Christian Petzold im Interview

„... dann hat das Fernsehen eine Chance“

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„Wer allein fernsieht, ist einerseits in der Geschichte, aber andererseits noch da, in einer Halbwelt, einer Twilight Zone“: Christian Petzold findet originelle Worte, um die Unterschiede zwischen TV und Kino aufzuzeigen.

„Das Kino ist Traum! Kino hat etwas Somnambules“, schwärmt Christian Petzold. Doch gut, dass es den preisgekrönten Regisseur ab und an auch zum Fernsehen zieht ...

Der 1960 in Hilden geborene und in Wuppertal aufgewachsene Regisseur Christian Petzold gilt als eines der Gesichter der „Berliner Schule“ und wird für seine Arbeiten weltweit sehr geschätzt. Von der Kritik verehrt, gewinnen Werke wie „Barbara“, „Wolfsburg“ oder „Gespenster“ zahlreiche Preise, wie zuletzt den Deutschen Fernsehkrimipreis für den „Polizeiruf 110: Kreise“. Das Filmfest München widmete dem Filmemacher im Juni eine Retrospektive.

Mit dem „Polizeiruf 110: Wölfe“, der am Sonntag, 11. September, 20.15 Uhr, im Ersten läuft, greift Petzold die gemeinsame Ermittlungs- und Liebesgeschichte des in München ermittelnden Hanns von Meuffels (gespielt von Matthias Brandt) und seiner Hamburger Kollegin Constanze Hermann (Barbara Auer) auf und schreibt diese fort. - Ein Gespräch über Schauspieler, das Filmemachen, das krankende Fernsehen und, ja, auch über Wölfe ...

nordbuzz: Die Wölfe kommen nicht nur in der Natur nach Deutschland zurück, sondern auch im Film. Kürzlich lief auch „Wild“ von Nicolette Krebitz sehr erfolgreich ...

Christian Petzold: Ja, die Wölfe kommen zurück. Darin spiegelt sich auch eine faschistische Sehnsucht. Endlich kommt der Wolf, Hitler, wieder zurück. Der Starke, der Nicht-Aufgeklärte, der Rücksichtslose, das Tier. Ein Rudelführer. Die Wölfe im Film sind Einzelgänger. Das Rudel macht keine Geschichte, aber der einsame Wolf ist ein Gleichnis für einen Menschen. Hitler nannte sich auch Wolf. Der hatte eher nicht das Gefühl, dass Göring zu seinem Rudel gehört. Wölfe sind tolle Tiere, ich liebe die sehr.

nordbuzz: Wie haben Sie Wölfe für sich entdeckt?

Petzold: Ich habe mal einen Roman über Wölfe gelesen. Es liegt aber auch daran, dass ich mit sieben Jahren „Dschungelbuch“ gesehen habe und darin die Wölfe Mogli aufziehen. Die sind da eine richtige Gesellschaft. Die diskutieren, sind empathisch, kümmern sich. Auch bei Romulus und Remus begründen die Wölfe den Staat. Eigentlich ist der Wolf ein aufgeklärtes demokratisches Wesen, das allerdings als Einzelwolf wieder zum Faschisten wird. Deswegen eignet er sich so gut für diese Geschichten. Der Einzelne, der Führer, der ist die Gefahr. Die Gemeinschaft steht für das Glück, die kümmert sich und baut uns auf. In Märchen sind immer die Wölfinnen die Guten. Im Dschungelbuch ist es die Wölfin, die Mogli, das Menschenkind, großziehen will. Sie hat ein Herz.

nordbuzz: „Wölfe“ ist Ihr vierter Film mit Barbara Auer. Wie profitiert eine Zusammenarbeit, wenn man sich über Jahre kennt und einander auch irgendwie begleitet?

Petzold: Im Theater arbeitet man im Ensemble, aber ich bin nicht beim Theater. Bei Fassbinder war es ein Ensemble, die entdeckten in der Arbeit, die sie gerade machen, die nächste. Die öffneten eine Tür von einem Film zum nächsten, von einem Stück zum nächsten. Wenn ich mit Nina Hoss oder Benno Fürmann, Roland Zehrfeld oder Barbara Auer gearbeitet habe, dachten wir immer darüber nach, was wir noch machen könnten. Entdeckten Sehnsüchte und Dinge, mit denen wir Filme drehen können. So war das bei Barbara Auer und Matthias Brandt beim „Polizeiruf“ auch. Bei „Kreise“ war kein zweiter Film vorgesehen, wir merkten aber, dass diese Geschichte, die nicht als Liebesgeschichte geplant war, eine unfassbare Liebesgeschichte wurde. Bei „Wölfe“ haben die schon Probleme, die andere Paare erst nach 30 Ehejahren haben. Das war der Gedanke.

nordbuzz: Gibt es so etwas wie eine Filmfamilie?

Petzold: Eine Familie würde ich das nie nennen. Leute, die Film machen, also nicht nur die Schauspieler, sondern auch die hinter der Kamera, die sind für mich eher eine Gruppe, wie das Technische Hilfswerk. Wir lieben die Arbeit, haben auch ein Verhältnis zueinander, das sich über die letzten 20, 25 Jahre intensiv entwickelt hat, machen aber privat nix miteinander. Familien fangen schnell an zu verdrängen, zu unterdrücken, unter den Teppich zu kehren, und das passt nicht zu der Modernität des Films und des Kinos.

nordbuzz: Ein Fußballnachmittag mit Benno Fürmann wäre also undenkbar?

Petzold: Wir gehen eher zusammen Essen. Mit Ronald Zehrfeld habe ich schon Fußballspiele gesehen und mit Nina Hoss auch. Wobei die beim Fußball durchknallt. Ich erinnere das Spiel Deutschland gegen Polen 2006, das sahen wir während der Dreharbeiten zu „Yella“. Nachdem Ballack zweimal an die Latte geschossen hat, vernichtete sie beinahe das Hotelzimmer. Sonst halten wir Distanz, und das ist auch notwendig.

nordbuzz: Kurz zu Nina Hoss und Ihnen, da fällt fast reflexartig das Wort „Muse“. Würden Sie diese Beschreibung unterschreiben?

Petzold: Sie selbst sagt „Medium“, das finde ich besser. Es ist schon so, dass bei dem, was sie spielt, eine Projektion stattfindet. Ich würde aber einen Begriff wie „Muse“ nicht verwenden, da ist das Wort „Couchcasting“ nicht mehr weit entfernt.

nordbuzz: Welche Rolle spielen Träume und Albträume in Ihrem Leben?

Petzold: Das Kino ist Traum! Kino hat etwas Somnambules. Wer allein fernsieht, ist einerseits in der Geschichte, aber andererseits noch da, in einer Halbwelt, einer Twilight Zone. Deshalb liebt das Kino den Traum. Das Kino liebt weniger Filme, die Träume realisieren. Traumsequenzen langweilen zu Tode. Traumgleichnisfilme langweilen mich zu Tode - das Kino selber ist der Traum.

nordbuzz: Die Welt zwischen Bewusstem und Unbewusstem ...

Petzold: Das hat etwas von diesem Einnicken. Man ist noch da, aber ganz woanders. Genau da fängt das Kino an.

nordbuzz: Man liest häufig, dass Sie Fernsehgesetze brechen ...

Petzold: Ich weiß nicht, welche das sein sollen. In der Erzählstruktur des deutschen Fernsehens herrscht so ein Durcheinander.

nordbuzz: Wie ist das zum Beispiel auf formaler Ebene mit der 90-Minuten-Vorgabe?

Petzold: Das ist kein Gesetz, also kann ich das nicht brechen. Das ist eine Notwendigkeit, und die gibt es, weil das deutsche Fernsehen von Slots bestimmt wird. Man muss also eine höhere Auflösung wählen, um den Film so rhythmisch schneiden zu können, dass der in diese 90 Minuten passt. Oder man muss auf sehr große Sachen verzichten. Was ich wirklich sehr gut kann, ist auf 89 Minuten takten.

nordbuzz: Beendet nicht die Verknüpfung von Fernsehen und Internet solche Formen? Verändert das Ihr Arbeiten?

Petzold: Meine These ist die, dass das Privatfernsehen verschwinden wird. Das lebt nur davon Werbung zu verkaufen. HBO, Netflix und Co werden das Privatfernsehen ersetzen, aber das öffentlich-rechtliche Fernsehen wird bleiben, aber auch nur, wenn es ordentlich kuratiert. Die Leute, die sagen, sie sehen nicht mehr fern, sind Leute, die ihre Platten- oder Videosammlung ausgelagert haben. Das wunderbare am Fernsehen oder auch am Radio ist, dass wir einschalten und nicht wissen, was kommt. Da kann ganz Furchtbares kommen, aber manchmal kommst du vom Spazieren zurück und entdeckst etwas, mit dem du nicht gerechnet hast. Das passiert dir nicht, wenn du nur bei Netflix Filme schaust, von denen du schon gehört hast.

nordbuzz: Was muss das Fernsehen leisten?

Petzold: Das Fernsehen muss für unsere Gesellschaft ein Programm kuratieren, das einen mal hier- und mal dorthin gucken lässt. In den 70er-Jahren war das Fernsehen wesentlich besser kuratiert. Da gab es um 20.15 Uhr Filme von Fassbinder oder Kluge. Das Fernsehen zeigt nur noch, was der vermeintliche Zuschauer sehen will - und damit graben die sich ihr Grab. Denn der vermeintliche Zuschauer wird zu Netflix oder auch einem „Netflix der Volksmusik“ wechseln, wenn er das sehen will. Wenn das Fernsehen aber überraschen kann, mit diesem Spielfilm, auf den jene Dokumentation und dann die „Tagesthemen“ folgen, man sich also zurücklehnen kann und abwartet, was kommt ... - dann hat es eine Chance.

nordbuzz: Welche Rolle spielen die Programm-Schienen, die gefüllt werden müssen?

Petzold: Das schaffst du nicht. Du kannst nicht 40 Sender täglich mit 24 Stunden Programm füllen. Das ist nicht zu machen. Drei, vier Sender würden reichen. Wie Deutschlandradio, Deutschlandradio-Kultur und WDR5. Das reicht mir. Ich will nicht bestellen, ich will respektiert werden.

nordbuzz: Damit rufen Sie auch einen Kampf gegen den Algorithmus der Portale aus, oder?

Petzold: Der Algorithmus ist etwas anderes als ein Besuch in der Bibliothek, wo du auf eine Spurensuche gehst. Der übernimmt eine Detektivarbeit, aber so, als würde der Detektiv nichts mehr auf dem Weg entdecken, sondern per Navigationssystem durch die Geschichte geleitet.

nordbuzz: Der Algorithmus sucht nach dem kürzesten Weg, weil er logisch denkt...

Petzold: Wir leben aber nicht in einer logischen Welt. Daher müssen wir den Privatdetektiven wieder zu Ihrem Recht verhelfen.

nordbuzz: Kürzlich hat Ihnen das Filmfest München eine Retrospektive gewidmet. Sind Sie nicht zu jung für eine Retrospektive?

Petzold: Es gab schon mal eine Retrospektive meiner Arbeit in Wien, die war damals allerdings eingebettet in Seminare. Da wurde das eigene Werk befragt, und das lief gemeinsam mit der Filmakademie Wien. Da kam mir das weniger wie eine Retrospektive vor, ich wählte 21 Filme aus, die mir gefallen. Also kuratierte ich eher und integrierte da mein eigenes Werk. In München war ich Ehrengast und so, da dachte ich schon, da bin ich noch zu jung. Aber es war überhaupt nicht schlimm und hat Spaß gemacht, im Filmmuseum die Filme zwar nicht noch einmal anzuschauen, aber mich an die Filme zu erinnern und aus dieser Erinnerung zu erzählen.

nordbuzz: Wieso schauen Sie die Filme nicht noch einmal an?

Petzold: Kein Interesse. Früher habe ich mich eher narzisstisch gekränkt geschämt, weil ich eigene Fehler erkannt habe - aber mit diesem Gerede macht man sich nur wichtig. Sequenzen sehe ich gerne, Szenenfolgen und Schnittfolgen habe ich immer noch ganz gut im Kopf - was auch für die Jugend spricht.

nordbuzz: Gibt es etwas, worüber sich der junge Petzold gewundert hätte, wenn er jetzt „Wölfe“ sieht?

Petzold: Der junge Petzold hätte, zu der Zeit, in der ich meinen ersten Film gedreht habe, nicht geglaubt, dass das so gut läuft. Ich war Berufspessimist. Ich dachte, ich müsste eigentlich Briefträger sein und mit dem Geld, das ich da verdiene, nebenbei Filme drehen. Ich dachte, in diesem System würde ich nicht zurechtkommen. Als ich an der Hochschule war und man diese Redakteurstreffen besuchte, kam mir das wie eine Messe vor, auf der ich mich verkaufen musste, Kontakte schließen und Netzwerke schmieden sollte. Bei diesen Fingerfood- und Smalltalk-Events war ich nicht weit vorne. Bei „Wölfe“ erkenne ich viele Sachen, die ich schon früher gedacht habe.

nordbuzz: An was denken Sie da?

Petzold: An den Wald und die Mythen. Auch dass die Wölfe, die wir durch Aufklärung besiegt haben, wiederkommen.

tsch

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