EM-Euphorie als Kitt einer zerrissenen Gesellschaft

Deutschland, einig Fußball-Land?

+
Michael Thiel ganz relaxt im Urlaub auf den Lofoten: Dort hielt sich der Hamburger Psychologe auch während der WM 2006 auf - und doch hatte er dort, „mitten im norwegischen Nirgendwo“, seine kleinen Publiv-Viewing-Momente.

Ist das Sommermächen wiederholbar? Und was hätten wir davon? Der renommierte Psychologe Michael Thiel spricht über die Zusammenhänge zwischen Sport, TV-Event und Stimmungslage einer Nation.

Deutschland, vor zehn Jahren: Das war ein kollektiver Freudentaumel. Wir erinnern uns an eine selbstbewusste Gesellschaft, die sympathisch der ganzen Welt entgegenlächelte. Ein Ruck ging durch das Land, und seit dem Sommer von 2006 weiß jeder, dass Fußballgucken auf Großbildleinwand „Public Viewing“ heißt, was eine „Fanmeile“ ist und dass das „Sommermärchen“ keine Geschichte der Gebrüder Grimm ist. Wobei deren Erzählungen deutlich nachhaltiger wirkten als die Euphorie jener Tage. Zehn Jahre nach der „WM im eigenen Land“ scheint das Land gespaltener denn je. Von Euphorie ist angesichts der immer polemischer und aggressiver geführten Debatte um die Flüchtlingspolitik keine Rede mehr. Der positive, von Offenheit und Willkommenskultur geprägte Konsens, der die Deutschen 2006 mit ihren Gästen aus aller Herren Länder in den Straßen und Parks tanzen ließ, ist nur noch eine schöne Erinnerung. Im Interview macht sich der bekannte Hamburger Psychologe Michael Thiel vor der EURO 2016 (10. Juni bis 10. Juli) Gedanken, ob eine allgemeine Fußball-Hochstimmung als Kitt einer zerrissenen Gesellschaft taugt.

nordbuzz: Zehn Jahre Sommermärchen: Wie erinnern Sie sich an den Sturm der Euphorie, der bei der WM 2006 durchs Land fegte?

Michael Thiel: (lacht) Ich war damals gar nicht vor Ort, sondern sehr weit weg: im Urlaub auf den Lofoten. Aber selbst dort, mitten im norwegischen Nirgendwo: Ich saß mit fünf anderen deutschen Angeltouristen in der einzigen Dorfkneipe weit und breit beim Bier - und es dauerte nicht lange und wir einander wildremden Menschen lagen uns jubelnd in den Armen. Ein Mini-Public-Viewing-Erlebnis, das wir an weiteren Spieltagen wiederholten, irgendwann hatten wir sogar Fähnchen in der Hand oder ins Gesicht gemalt ... Sehr skurril, wenn ich heute darüber nachdenke - denn eigentlich bin ich gerade beim Fußball das Gegenteil von extrovertiert. Das war schon eine besondere Energie damals.

nordbuzz: Was war passiert?

Thiel: Dasselbe, was 1954 beim „Wunder von Bern“ passiert ist: Der Fußball hat eine ganze Nation wachgerüttelt. Die Wissenschaft hat das psychologische Phänomen hinreichend untersucht: Fußball kann nachweislich eine Euphorie auslösen, die sich schier unaufhaltsam ausbreitet, die die Menschen von Ängsten, Sorgen und manchen Hemmungen befreien kann. '54 gestatteten sich die Deutschen, erstmals nach dem Krieg wieder Lebensfreude und Selbstbewusstsein nach außen zu tragen, sie schüttelten die Schuldgefühle ab und machten sich ans Wirtschaftswunder. 2006 entwickelte sich dieser bis dato völlig undenkbare, positive Nationalstolz - alle hatten auf einmal diese Kanzlerbeflaggung an ihren Autos. Die Deutschen mochten ihr Deutschland - vorher undenkbar.

nordbuzz: Wie geht so etwas?

Thiel: Man kann das als „Halo“-Effekt bezeichnen: Der Erfolg der Mannschaft überträgt sich Schritt für Schritt quasi auf alle, auf eine ganze Gesellschaft. Der Schalter wird im Kopf eines jeden Einzelnen umgelegt: Er fühlt sich dann als Teil des Erfolges und ist bestärkt, weil er überzeugt ist, selbst seinen durchaus entscheidenden Beitrag geleistet zu haben. Und dann tanzt man eben in den Straßen, um das Ganze mit anderen auch gebührend zu feiern. Die Medien berichten wiederum auch darüber, so setzt sich das immer weiter fort. Die Fernsehbilder und besonders die neuartigen Public-Viewing-Events und Fanmeilen hatten 2006 einen erheblichen Anteil an der Ausbreitung der Fußball-Euphorie ...

nordbuzz: Was genau treibt die Menschen eigentlich zum Public Viewing, wenn sie die Spiele doch auch ganz gemütlich daheim auf der Couch schauen können?

Thiel: Da geht es nicht allein um das kollektive Erlebnis, darum, die komplette Emotionspalette mit tausenden Gleichgesinnten zu durchlaufen, sondern vor allem darum, dass man sich - eher unterbewusst - als wesentlichen Teil der Veranstaltung wahrnimmt: Ich bin nicht nur der passive Zugucker vor der Großbildleinwand, sondern es ist mein Ereignis. Ohne mich und all die anderen hier würde es dieses Fest gar nicht geben! Dieses positive Gefühl des Einzelnen war fraglos auch der Treiber jener positiven Stimmung, die wir heute als Sommermärchen erinnern. In der Euphorie ticken wir eben alle irgendwie gleich.

nordbuzz: Wovon nicht zuletzt auch die Politik profitiert hat!

Thiel: Das ist richtig, der Zusammenhang ist ebenfalls wissenschaftlich belegbar: Die jeweils amtierende Regierung profitiert im Erfolgsfalle eindeutig von der Nationalmannschaft, sie wird von den Wählern automatisch besser bewertet. Sicher nicht ganz zufällig ließ sich Angela Merkel nicht nur einmal im Kreise der erfolgreichen deutschen Stars ablichten ... - Auch wenn das meiste da im Unterbewusstsein der Menschen passiert: Alle Umfragen, die 2006 angestellt wurden, haben belegt, dass die Wirtschaftslage besser eingeschätzt wurde als vorher, dass die Menschen viel zuversichtlicher in die Zukunft sahen, dass sie mehr investieren wollten ... In einer solchen Phase wird mehr angepackt und gewagt - man ist einfach risikofreudiger und positiver. So war es auch 2014 beim Titelgewinn in Brasilien.

nordbuzz: Angesichts des tiefen Risses, der sich gerade durch unsere Gesellschaft zieht, möchte man meinen, es ist höchste Zeit, dass die Europameisterschaft kommt!

Thiel: Wenn es nur so einfach wäre (lacht). Ja, der positive Effekt kann die Gesellschaft wieder näher zusammenbringen, das ist so. Aber dieser Effekt ist leider auch alles andere als ein Dauerbrenner, und dann ist bald wieder alles beim Alten.

nordbuzz: 2006 wurde auch viel über einen kulturellen Wandel geredet: Auf einmal galten die Deutschen als weltoffen, tolerant, als gut gelaunte Gastgeber für Menschen aus aller Herren Länder ...

Thiel: Ja. Und heute? Ist alles wieder anders! - Jedenfalls sind weite Teile der Bevölkerung sehr immigrantenfeindlich gestimmt. Der Psychologe in mir ist nun sehr gespannt, ob die Fußball-Euphorie, wenn sie denn überhaupt zustandekommt, wenigstens ein Stück weit einen Wandel herbeiführen kann. Ob die Integrationsskeptiker ihre Aggressivität ablegen und wieder etwas weltoffener und menschenfreundlicher werden. Wir werden sehen ...

nordbuzz: Das heißt, die Chance besteht aus Ihrer Sicht immerhin?

Thiel: Absolut. Wenn wir Menschen uns emotional gut fühlen, wenn wir gut drauf sind, dann werden wir in der Regel toleranter. Dieser Effekt ist gut erforscht: Im Erfolg gönnen wir uns selbst mehr, aber auch allen anderen. Also: Ja, ich habe die berechtigte Hoffnung, dass die Deutschen wieder etwas großzügiger und weniger angstvoll auf die so heftig umstrittene Flüchtlingsthematik blicken. Andererseits wage ich kaum zu prognostizieren, was geschehen könnte, falls die EM nicht so erfolgreich wird.

nordbuzz: Was ist, wenn das deutsche Team wie 2004 sang- und klanglos in der Vorrunde rausfliegt?

Thiel: Dann kann das Ding hier stimmungsmäßig auch so richtig in die Hose gehen, keine Frage. Ich will wirklich nicht unken, aber es gibt Politikwissenschaftler, die den Untergang der Regierung Kohl mit dem ziemlich trostlosen Viertelfinal-Aus des Berti-Vogts-Teams bei der WM in Frankreich in engen Zusammenhang bringen. Helmut Kohl, dessen Umfragewerte direkt nach der WM um zehn Prozent gesunken waren, wurde im September 1998 abgewählt. Vogts trat im gleichen Monat zurück. Die gingen zusammen unter, wenn man so will. Und Gerhard Schröder, eigentlich ein bekennender Fußballfan, blieb danach in all denen Jahren immer erstaunlich distanziert zur Nationalmannschaft - besonders in den Monaten vor Wahlen. Er hat sich wohl was dabei gedacht.

nordbuzz: Was raten Sie als Psychologe einem Fußballfan, der gerne in Frankreich im Stadion dabei wäre, aber aufgrund der angespannten Sicherheitslage ein mulmiges Gefühl hat?

Thiel: Sie werden verstehen, dass ich mich da zurückhalte. Schwierige Frage ... Jeder muss selbst wissen, wie sensibel seine Psyche reagiert. Es macht definitiv keinen Sinn, mit Nervenflattern nach Frankreich zu fahren, weil man dann das Erlebnis im Stadion wohl kaum genießen können wird. Es ist ein bisschen wie bei der Flugangst: Ich zum Beispiel steige total entspannt in den Flieger und mache sofort die Augen zu und schlafe ein, meine Frau hingegen wird immer wacher - wir haben ein grundunterschiedliches Stresssystem. Also: Wenn Sie wirklich Bock haben und das Ticket vielleicht schon in der Tasche, warum sollten Sie dann nicht fahren? Tun sie es zusammen mit Freunden und machen Sie die EM zu Ihrem eigenen Sommermärchen!

(Michael Thiel ist niedergelassener Diplom-Psychologe, Trainer und Coach mit den Schwerpunkten Krisenintervention, Paar- und Familientherapie sowie Persönlichkeits- und Gesundheitstraining. Seit Jahren ist er als Experte für TV-Sender und Printmedien tätig, er coacht auch TV-Stars und prominente Sportler. „TheraThiel“ heißt seine neue, interaktive Beratungssendung. Jeden Dienstag live ab 21.45 auf www.rocketbeans.tv.)

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren