einfluss Technologie auf unser alltägliches Leben haben wird und wie wichtig sie zudem für die Demokratie sein wird.

nordbuzz: Sind Sie eigentlich auch so ein Computer-Nerd wie er?

Gordon-Levitt: Ich bin mit Computern aufgewachsen, bevor die Teile eine Maus hatten. Mein Vater hatte immer einen Rechner zu Hause und sorgte dafür, dass mein Bruder und ich damit klarkommen. Mein Bruder übertrumpfte mich dabei allerdings - er konnte sogar programmieren. Ich bekam es ein bisschen beigebracht, aber blieb nicht am Ball. Ich schätze Programmieren allerdings als echte Kunstform.

tsch

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