Matthias Matschke

Der Durchbruch des Chamäleons

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In seiner neuen Kommissars-Rolle beim Magdeburger „Polizeiruf 110“ gibt er den Stachel im Fleisch seiner Partnerin: Matthias Matschke.

Bisher war er der vielleicht begehrteste Nebendarsteller im deutschen Fernsehen. Nun wird Matthias Matschke Sonntagabend-Kommissar - an der Seite von Claudia Michelsen im „Polizeiruf 110“ aus Magdeburg.

Obwohl Matthias Matschke zu den meistbeschäftigten deutschen Schauspielern gehört, ist er dem breiten Publikum noch weitgehend unbekannt. Dabei spielt der 47-jährige Hesse seit langem an den besten deutschsprachigen Theatern, macht hochklassige Comedy bei „Pastewka“ oder „Ladykracher“, verwandelt sich für einen famosen ARD-Thriller in Uwe Barschel oder gibt den Ermittlungspartner von Anna Loos im ZDF-Krimi „Helen Dorn“. Mittlerweile, so lacht der Alles-Spieler im Interview, erkennen ihn die Leute sogar als Matthias Matschke. Was gar nicht so leicht ist, bei seiner fast schon unheimlichen Wandlungsfähigkeit. Die letzten öffentlichen Incognito-Zeiten des Schauspielers dürften nun allerdings enden: Matschke wird neuer Kommissar und Partner Claudia Michelsens im Magdeburger „Polizeiruf 110“. Der erste Fall „Endstation“ ist am Sonntag, 29. Mai, 20.15 Uhr, im Ersten zu sehen.

nordbuzz: Sie sind in Darmstadt aufgewachsen, leben aber schon lange in Berlin. Wem haben Sie am vorletzten Bundesliga-Spieltag die Daumen gedrückt, als Darmstadt 98 bei Hertha BSC Berlin den Klassenerhalt schaffte?

Matthias Matschke: Natürlich war ich für die Darmstädter. Was die in den letzten Jahren geleistet haben, ist schon außergewöhnlich. Man sucht sich seinen Fußballverein nicht aus. Ich war immer 98-Fan, auch wenn ich das Geschehen nicht mehr ganz so intensiv verfolgte, als die in der Regionalliga gespielt haben. Ich bin zwar auch seit 25 Jahren Berliner. Aber wo man herkommt, kann man nie wirklich ablegen. Schön ist auch, dass das Stadion der 98-er immer noch so aussieht, wie ich es in den 80-ern verlassen habe (lacht).

nordbuzz: Der ganze Verein steht für die Romantik des „alten Fußballs“ ...

Matschke: Ja, das ist richtig. Ich habe noch gute Freunde in der Region Darmstadt, die mir von ihren Erlebnissen am Böllenfalltor erzählten. Am besten fand ich jene Geschichte, dass die Bayern sofort umgekehrt sind und im Hotel duschen wollten, als sie die alten Umkleiden und Waschräume im Darmstädter Stadion sahen (lacht).

nordbuzz: Sie sind der Neue beim Magdeburger „Polizeiruf“. Was hat Sie bewogen, die Rolle anzunehmen?

Matschke: Ich wollte einfach gerne mit Claudia Michelsen arbeiten. Sie ist eine der besten Schauspielerinnen, die ich kenne. Und dazu eine ganz tolle Kollegin. Mit ihr in einen Team zu sein, ist einfach ein sehr attraktives Angebot. Das konnte und wollte ich nicht ausschlagen.

nordbuzz: Kannten Sie sich vorher schon persönlich?

Matschke: Nicht wirklich. Wir hatten zuvor nur einen gemeinsamen Drehtag. Uns verbindet aber so ein bisschen die gleiche Geschichte. Wir spielten beide an der Berliner Volksbühne. Das waren prägende Jahre für uns. Vielleicht haben wir deshalb einen ähnlichen Ansatz und kaum Kommunikationsschwierigkeiten beim Spielen.

nordbuzz: Aufgrund der Krimi-Flut im Fernsehen sollen sich neue Ermittler möglichst klar von der Konkurrenz unterscheiden. Was ist das Besondere am Magdeburger Team?

Matschke: Wir waren uns schnell einig, dass wir die Unterscheidung in der charakterlichen Tiefe suchen wollen. Oberflächliche Unterscheidungsmerkmale nutzen sich in der Regel schnell ab. Wir haben im Magdeburger „Polizeiruf“ vielleicht die Chance, zwei Charaktere über eine lange Strecke zu entwickeln. Unser zweiter Film ist gerade abgedreht. Und ich muss sagen: Unser Ansatz scheint zu funktionieren, denn wir sind überaus zufrieden.

nordbuzz: Man könnte die Magdeburger Ermittler aber auch plakativ beschreiben. Das alte Duo Claudia Michelsen und Sylvester Groth waren zwei widerborstige und einsame Charaktere. Nun betritt mit Ihnen ein „Socializer“ die Szene ...

Matschke: Genau. Als wir meine Figur entwickelten, fragten wir uns: Was könnte Doreen Brasch, Claudia Michelsens Figur, am meisten nerven? Was wäre das Schlimmste, das ihr passieren könnte? Wir waren uns schnell einig, dass dies jemand wäre, der ein glückliches Privatleben hat. Jemand, der über Gefühle sprechen kann und dies auch tut. Meine Sozialkompetenz ist sozusagen der Stachel im Fleisch meiner Partnerin (lacht).

nordbuzz: Zurzeit sind Sie einer der gefragtesten deutschen TV-Schauspieler und machen dazu viel Theater. Ist es in Ihrer Situation überhaupt klug, den Terminkalender noch mit zwei „Polizeiruf“-Filmen pro Jahr zu belasten?

Matschke: Ich habe noch nicht mal Zeit, mir diese Frage zu stellen. In diesem Beruf, den ich jetzt schon so lange mache, gibt es Zeitfenster und Optionen. Gerade ist es bei mir so, dass ich viel Gutes angeboten bekomme. Das ist die Zirkuskomponente an diesem Job. Wenn Saison ist, ist Saison. Ich versuche mit viel Disziplin, meine Arbeit gut zu machen. Wer vom Theater kommt, hat diese Disziplin in der Regel - der kann auch viel arbeiten. Ich möchte wirklich nicht darüber jammern. Und es geht mir gut dabei.

nordbuzz: Sind Sie ein Workoholic?

Matschke: Ich berausche mich schon an Arbeit. Und ich pumpe das, was ich tue, mit totaler Begeisterung auf. Würde ich es anders angehen, hätte ich nichts davon. Ich merke immer deutlicher: Das Leben ist kürzer als man denkt. Entsprechend muss man Arbeitszeit mit guter Lebenszeit verbinden. Das ist mir ganz wichtig. Mein Leben kennt so etwas wie Hobbys nicht. Ich habe nicht das Bedürfnis, meiner Arbeit noch etwas anderes im Leben entgegenstellen zu müssen.

nordbuzz: Sie brauchen also nicht mal zwei, drei Wochen dazwischen, in denen Sie mit ein paar Büchern am Strand liegen?

Matschke: Nein, so was mache ich schon auch. Ich meinte eher den Alltag. Da ist mein Beruf auch mein Hauptleben.

nordbuzz: Sie suchen nicht den berühmten „Abstand“ von der Rolle nach Drehschluss?

Matschke: Nein, nicht so sehr. Wie soll das gehen bei uns Schauspielern: Abstand? Wir sind dann gut, wenn wir tief in Rollen eintauchen. Man muss nur sehen, dass man nicht in eine ungute oder ungesunde Art von Verschwendung hineingerät. Wie gesagt, Schauspiel ist ein Disziplin-Job.

nordbuzz: Einige glauben, dass Verschwendung zu diesem Beruf dazugehört. Dass manche Schauspieler nur deshalb so gut waren, weil sie alles von sich gegeben haben.

Matschke: Ja, bei manchen mag das so sein. Allerdings bei viel weniger Leuten, als man denkt. Früher, sagen wir in den 70-ern, glaubten die meisten, Schauspieler würden allesamt verschwenderisch leben: Drogen, Exzesse und Experimente mit dem Ich. Ich glaube nicht, dass jene, die über längere Zeit sehr viel spielten, auf diese Weise leben konnten. Ich könnte es bei meinem Stundenplan jedenfalls nicht. Nehmen wir das Theater: Da sind die Anforderungen auch körperlich heute so hoch, dass man richtig fit sein sollte. Da muss ein Schauspieler fast schon so leben wie ein Tänzer oder Profisportler.

nordbuzz: Sie sind erst in den letzten Jahren, also mit über 40, als Schauspieler so richtig bekannt geworden. Ist das nicht ziemlich ungewöhnlich?

Matschke: Es ist normaler, als man denkt, dass man sehr lange in diesem Job arbeitet, bevor die meisten das mitkriegen. Ich halte es für eine Mär, dass Schauspieler mit einem Film den Durchbruch schaffen, dann ist alles gut, und es geht die ganze Zeit so weiter. Schauspieler zu sein ist eine konstante Arbeit an sich und an den anderen (lacht). Man kämpft um Aufmerksamkeit für jene Arbeit, die man der Öffentlichkeit anbietet.

nordbuzz: Ist es schwerer, diese Aufmerksamkeit zu bekommen, wenn man wie Sie sehr wandlungsfähig ist?

Matschke: Ich bin ja allein genretechnisch in zwei Welten zu Hause. In der Komödie und im Drama. Als ich meine Rolle in „Helen Dorn“ übernahm, sprachen mich sehr viele Leute an: „Sie machen doch sonst Comedy!“ Davon war ich überrascht, weil ich ja noch so viele andere Sachen gespielt habe. Ich habe das dann akzeptiert, dass die meisten nur einen Ausschnitt meiner Arbeit kannten. Und jetzt sehe ich es fast schon so ein bisschen als meine Aufgabe an, zu zeigen, dass man als Schauspieler von Berufs wegen sehr viel Unterschiedliches verkörpern kann.

nordbuzz: Ist es nicht dennoch frustrierend, wenn derlei hohe Qualitäten im Job der Bekanntheit eher abträglich sind?

Matschke: Ich nehme das heute sportlich. Früher hat es mich aber schon ein wenig frustriert. Da dachte ich: „Mann, ich bin überall, aber keiner erkennt mich!“ Aber das stimmte so eigentlich gar nicht. Die Leute kannten mich als Hagen aus „Pastewka“, als Kommissar aus „Helen Dorn“ oder jenen Typen, der Uwe Barschel spielte. Ich bin eher wie ein Zehnkämpfer. Keiner, der so schnell läuft oder derart weit wirft, dass alle im Stadion staunen. Stattdessen einer, der vieles recht gut kann. Es ist schon richtig: Wenn man alles macht, wird man weniger schnell erkannt. Aber seit ich aufgehört habe, mich darüber zu ärgern, erkennen mich die Leute auch plötzlich als Matthias Matschke (lacht).

nordbuzz: Auf welche Rolle werden Sie am meisten angesprochen?

Matschke: Eben habe ich zwei Menschen in ihren 60-ern am Leipziger Hauptbahnhof getroffen, die ein Autogramm haben wollten. Ich glaube, die kannten mich aus „Helen Dorn“. Wenn ich aber durch die Straßen laufe und ein 20-Jähriger erkennt mich, dann eher, weil er „Ladykracher“ auf Youtube gesehen hat. Und treffe ich einen 40- oder 45-Jährigen, sagt der zu mir: „Hagen!“

nordbuzz: Und diese Wahrnehmung-Vielfalt gefällt Ihnen?

Matschke: Ja, immer besser. Es passiert sogar, dass mich Menschen in der Buchhandlung ansprechen, um mir zu sagen, dass sie mein aktuelles Stück an der Berliner Schaubühne toll fanden. Ich mag es, für verschiedene Spielsysteme gelobt zu werden. Gerade habe ich in Leipzig sechs Wochen lang das Stück „Germans are different“ inszeniert. Da war ich dann der Motor im Team. Jene Figur, die alle mitziehen musste, was mir aber auch total Spaß gemacht hat. Da war ich dann so ein bisschen wie Dirk Schuster, der Trainer von Darmstadt 98. Ich finde es klasse, wenn man die Chance kriegt, im Leben so viel zu bewegen.

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