Sky feierte in München Premiere der zweiten Staffel "Gomorrha - Die Serie"

Dem Bösen ein Gesicht geben

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Klappe für Season zwei einer europäischen Serienproduktion der Extraklasse: "Gomorrha" startet bei Sky mit zwölf neuen Folgen (im Hintergrund: Marco D'Amore).

Elyas M'Barek ist vielleicht der prominenteste, aber längst nicht der einzige Fan der Mafiaserie "Gomorrha". In München präsentierte Sky die zweite Staffel der Eigenproduktion. Mit begreiflichem Stolz auf einen Ausnahmestoff.

Sagt der Mafioso zu seiner Braut: "Debora, jetzt kommen die schönen Zeiten!" Aber Debora ist ein kluges Mädchen und überall, nur nicht im siebten Himmel. Sie weiß sehr gut, wessen Blut an den Händen ihres Gatten klebt und dass da grausame Rache droht, nachdem sich der kahlköpfige Camorrakiller Ciro Di Marzio (Marco D'Amore) gegen seinen eigenen Clan gestellt hat. Zuschauer der ersten "Gomorrha"-Staffel werden sich lebhaft erinnern an ein denkwürdiges finales Gemetzel inklusive Schießerei bei der Schulaufführung.

Früher wurden mal Serien gedreht mit sympathischen Helden, mit denen man sich identifizieren durfte. Heute sind sogenannte ambivalente Charaktere der letzte Schrei. "Gomorrha" aber ist aus einem anderen Holz geschnitzt, hier gibt es keine Ambivalenzen, keine Reste von Liebenswürdigkeit, sondern nur noch Junkie-Elend, Proletendekadenz und von wirklich jedem Skrupel befreite Handlanger des Todes. Von Patenromantik im Geiste Mario Puzos keine Spur.

Ein bisschen scheint man sich beim Sender Sky, der diese Eigenproduktion in über 130 Länder verkauft hat, selbst über den durchschlagenden "Gomorrha"-Erfolg zu wundern. Dass da ein derart dunkles und nihilistisches Mafia-Epos Serienfans weltweit zu fesseln weiß. Noch dazu mit einer Geschichte, die stark in einer überschaubaren europäischen Region verwurzelt ist: in und um Neapel, wo die Camorra nahezu alle Bereiche des Lebens infiltriert.

"Früher gab es als universellen Geschmack nur den amerikanischen", bilanzierte Moritz von Kruedener vom Sky-Vermarktungspartner Beta Film bei der "Gomorrha"-Staffelpremiere am Dienstagabend in München. Heute sei das nicht mehr so: "Heute ist es möglich, in Europa Stoffe zu entwickeln, die so stark sind, dass sie sich in der ganzen Welt vermarkten lassen."

Bestimmt liegt das auch daran, dass die Welt heute so stark vernetzt ist. Die klassische Clan-Fehde, von der "Gomorrha" erzählt - die Savastanos gegen die Contes -, ist ja nur die dramaturgische Folie für eine sehr genaue Studie der Mechanismen des organisierten Verbrechens im 21. Jahrhundert. Es geht um Mafiageschäfte in Zeiten der Globalisierung - nur folgerichtig, dass in der zweiten Staffel die Rheinmetropole Köln zu den Handlungsorten zählt. Der im Untergrund lebende Journalist, Bestsellerschreiber und Co-Autor der Serie, Roberto Saviano, bekräftigt schon sehr lange in Interviews, dass die italienische Mafia auch in Deutschland ihr Unwesen treibe. Man nehme sie nur nicht so leicht wahr.

Am Vorabend der Deutschland-Premiere wurde Staffel zwei dieses dunklen Meisterwerks in Rom vorgestellt. Roberto Saviano, der seit seinem Sachbuchbestseller "Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra" (2006) die Rache der ungeschönt Porträtieren fürchten muss, war nicht anwesend, dafür aber über 1.000 Premierenbesucher sowie die Autoren, Regisseure und die großartig gecasteten Hauptdarsteller: Marco D'Amore, Fortunato Cerlino, der den alten, ausgebooteten Don spielt, und der famose "Genny"-Darsteller Salvatore Esposito, der bei McDonald's jobbte und ursprünglich nur als Schauspielcoach engagiert war, ehe ihm die Rolle seines jungen Lebens zuflog.

Roberto Amoroso, Creative Director von Sky Italia, berichtet bei der Deutschland-Premiere mit begreiflichem Stolz von der Popularität, die der Stoff in Italien genießt. Dass Bürgermeister kleinerer Orte in Kampanien die Drehgenehmigung verweigerten, bestätigt er achselzuckend. Der Bürgermeister von Neapel hingegen würde durch solche Winkelzüge niemals ein Kunstwerk zensieren. Ein Lehrstück über die Wirkungsmacht von Geschichten sei das alles, so Amoroso: "Es gibt in Italien viel Polemik über 'Gomorrha'." Man könne zu den in der Serie geschilderten Problemen schweigen. "Oder man kann dem Bösen ein Gesicht geben. Das ist der erste Schritt, die Dinge zu ändern."

Der fantastische Produktionsstandard der Serie, die atemlose Erzählweise, die kinoreifen Bilder, die mitreißende Authentizität unaussprechlicher Vorgänge - all das wird dieser hehren Mission gewiss nicht im Wege stehen. Einen prominenten Serienfan haben die "Gomorrha"-Macher in Elyas M'Barek gewonnen. Der Kinosuperstar ("Fack ju Göhte") ließ sich die Deutschlandpremiere nicht entgehen. Als Sky-Werbetestimonial verbindet sich da wohl auf schönste Weise Angenehmes mit Geschäftlichem.

In einem der Werbefilmchen, die M'Barek für die Pay-TV-Anbieter gedreht hat, vergleicht der Frauenschwarm eine gute Serie mit einer Liebesbeziehung. Man schaue ihr in die Augen und könne dann nicht mehr von ihr lassen. Und wer sage denn, dass man nur eine Beziehung haben darf, fragt er kokett.

Um das Bild mal aufzugreifen: Sky hat von "Game of Thrones" über "Vinyl" bis "House of Cards" einen ganzen Harem aufregender Verlockungen zu bieten. "Gomorrha" aber ist vielleicht die schönste Braut von allen. Eine Femme fatale, gewiss. Aber eine, die das Abenteuer wert ist.

(Staffel zwei von "Gomorrha - Die Serie" läuft dienstags, 21.00 Uhr, wahlweise auf Deutsch und im italienischen Original auf Sky Atlantic HD. Außerdem sind die zwölf neuen Episoden im Zweikanalton bei Sky On Demand, Sky Go und Sky Online abrufbar.)

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