Hugh Laurie

"Das Leben ist zu komplex für 90 Minuten"

+
"Ob Sie es glauben oder nicht: Als ich den Roman vor mehr als 20 Jahren zum ersten Mal las, stellte ich mir vor, die Rolle des Helden zu spielen", Hugh Laurie bedauerte es im Interview aber nicht wirklich, dass er den Schurken spielen muss.

Hugh Laurie macht in der Serie "The Night Manager" einmal mehr Bekanntschaft mit menschlichen Abgründen.

Jetzt wird er richtig böse: Hugh Laurie, als "Dr. House" noch von einer liebenswerten Misantrophie befallen, spielt in der Spionageserie "The Night Manager" (erhältlich auf DVD, Blu-ray Disc und bei Amazon als Video-on-Demand) den Waffenhändler Richard Onslow Roper, der niederträchtig bis ins Mark ist und von einem zum Hilfsagenten umgeschulten Hotelmanager (Tom Hiddleston) ausspioniert werden soll. Während sich John Le Carré, der Autor der Romanvorlage, in der Lobby eines Berliner Hotels den Vormittagstee servieren ließ, machte sich der 56-jährige Brite Hugh Laurie im Interview Gedanken über den Zustand der Welt.

teleschau: "The Night Manager" ist ziemlich beängstigend, vor allem, was die Arbeit der Geheimdienste angeht: Wie sehen Sie denn die aktuellen Entwicklungen?

Hugh Laurie: Wir leben in einer ziemlich trostlosen Welt, in der zu viele Menschen zu viele Befugnisse an ihre Regierungen abtreten - für ein vermeintliches Sicherheitsgefühl. Jeder normal denkende Mensch sollte darüber besorgt sein. Ich zitiere hier gerne Benjamin Franklin: "Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, verdient beides nicht."

teleschau: Warum machen wir es trotzdem?

Laurie: Weil wir uns beim Umgang mit Geheimdiensten und der Macht, die wir ihnen zugestehen, zu wenig mit den langfristigen Konsequenzen beschäftigen. Wenn Apple dem FBI das iPhone des Terroristen entschlüsselt hätte, wäre das ein Präzedenzfall, der uns eingeholt hätte. Jede Wette. Regierungen sollten keinen Freibrief von uns bekommen, nur weil wir gerade Panik haben. Es ist ein schmaler Grat, auf dem wir uns heute bewegen.

teleschau: Bei all den atemberaubenden Schauplätzen der Serie sind Sie sich doch wie James Bond vorgekommen, oder?

Laurie: Ganz ehrlich: nein. Was Sie nicht sehen: Egal wie schön die Kulisse in der Serie ist, beim Dreh steht da eine Menge Ausrüstung rum. Außerdem rennen ständig irgendwelche Leute durch die Landschaft und geben Anweisungen. Sowas kann die Schönheit einer Landschaft relativieren.

teleschau: Wie war es für Sie, nach jahrelangem Hollywood-Exil wieder zu Hause im Vereinigten Königreich zu arbeiten?

Laurie: Wäre eigentlich großartig, aber leider drehte ich keine meiner Szenen in England. Ich musste in Marokko, Spanien und der Schweiz arbeiten. Aber da man mir ja auch den Titel "Ausführender Produzent" verliehen hatte, bin ich immer mal nach London geflogen, um die Dreharbeiten zu "überwachen".

teleschau: Als Experte für "böse" Menschen: Warum macht der Waffendealer in "The Night Manager" so witzige Sprüche?

Laurie: Leute sind lustig, das Leben ist lustig. Eine Serie, die das nicht berücksichtigt, kann nicht wahrhaftig sein. Das gilt auch für "The Night Manager", wo es um eine ziemlich finstere Story geht. Deswegen hat meine Figur diese eloquent-witzigen Züge.

teleschau: Eine Traumrolle also?

Laurie: Ob Sie es glauben oder nicht: Als ich den Roman vor mehr als 20 Jahren zum ersten Mal las, stellte ich mir vor, die Rolle des Helden zu spielen. Ich hatte sogar die Rechte gekauft. Und nun musste ich diesem jungen, gutaussehenden Knaben Tom Hiddleston dabei zusehen.

teleschau: Und das auch noch ziemlich lange ...

Laurie: Stimmt. Aber das kann ich verkraften. "The Night Manager" als Serie zu verfilmen, war eine ziemlich gute Idee: Nur so konnte man dem Detailreichtum des Romans gerecht werden. Für meinen persönlichen Geschmack wurden die besten John Le Carré-Verfilmungen immer fürs Fernsehen gemacht. Sein Stil verlangt nach Zeit für Details, die man sich im Kino einfach nicht nehmen kann. Sehen Sie: Die Kinoversion von "Dame, König, As, Spion" neulich war brillant - aber als ich den Film sah, fielen mir all die fehlenden Details auf, die nicht in den Film passten. Das Leben ist zu komplex für 90 Minuten.

teleschau: Die Rolle in "The Night Manager" dürfte Ihnen nicht schwer gefallen sein: Immerhin habe Sie schon mal einen Roman über einen Waffenhändler geschrieben.

Laurie: Witziger Zufall, oder? "The Gun Seller" spielt zufällig im selben Milieu.

teleschau: Wie steht's denn mit der lange angekündigten Fortsetzung?

Laurie: Ich weiß, dass ich schon zehn Jahre Verspätung habe. Aber immerhin habe ich mit dem zweiten Roman schon angefangen.

teleschau: Sie spielten jahrelang Dr. House und sagten irgendwann, dass sie der Figur müde sind: Warum sind Sie zurück ins TV gegangen?

Laurie: Ich liebte Dr. House, er bot mir das Beste aus beiden Welten: Drama und Komödie. Und ich hatte 177 Folgen lang die Gelegenheit, den Typen kennenzulernen. Eine ziemlich lange Zeit. Wenn ich Medizin studiert hätte, wäre ich in dieser Zeit ein echter Doktor geworden.

teleschau: Wie viele Kinofilme haben Sie für "Dr. House" eigentlich abgelehnt?

Laurie: Es war nie mein Plan, so lange Dramaserien zu machen. Wenn ich es mir recht überlege: Ich habe überhaupt keinen Plan, was meine Karriere betrifft. Ich bin da eher wie ein Ball beim Flipper. Dass ich keine Kinofilme machte, hat jedenfalls einen ganz banalen Grund: Die guten Drehbücher, die mir angeboten wurden, waren einfach TV-Serien. Punkt. Das mag Zufall sein. Vielleicht bekomme ich schon morgen ein Kino-Drehbuch, dem ich nicht widerstehen kann.

teleschau: Wie wahrscheinlich ist das denn? Ganz Hollywood macht jetzt Serien ...

Laurie: Ein Grund, warum zurzeit so viele Filmschaffende ins Serienfach wechseln, ist, dass man im Studiosystem nie weiß, ob man einen Film in zwei, fünf oder zehn Jahren machen kann. Das Fernsehen hingegen ist sehr hungrig und hat einen immensen Appetit auf gute Serien. Hier kann es nicht schnell genug gehen.

teleschau: Dabei galt das Fernsehen viele Jahre lang als armer Vetter des Kinos ?

Laurie: Das Verhältnis hat sich mittlerweile umgekehrt. Das Kino ist in keinem besonders gesunden Zustand, während das Fernsehen vor Kraft kaum laufen kann. In den USA soll es allein in diesem Jahr mehr als 600 neue fiktionale Serien geben. Das wird natürlich nicht ewig so weitergehen, weil es sonst irgendwann mehr Leute gibt, die Serien machen, als Leute, die sie sich ansehen.

teleschau: Was bedeutet dieser Heißhunger denn für Ihre Arbeit?

Laurie: Ich muss subtiler arbeiten. Man hat heute auf einem Smartphone eine höhere Auflösung als vor zehn Jahren auf einem Monster-TV. Je höher die Auflösung der Bildschirme, umso weniger entgeht dem Publikum. Das bedeutet zum Beispiel auch, dass jede Kulisse richtig gebaut werden muss. Wo früher ein paar Spanplatten und einer Eimer Farbe reichten, muss jetzt eine echte Mauer hochgezogen werden.

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren