Marseille

Bonjour Banalität

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Pass auf Dickerchen: Nachwuchspolitiker Lucas Barrés (Benoît Magimel, links) droht seinem Ziehvater Taro (Gérard Depardieu).

Die Netflix-Eigenproduktion "Marseille" widmet sich den Intrigen und Affären in der südfranzösischen Metropole mit bisweilen oberflächlichem Glanz.

Zwar verlegte Gérard Depardieu seinen Wohnsitz zuletzt nach Russland, aktuell zeigt sich der Charismatiker allerdings als Franzose durch und durch: In der ersten französischen Netflix-Produktion kämpft er als Bürgermeister von Marseille um den Machterhalt. Gar nicht so leicht angesichts grassierender Korruption und laufenden Verrats unter angeblichen Vertrauten. Was aber alle verbindet: die Liebe zu der Mittelmeer-Metropole, die als eigentlicher Star über acht Episoden in allen Facetten gezeigt wird. Gierige Politiker, Drogen-Kriminalität, aber natürlich auch Genuss und knisternde Erotik: "Marseille" soll wie ein "House of Cards" mit Leidenschaft, ein "The Wire" samt Savoir-Vivre wirken - originär Neues bleibt die mitunter leider recht schmierig im Oberflächlichen verweilende Serie aber schuldig.

Netflix und seine Eigenproduktionen sind seit einigen Jahren in aller Munde. Nun prescht der Streaming-Gigant mit einem überaus regional geprägten "Original" vor: "Marseille" präsentiert sich französisch bis in die Poren, soll das Publikum aber länder- und kulturenübergreifend ansprechen. Der Plot des Polit-Dramas ist dafür wie gemacht, orientiert er sich doch an den zeitlosen klassischen Tragödien um Liebe, Verrat, Schuld und Macht. Kommt einem bekannt vor? Klar: Der Vergleich zum Netflix-Überflieger "House of Cards" liegt auf der Hand. Dabei ähnelt die Story um den langjährigen Bürgermeister Robert Taro, gespielt von Depardieu, viel mehr der weniger bekannten und inzwischen abgesetzten Serie "Boss" (2011 bis 2012).

Ein wahrer Boss war besagter Taro auch mal, der seit fast 25 Jahren regiert, sich aber nun mit seinem ambitionierten Zögling Lucas Barrés (Benoît Magimel) herumschlagen muss. Der Jungspund will den alten Mann, der durch eine geheim gehaltenen Krankheit geschwächt ist, endlich vom Thron stoßen. So bestimmen Intrigen und Verrat das politische Spiel in der südfranzösischen Metropole. Letztere wird in ihrer gesamten Widersprüchlichkeit gezeigt - von den Drogenbanden in den Banlieus und der lokalen Mafia, die den Bau eines Casinos verhindern will, über das nur an der Oberfläche schillernde Leben der Oberschicht, die mit korrupten Politikern im Geldigier-Sumpf versinkt, bis hin zu wahrheitssuchenden Journalisten, die den ganzen Kladderadatsch aufdecken wollen.

Was jedoch in "House of Cards" von skrupelloser Spannung, in "The Wire" von bedrückendem Realismus und in "Boss" von einnehmender Ästhetik geprägt ist, verkommt in "Marseille" leider mitunter zum Schmierenstück. Sicher, das kann man typisch französisch nennen: Liebe und Affären gehören schließlich zu jedem Polit-Thriller, der etwas auf sich hält, ebenso persönliche Problemchen abseits der großen Bühne. Dass Taros Frau (Géraldine Pailhas) beispielsweise als Cello-Spielerin plötzlich nicht mehr spielen kann, muss per se noch gar nicht vorabendserienmäßig wirken. Wären da nicht die mitunter soaphaften Dialoge, die holzschnittartige Story, die bisweilen im Hochglanz-Weichzeichner-Modus agierende Kamera.

So überzeugt "Marseille" mehr als klassisch klischeehaftes Lust-und-Leiden-Kammerspiel vor mediterraner Kulisse, denn als ernstzunehmendes Polit- und Stadt-Drama, das die intriganten Verstrickungen und sozialen Probleme auch kritisch behandelt. Wer tatsächlich ein europäisches "House of Cards" erwartet, wird ebenso enttäuscht sein wie Freunde realistischer Sozialdrama-Tiefe. Wer gern bei banal wie glitzernd inszenierten Macht- und Familiendramen mit herbeikonstruierten Spannungsbögen mitfiebert, darf sich hingegen auf "Marseille" freuen.

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