Big Business im Fernsehen

„Die Höhle der Löwen“ rüstet zur dritten Staffel kräftig auf

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Eine neue Investoren-Runde für die TV-Show „Die Höhle der Löwen“ steht bereit (von links): Carsten Maschmeyer, Judith Williams, Frank Thelen, Jochen Schweizer und Ralf Dümmel.

„Die Höhle der Löwen“ ist selbst eine geniale Geschäftsidee. Nun startet die dritte Staffel der wirtschaftsaffinen Unterhaltungs-Show bei VOX.

TV-Experten waren skeptisch, als VOX 2014 eine Wirtschafts-Castingshow ins Programm hievte. Und das obwohl die ursprünglich aus Japan stammende Idee in England („Drangon's Dan“), den USA („Shark Tank“) und vielen anderen Ländern mitunter seit zehn Jahren erfolgreich läuft. „Die Höhle der Löwen“ strafte sämtliche Kritiker Lügen. Staffel eins holte im Startjahr durchschnittlich 8,9 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. In der Spitze schauten mehr als zwei Millionen zu, wenn Gründer in spe ihre Geschäftsideen vor fünf potenziellen Geldgebern erklärten und dafür warben, in sie zu investieren.

2015 steigerte sich das Zuschauerinteresse mit der zweiten Staffel auf 10,2 Prozent. Die besteingeschaltete Sendung erreichte knapp 2,5 Millionen Zuschauer. Und auch die Kritik nahm das Format an. 2015 ergatterte „Die Höhle der Löwen“ eine Grimme-Preis-Nominierung, 2016 gewann man den Deutschen Fernsehpreis. Bei dieser Historie ist klar, dass man beim „kleinen“ Kölner Privatsender mit dem guten Händchen für innovative Unterhaltungsformate („Sing meinen Song“, „Kitchen Impossible“) von der dritten Staffel (ab Dienstag, 23. August, 20,15 Uhr) eine Menge erwartet. Dies dürfte klappen - wenn auch die wirklich großen Geschäfte eher an anderer Stelle gemacht werden.

Unerwarteter Menschenauftrieb im Hamburger „Mindspace“: Mitte Juli lädt der Sender VOX in neue, schicke Büroräume am innerstädtischen Rödingsmarkt ein. Normalerweise findet man hier Existenzgründer und Leute, die mal für ein paar Wochen oder Monate repräsentative Arbeitsflächen in der Elbmetrople benötigen. Ursprünglich kommt die Idee aus Israel. In Berlin und Hamburg gibt es nun auch ultraflexible Büroräume, die Schnelligkeit und Mobilität, ein bisschen aber auch den Stress der heutigen Arbeitswelt widerspiegeln.

Hätte VOX an jenem Tag eine der handelsüblichen Koch-, Spiel- oder Musik-Shows vorgestellt, man hätte vielleicht mit einem knappen Dutzend Journalisten rechnen können. An jenem Dienstagnachmittag platzen jedoch zwei Etagen des großzügig geschnittenen „Mindspace“ aus allen Nähten. Alle fünf „Löwen“, wie die Investoren-Riege der Show heißt, sind angereist. Neu-„Löwe“ Carsten Maschmeyer, fast schon eine mythische Figur der deutschen Promi-Szene und dazu milliardenschwer, gibt in der oberen Etage begleitet von rekordverdächtigen vier Beratern respektive Begleitern Interviews.

In den 90-ern stieg Maschmeyer mit dem privaten Finanzdienstleister AWD zu sagenhaftem Reichtum auf. Als Teil der „Hannover Connection“ pflegte er besten Umgang mit mächtigen Politkern wie Gerhard Schröder oder Christian Wulff und bildete schließlich ein privates Power Couple mit Schauspielerin Veronice Ferres. „Die Höhle der Löwen“ ist Maschmeyers erster Auftritt in einer TV-Show. Für seinen neuen Teilzeitjob gründete er extra eine eigene Investmentfirma. Dass der 57-jährige Bestsellerautor („Selfmade - erfolg reich leben“) für seine Aufgabe qualifiziert ist, daran zweifelt eigentlich keiner.

Auch im Brotberuf investiert der Norddeutsche seit dem Verkauf von AWD im Jahr 2007 in Geschäftsideen. Noch ein zweiter neuer „Löwe“ sitzt in der Runde. Der Hamburger Ralf Dümmel, Chef von 400 Mitarbeitern, macht nach eigenen Angaben 250 Millionen Jahresumsatz mit einer breiten Palette an Non-Food-Produkten, die er in den Einzelhandel vertreibt. Im klassischen Vertriebs-Segment war die Show bislang etwas schwach aufgestellt, denn die alten „Löwen“ Judith Williams (Shopping-Kanäle), Frank Thelen (Technologie-Investor) und Jochen Schweizer (Events) haben ihre Stärken auf anderen Gebieten.

Zurückgezogen aus der Show haben sich mit Staffel drei Reiseunternehmer Vural Öger, der Insolvenz anmeldete, sowie Kunststoff-Unternehmerin Lencke Steiner, die sich mehr auf ihre politische Karriere in Bremen konzentrieren will. Dass sich Schwergewichte wie Maschmeyer und Dümmel für den Job vor der Kamera interessieren, dürfte nur im untergeordneten Sinne mit persönlicher Eitelkeit zu tun haben. Auch ein mögliches Sender-Honorar wird kaum im Vordergrund stehen. Die wahre Kohle fließt nämlich, wenn Geschäftsideen, die über die Sendung erfolgreich einer größeren Öffentlichkeit präsentiert werden, tatsächlich funktionieren.

In den USA, so behauptet es jedenfalls der formateigene „Shark Tank Blog“, soll die Sendung in fünf Staffeln ein Investitionsvolumen von 23 Millionen Dollar verteilt und etwa 9.000 Arbeitsplätze geschaffen haben. Dabei laufen die Geschäfte oft dann erst an, wenn die Kameras ausgeschaltet sind. Dann nämlich, wenn Löwen und Gründer, die sich über die Show gefunden haben, im stillen Kämmerlein an ihrem Business-Konzepten feilen.

Elf Folgen mit jeweils etwa vier bis sieben Geschäftsideen gilt es nun wieder zu beurteilen. Was davon in der Vergangenheit wirklich erfolgreich wurde, darüber kann VOX, so ein Sprecher des Unternehmens, keine Auskunft geben. Man habe gehört, dass beispielsweise das Augsburger Biosuppen-Unternehmen Littlelunch sich besonders erfolgreich am Markt mache - für dieses Jahr plane man dort 20 Millionen Euro Umsatz. Die Idee für Littlelunch wurde in der ersten „Höhle der Löwen“-Staffel 2015 vorgestellt. Frank Thelen, Judith Williams und Vural Öger sagten damals jeweils 100.000 Euro Investment für einen Unternehmensanteil von 30 Prozent zu. Wenig später stieg Öger aus, die Beteiligungssummen der übrigen Löwen veränderten sich ebenfalls. Im Prinzip ist die Fernseh-Show nur eine Art Startschuss - zudem eine grandiose Werbeplattform für das Gespann aus Startuppern und Investoren.

Dadurch, dass „Die Höhle der Löwen“ bereits im Frühjahr produziert wurde, kann man fast alle Produkte, von denen in der Show die Rede ist, direkt nach dem Fernseherlebnis über die angebotenen Vertriebswege kaufen. Ein Deal, der solange die Quoten stimmen, alle Beteiligten zufrieden stellen wird. Auch der Zuschauer kommt auf seine Kosten, denn das Format ist durchaus anregend für jene, die ebenfalls von „genialen“ Geschäftsideen träumen oder sich einfach für kaufmännische Zusammenhänge interessieren. Dass die Show beziehungsweise ihre internationalen Vorbilder mit Vergleichen wie Drachenhöhlen und Haifischbecken recht martialisch daherkommen, spiegelt sich in der deutschen Version übrigens kaum wider. Eigentlich bekommen hier doch alle, was sie wollen, scheint es. Selbst wenn zwischendurch mal Bewerber auftreten, deren Geschäftsideen reichlich unrund oder sogar mit Vorspiegelung falscher Tatsachen daherkommen.

Öffentlich gegrillt wird indes kaum jemand in der Sendung, selbst wenn sich Neu-„Löwe“ Carsten Maschmeyer auf finstere Blicke versteht wie kein zweiter. Dies wäre einfach nur eine „Begleiterscheinung“, wenn er sich stark konzentriere, entschuldigte sich der Fernseh-Novize im Hamburger „Mindspace“. Auch bei VOX schätzt man „Die Höhle der Löwen“ im Vergleich zu den internationalen Formatvorlagen als „etwas wärmer im Grundton“ ein. Vielleicht hat sich eine Schnitte Ludwig Erhard, ein Hauch von „sozialer Marktwirtschaft“ bei uns bis ins globalisierte, superschnelle und hyperflexible Jahr 2016 gerettet. Und das sogar noch im deutschen Privatfernsehen.

tsch

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