Christian Kohlund

Dunkle Schweizer Macht

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Hochglanz-Unterhaltungs-Schauspieler Christian Kohlund darf im "Zürich-Krimi" seine dunkle Seite ausleben (Szene mit Markus Boysen im Hintergrund).

Christian Kohlund, Star aus der "Schwarzwaldklinik" und zehn Jahre lang Manager des "Traumhotels", will es auf seine alten Tage noch mal wissen. Der 65-jährige Schweizer spielt einen gefallenen Helden in der neuen ARD-Reihe "Der Zürich-Krimi".

Eigentlich war Christian Kohlund, Sohn zweier Schweizer Bühnenschauspieler, ja schon immer ein Mann mit schwerer Aura. Dennoch verdankt er seine Popularität Hochglanz-Unterhaltungsformaten wie "Die Schwarzwaldklinik" oder "Das Traumhotel". Mit dem "Zürich-Krimi" strickt das Erste nun (am Donnerstag, 28.04. und 05.05., 20.15 Uhr) eine neue Krimireihe um Christian Kohlunds dunkle Ausstrahlung, die mit dem Alter - verglichen mit früheren Frauenschwarm-Zeiten - immer deutlicher hervortritt. Der 65-Jährige, Vater zweier erwachsener Kinder, ist vor einigen Jahren mit seiner Frau, der ehemaligen Schlagersängerin Elke Best, von München aufs bayerische Land gezogen. Seine neue Figur erinnert an "Hard Boiled" Krimi-Helden der Marke Philip Marlowe. Für diesen Part ist der in Basel geborene Schauspieler in seine Schweizer Heimat zurückgekehrt. Ein Gespräch über die Reize älterer Helden, gutes sowie schlechtes Fernsehen und die Grundübel unserer Zeit.

teleschau: Sie hatten als Manager der "Traumhotels" zehn Jahre lang den besten Job im deutschen Fernsehen. Sehen Sie das auch so oder war es doch eine schauspielerische Sackgasse?

Christian Kohlund: Man muss das von zwei Seiten sehen. "Das Traumhotel" war ein sehr erfolgreiches Unterhaltungsformat. Ich habe es gerne gemacht - und auch als persönliches Geschenk empfunden, dass ich so viel von der Welt sah. Oft konnte ich das mit meiner Familien teilen. Meine Kinder, meine Frau waren immer wieder mal mit dabei. Rückblickend kann ich sagen, dass mich diese zehn Jahre privat wahnsinnig bereichert haben. Als Schauspieler war es natürlich nicht so die große künstlerische Herausforderung.

teleschau: Sie kommen vom engagierten Theater, stehen aber als Schauspieler vor allem für leichte Formate. Nervt das?

Kohlund: Solche Images ergeben sich manchmal zufällig im Leben. Ich habe eben in zwei oder drei ungeheuer populären Unterhaltungsformaten gespielt - womit ich dann identifiziert wurde. Vor allem natürlich durch "Das Traumhotel" und "Die Schwarzwaldklinik", wo ich ja eigentlich nur Gast war ?

teleschau: Dabei heißt es immer: Christian Kohlund, bekannt aus der "Schwarzwaldklinik" ...

Kohlund: Ich war damals nicht im festen Ensemble. Okay, mein Gastspiel dauerte am Ende 50 Folgen, weil ich immer wieder mal auftauchte. Mitte der 90-er kam dann noch "Anna Maria" mit Uschi Glas, auch ein sehr populäres Format. Diese Sachen hatten eine große Breitenwirkung. Andere Dinge, die ich spielte, wurden allerdings ebenfalls sehr beachtet - nur von weniger Leuten. Zum Beispiel mein Einpersonenstück "Im Zweifel für den Angeklagten", mit dem ich immer wieder unterwegs war.

teleschau: Fühlen Sie sich unterbewertet?

Kohlund: Nein, so lange Menschen, die mir nahestehen, wissen und schätzen, was ich mache, ist es mir relativ egal, welches oberflächliche Image ich habe. Sicher ist man nicht nur erfreut über diese Schublade. Sie hat aber auch etwas Positives: Ich muss etwas richtig gemacht haben, sonst hätte es nicht funktioniert.

teleschau: Sie hatten selbst in den genannten leichten Formaten immer schon eine gewisse Schwere, ja fast schon eine etwas dunkle Ausstrahlung. Ist Ihnen das bewusst?

Kohlund: Ja, sicher. Das hat mit meinem Naturell und Denken zu tun. In den Rollen ist natürlich immer ein bisschen Christian Kohlund mit drin. Ich denke, dass man diese Ruhe, die ich ausstrahle, mochte. Die war ein Teil des Erfolges. Es war aber immer eine Ruhe, bei der man merkte, da passiert eine ganze Menge innen drin. Ich halte mich eigentlich für einen spröden Schauspieler - was aber nicht langweilig sein muss.

teleschau: Sind Sie ein grüblerischer Mensch?

Kohlund: Oh ja, das kann man sagen (lacht). Es geht schon recht viel in meinem Kopf vor.

teleschau: Grüblerisch heißt auch schwermütig?

Kohlund: Ich bin ein neugieriger Mensch. Das heißt, ich nehme alles auf, was passiert. Ich verfolge auch intensiv, was auf der Welt los ist. Manchmal erfüllt mich das dann mit Trauer und Schwermut. Die frühen Kohlunds kamen aus Dänemark über Deutschland in die Schweiz. Das waren allesamt Menschen, die der Landschaft entsprechend eine gewisse Schwermut mitbrachten. Mein Vater war ein sehr verschlossener, ruhiger Mensch. Meine Mutter war extrovertierter. Ich bin froh, dass ich von ihr auch ein bisschen was abgekriegt habe.

teleschau: Nun spielen Sie den "Zürich-Krimi". Finden Sie bei sich typische Schweizer Charakterzüge?

Kohlund: Was ist denn Schweizer Mentalität? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Die Schweiz hat sich sehr verändert. Wenn ich an meine Jugend denke, da spielten Schweizer Filme vorwiegend im bäuerlichen Milieu. Die Figuren waren sehr erdig und mit der Natur verbunden, geprägt von ihrer Existenz in dieser rauen, bergigen Natur. Da war auch viel Demut vor der Landschaft und diesen Bergen zu spüren. Ich bin so aufgewachsen und hab' das noch in mir. Aber heute? Da ist die Schweiz ein sehr internationales, modernes Land, was ich aber keineswegs als Nachteil sehe.

teleschau: Ihr Zürcher Anwalt erinnert eher an einen schwermütigen Privatdetektiv der "Schwarzen Serie". An einen Philip Marlowe von Raymond Chandler beispielsweise.

Kohlund: Ja, ich sehe das auch so. Borchert ist ein gebrochener Typ, ein gescheiterter Idealist. Der ist im Leben auf sehr dunkle Pfade geraten und sucht nun seinen Weg zurück. Er möchte für seine Fehler einstehen, aber nicht für jene Fehler bezahlen, die er nicht begangen hat. Da ist also auch viel Kampfeswillen und Gerechtigkeitssinn in ihm. Insofern passt der Vergleich zu den alten, dunklen Detektivfiguren recht gut. Auch weil Borchert letztendlich ein einsamer Mensch ist.

teleschau: Es gibt Szenen, die erinnern schon sehr an den "Film Noir". Zum Beispiel, wenn Sie sich Ihre Figur grimmig in der Bar einen hinter die Binde kippen ...

Kohlund: Ja, das ist natürlich beabsichtigt. Ich liebe diese alten französischen Filme von Regisseuren wie Jean-Pierre Melville oder eben auch Stoffe von Raymond Chandler. So was ist aber eigentlich zeitlos. Ich mag zum Beispiel "Jesse Stone" sehr gerne, das war vor einigen Jahren eine Filmreihe mit Tom Selleck als Kleinstadt-Cop. Diese TV-Filme waren nie so richtig populär hier, aber Selleck spielte diese Rolle überragend. Die Atmosphäre eines sehr einsamen Mannes, ein Ex-Alkoholiker, der sich aber dennoch seinen Aufgaben stellt, finde ich wunderbar. Das kommt mir sehr entgegen.

teleschau: Die Helden solcher Stoffe sind in der Regel nicht mehr ganz jung. Heißt älter zu werden, automatisch auch, desillusioniert zu sein?

Kohlund: Die Desillusion liegt in der Natur des Lebens, aber auch an unserer gegenwärtigen Zeit. Ich habe in meinen 65 Jahren durchaus Phasen erlebt, da war die gesamte Stimmung deutlich optimistischer als heute. Nehmen wir die 80-er. Nicht weil ich jung war, sondern weil es eine optimistischere Zeit war. Damals wurden Kriege beendet, die Musik war toll, es war Geld da, um kreative Dinge tun zu können. Das Schlimmste am Älterwerden ist nicht, dass ich ein paar Auas und Falten habe. Das stört mich überhaupt nicht. Ich versuche trotzdem, so nah wie möglich bei mir selbst zu sein. Was mich aber stört, ist, dass die Illusion, Dinge könnten besser werden, verloren geht. Es erfüllt mich mit Trauer, wenn ich sehe, wie sich die Gesellschaft in den letzten zehn Jahren entwickelt hat.

teleschau: Was geht Ihnen besonders gegen den Strich?

Kohlund: Die fehlende Solidarität. Speziell in Deutschland, aber auch an vielen anderen Orten des reichen Europas. Die soziale Ungerechtigkeit, die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich frisst unsere Gesellschaft von innen auf. Dazu kommt die Angst, die umgeht. Es ist vor allem die Angst vor Verlust, die so viele Menschen lähmt. Und dann haben wir noch eine Politik, die schon lange nichts mehr gestaltet, sondern nur noch Katastrophen-Management macht.

teleschau: Was haben die Menschen verkehrt gemacht?

Kohlund: Die Welt an sich ist schon ungerecht, weil Talente unterschiedlich verteilt sind. Es wird immer mehr zur Lotterie, in welche Gesellschaft man hineingeboren wird. Dazu kommt, dass Machtmissbrauch heute eher die Regel als eine Ausnahme ist. Die Mächtigen der Welt, und dazu zähle ich auch die Konzerne, haben kein Verantwortungsgefühl mehr für die Menschen. Es geht nur noch um Profit und Optimierung der eigenen Position - und keiner stört sich mehr daran. Das war noch vor zehn oder 20 Jahren anders. Fast scheint es mir, dass sich in dieser Zeit eine neue, schrecklichere Art Mensch entwickelt hätte.

teleschau: Der Mensch war also früher besser?

Kohlund: Nein, aber es gab Zeiten, als der moralische Druck, sich an gewisse Standards zu halten, ausgeprägter war. Der Mensch war immer schon ein Lump. Ich erinnere mich, dass ich als mal Jugendlicher mit meinen Eltern und Friedrich Dürrenmatt, einem Freund der Familie, im Münchener Hotel "Vier Jahreszeiten" abgestiegen bin. Da haben wir abends bei Rotwein und Cognac in der Hotelbar gesessen und philosophiert. Ich als junger, idealistischer Heißsporn fragte ihn: "Fritz, warum funktioniert das alles nicht mit der Politik, der Religion und so weiter?" Da setzte er sein berühmtes Grinsen auf und sagte (spricht mit Schweizer Akzent): "Ach, weißt du Christian, der Mensch ist einfach schlecht" (lacht).

teleschau: Ist das Fernsehen heute auch schlechter als früher?

Kohlund: Ich halte ARD und ZDF nach wie vor für zwei der besten Fernsehsender der Welt. Natürlich ist qualitativ eine gewisse Verflachung festzustellen. Was erfolgreich ist, wird kopiert, und das nervt dann in der Masse, was da auf einen zukommt. In meinen Anfängen war es noch etwas Besonderes, wenn eine neue Sache im Fernsehen kam. In einem Fernsehfilm dabei sein zu dürfen, war etwas Besonderes. Heute tritt jeder irgendwo auf. Man tanzt, singt, spielt oder macht was weiß ich was. Es gibt immer einen Kanal dafür. Das exklusive Flair, das Fernsehen mal hatte, haben wir verloren. Andererseits werden immer noch tolle Filme gemacht. Engagierte Filme - auch von jungen Leuten. In dieser Hinsicht sollten wir nicht jammern. Jeder Film bietet immer wieder die Chance, etwas Besonderes zu machen.

teleschau: Welche Ziele haben Sie noch als Schauspieler?

Kohlund: Oh, ich möchte noch so unendlich viel machen. Andererseits war ich nie jemand, der sagte: Ich muss den Hamlet oder den König Lear spielen. Natürlich sind das tolle Rollen. Aber wenn's nicht stattfindet, findet's nicht statt. Man kann sich die Rolle seines Lebens nicht aussuchen. Ich will einfach weiter arbeiten, und das bringt genügend Veränderung mit sich. Mit dem Alter werden auch die Rollen anders. Ich wünsche mir nur, gesund zu bleiben und weiter mit tollen Leuten arbeiten zu dürfen. Das Problem für uns Schauspieler ist ja, dass wir immer jemanden brauchen, der uns Stoffe gibt und uns inszeniert. Ich habe so viele grandiose Schauspieler erlebt, die nicht in der Lage waren, selbst etwas Kreatives abseits ihres Spiels auf die Beine zu stellen. Wir sind Künstler, die nur durch die Arbeit anderer zum Scheinen gebracht werden. Das ist unser Schicksal, und es macht mich demütig.

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