Senta Berger

"Die letzten Jahre schaffe ich schon auch noch"

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Am 13. Mai vollendet Senta Berger das 75. Lebensjahr. Was sie sich wünscht? "Ich will gutes Wetter haben, die Sonne soll scheinen. Das steht mir zu, finden Sie nicht?"

Ihr 75. Geburtstag steht im Mai ins Haus. Doch Senta Berger ist mit den Gedanken fest im Hier und Jetzt. Ein Gespräch über die Zukunftsängste der Jungen und die Vorzüge großer Lebenserfahrung.

Es ist ein besonderer Ehrentag, der seine Schatten vorauswirft: Senta Berger, Ikone des deutschsprachigen Films, weitgereiste Wienerin und Wahlmünchnerin, vollendet am 13. Mai das 75. Lebensjahr. Kein Wunder, dass die international renommierte Starschauspielerin da nun vielfach nach Lebensbilanzen und Jubiläumsgedanken gefragt wird. Doch viel wichtiger als der Blick zurück scheint Senta Berger das Hier und Jetzt zu sein. Zum Beispiel die Rolle der internen Ermittlerin Eva Prohacek aus der seit 2002 laufenden ZDF-Krimireihe "Unter Verdacht". Am Samstag, 23. April, 20.15 Uhr, ist mit "Der Richter" eine neue Folge im Zweiten zu sehen. Doch allzu viele werden nicht mehr hinzukommen, wie Senta Berger im Interview durchblicken lässt.

teleschau: Frau Berger, Sie spielen seit bald 14 Jahren die unverdrossene Kriminalrätin Eva Prohacek aus der "Unter Verdacht"-Reihe. Dabei betonen Sie schon länger, dass die Ermittlerin altersbedingt längst in Rente sein müsste.

Senta Berger: Die wird sie auch einreichen. Wir machen in diesem Jahr noch zwei Filme und im nächsten Jahr noch einen, als Abschlussfilm sozusagen. Der Film wird der 30. der Reihe sein. Es ist in der Tat nicht realistisch, dass die Eva Prohacek noch weiter in diesem Alter als Beamtin arbeitet.

teleschau: Der Entschluss steht unwiderruflich fest?

Berger: Ich denke schon. Aber ich werde sehr schwer von der Prohacek Abschied nehmen. Die Rolle ist mir ans Herz gewachsen. Und auch unser vertrautes Team. Wir haben einen kleinen Kreis von Regisseuren, Kameramännern, Mitarbeitern, die immer wiederkommen. Es ist schön zu arbeiten, wenn Vertrauen da ist.

teleschau: Erinnern Sie sich noch an die Geburtsstunde der Reihe?

Berger: Sehr gut. Der Autor Alexander Adolph, der 2001 mit der Redaktion des ZDF und den ersten Kreativen, die mit im Boot waren, "Unter Verdacht" entworfen hat, konnte durch seine Arbeit als Gerichtsreferent einen völlig neuen Zugang zum traditionellen Samstagabendkrimi finden. Wir wollten gemeinsam etwas erzählen, das gesellschaftlich relevant ist. Das ist aufgegangen. Wir haben seit damals eine konstante Menge an Zuschauern, die sich von Folge zu Folge sogar verjüngt. Dabei dachten wir, dass nach zwei oder drei Filmen Schluss wäre.

teleschau: Tatsächlich läuft nun im ZDF Film Nummer 24, "Ein Richter". Es geht um einen armseligen Machtmenschen, der unbehelligt Willkürurteile fällt.

Berger: Richtig. Unsere Hauptinspiration war der Fall Gustl Mollath. Wenn Sie sich erinnern: Da wurde von Gutachtern und Richtern ein Fehlurteil nach dem anderen gesprochen. Das Resultat kennen wir. Auch weiß man, dass in der Justiz nicht alles zum Besten bestellt ist. Es gibt zum Beispiel Einsprüche, die einfach aus formalen Gründen abgeschmettert werden. Das hat vielleicht damit zu tun, dass die Justiz überlastet ist.

teleschau: Diese These kommt im Film zur Sprache.

Berger: Und vor allem kommt zur Sprache, dass wir nicht wissen, wer die Richter kontrolliert. Sie werden ja nicht einmal zu einem jährlichen Gesundheitscheck gebeten.

teleschau: Können Sie vor dem Hintergrund nachvollziehen, dass das Vertrauen der Menschen in beinahe alle staatliche Institutionen dieser Tage schwindet?

Berger: Nur bedingt. Denken Sie nur daran, welche Erfahrungen meine Generation machte! Sie müssen sich gar nicht die Bilder vom Schah-Besuch 1967 vor Augen führen, um zu wissen, wie damals die Staatsgewalt mit den Studenten umgegangen ist. Wir hatten damals oft das Gefühl, dass die Polizei gezielt nach langhaarigen Männern schaut und dass es da Vorurteile gibt. Diese Willkür gibt es vermutlich auch heute noch, aber die Medien und die Öffentlichkeit lassen es nicht mehr in so großem Ausmaß zu. Meine Erfahrungen mit staatlichen Institutionen sind gut. Ich fühle mich in diesem Staat geschützt. Aber natürlich sind wir derzeit alle verunsichert durch die Flüchtlingsströme, die es ja schon sehr lange gibt, die wir uns aber in diesen Dimensionen nicht vorstellen konnten.

teleschau: Warum verunsichern uns diese Ströme so sehr?

Berger: Kann es sein, dass wir als Gesellschaft keine Utopie mehr haben? Kann es sein, dass wir kein gemeinschaftliches Ziel mehr haben? Vielleicht ist das ungerecht, was ich sage. Nach meinem Empfinden interessieren sich die jungen Leute heute zumeist nicht mehr für Politik. Sie ziehen sich zurück in eine Art von Biedermeieridylle. Allzu oft. Studenten haben nicht mehr die Widerstände, die es vor 50 Jahren noch gab. Das heißt: Sie müssen sich auch nicht gegen Widerstände wehren. Das Wichtigste für sie scheint mir zu sein, sich im Leben einzurichten, und zwar auf einem möglichst hohen Niveau. Das ist bis zu einem Punkt, denke ich, auch völlig legitim. Aber nun werden wir als Gesellschaft mit einem Problem konfrontiert, das dieses Wohlstandsniveau gefährden kann ...

teleschau: Mit der Gefahr gehen unterschiedliche Menschen ganz unterschiedlich um.

Berger: Ich glaube, in jedem Menschen schlummern zwei Seiten, die ganz gut mit den Hauptfiguren der "Unter Verdacht"-Reihe getroffen sind: der gewissenhaften Eva Prohacek und dem Karrieristen Dr. Reiter (gespielt von Gerd Anthoff, d. Red.). Die Prohacek würde zur Flüchtlingsfrage sagen: Natürlich schaffen wir das, auch wenn es lange dauern wird, sie alle zu integrieren. Während ihr Antagonist Dr. Reiter sagen würde: Nein, das sind zu viele. Das geht nicht. Am Ende nehmen mir die vielen jungen Männer meine Arbeit weg.

teleschau: Schlummern diese beiden Seiten auch in Ihnen?

Berger: Natürlich. Wir haben jetzt auch Flüchtlinge in Grünwald bekommen. Ich dachte gleich: Wir müssen den Kindern Fahrräder bringen, das Flüchtlingsheim ist so weit vom Bus weg! Und auf der anderen Seite merke ich: Ich hänge noch an meinen Vorurteilen, und die will ich loswerden, aber das ist schwer. Einer der besten Freunde meines Sohnes ist Türke, ein Moslem. Sie verstehen sich sehr gut, die Kinder gehen zusammen in den Kindergarten, alles wunderbar. Trotzdem erliege auch ich immer wieder der Versuchung zu sagen: alle! Alle Moslems. Das finde ich furchtbar, so will ich nicht sein. Jeder ist jemand.

teleschau: Derzeit unterstützen Sie die politische Kampagne "Meine Stimme für Vernunft", die gegen rechtspopulistische Hetze und eine drohende Spaltung des Landes gerichtet ist.

Berger: Es ist eine überparteiliche Kampagne, ja. Die These, die ich dort vertrete, lautet: Ich finde, dass alle, die in unser Land kommen, sich an unsere Gesetze halten müssen. Und wenn sie das nicht tun, müssen sie genauso bestraft werden wie die, die schon ein bisschen länger in diesem Land sind. Das alles hat nichts mit Religion zu tun. Es lassen sich mit der Religion keine Situationen legitimieren, die bei uns nicht akzeptabel sind: etwa die Zurücksetzung des weiblichen Geschlechts. Das geht nicht.

teleschau: Die These würden sicher viele unterschreiben. Dennoch scheint ein Riss durch die Gesellschaft zu gehen.

Berger: Mir macht das komischerweise keine Angst. Deutschland war immer schon ein gespaltenes Land. Wenn man sich früher als Künstler zu Willy Brandt bekannte, war man für die politisch andersdenkende Hälfte der Bevölkerung gleich die rote Hexe. Deutschland mag dieser Tage ein zwiespältiges Bild abgeben, aber es ist immer noch ein besseres Bild als das vieler anderer europäischer Länder. Aber natürlich wird es auch hier einen Rechtsruck geben, das ist klar.

teleschau: Das nehmen Sie schulterzuckend hin?

Berger: Es wird sich dann auch wieder etwas dagegen bewegen. Wenn ich das mal übertragen darf auf meinen Beruf: Ende der 60er-Jahre gründeten die jungen Filmemacher ihre eigenen Firmen, weil sie mit den alten Nazi-Produzenten nicht zusammenarbeiten wollten. Gegen die Verlogenheit der Nazi-Zeit, die sich im deutschen Film der 50er-Jahre fortsetzte, hat sich eine ganze Generation gewehrt. Auf eine solche Gegenbewegung setze ich jetzt wieder.

teleschau: Liegt es womöglich an Ihrer jahrzehntelangen Lebenserfahrung, auch an den Erlebnissen der Kriegs- und Nachkriegszeit, dass Sie jetzt weniger zur Panik neigen als Jüngere?

Berger: Klar! Sie werden mich gleich nach meinen Geburtstag fragen. Und dann frage ich Sie nach Ihrem. Da haben wir die Antwort schon auf dem Tisch. Vielleicht bin ich auch nicht so pessimistisch, weil ich bald 75 Jahre alt bin. Ich denke mir: Naja, die letzten Jahre schaffe ich schon auch noch.

teleschau: Aber Sie haben erwachsene Söhne und kleine Enkel. Wenn Sie an die Welt denken, in der Ihre Enkel mal leben werden, ist Ihnen dann nicht mulmig zumute?

Berger: Sicher, ich habe oft ein mulmiges Gefühl. Diese unlösbare Situation im Nahen Osten. Dieser fette Mensch in Nordkorea. Natürlich habe ich da Angst. Aber dann wieder sehe ich meine Enkelsöhne und Nichten und Neffen, wie sie springen und lachen und die Welt entdecken - ja: neu erfinden! Mir fallen zu Ihrer Frage zwei Sätze ein, an die ich glaube. Der eine lautet: Nichts bleibt, wie es war. Und der andere lautet: Alles ist so, wie es immer war. Beides ist wahr, ein Paradoxon. Der Mensch ist nicht gut, wir haben im Lauf der Geschichte nichts dazugelernt. Und so wiederholt sich eben vieles: Kriege, Unterdrückung, Krisen ... Übrigens: Als ich jung war, so 16, 17, habe ich gar nicht bewusst Politik verfolgt oder verstanden. Ich wurde nicht angeleitet, nicht von meinen Eltern und nicht von der Schule. Bei uns zu Hause gab es nicht einmal eine Tageszeitung.

teleschau: Wann hat sich das geändert?

Berger: Ich bin erst in Amerika politisiert worden, da war ich 22. Ich war umgeben von vielen jüdischen Emigranten. In der Filmbranche wurde ich damals sehr stark wegen unserer Geschichte geprüft und in die Zange genommen. Ich musste wirklich gut Bescheid wissen, um bestehen zu können. Und dass es bis heute kaum amerikanische Koproduktionen mit Beteiligung deutscher Filmfirmen gibt, liegt sicherlich an der Vergangenheit unseres Landes. Auf wirtschaftlichem Gebiet spielt das natürlich längst keine Rolle mehr.

teleschau: Frau Berger, jetzt haben wir es erfolgreich vermieden, über Ihren im Mai anstehenden runden Geburtstag zu sprechen. Das ist Ihnen wahrscheinlich ganz recht?

Berger: Ach ja, ich kann schon darüber reden, aber so interessant ist das Thema auch nicht. Der Geburtstag kommt, ob ich es will oder nicht. Ich bin oft gefragt worden, was ich mir wünsche. Ich habe stets geantwortet - und das wiederhole ich: Ich will gutes Wetter haben, die Sonne soll scheinen. Das steht mir zu, finden Sie nicht?

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