Baz Luhrmann

Blasser Australier in schwarzer HipHop-Welt

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Bekannt für bunte, pompöse und ausladende Kino-Werke, spart Baz Luhrmann auch bei seiner Premieren-Serie „The Get Down“ (ab 12. August bei Netflix) nicht mit Extravaganz und Farben.

Kaum eine Subkultur hat die letzten 30 Jahre so beeinflusst wie HipHop. Baz Luhrmann ist sich dessen bewusst und erzählt eine Geschichte inmitten der Geburtswehen der Bewegung.

Aufgekratzt wirkt er, hippelig und unter Strom. Doch Baz Luhrmann ist immer so. Nicht nur an diesem Promo-Tag in London. Ein Energiebündel, das am liebsten überall die Nase reinstecken würde. Seine prunkvollen, überbordenden Kino-Werke wie „Moulin Rouge!“ und „Der große Gatsby“ zeugen von einer Begeisterung für Größe. Bunte Bilder, jede Menge Theatralik, historischer Kontext. Mit „The Get Down“ wagt sich der Australier nun erstmals an eine Serie - exklusiv für Netflix. Am 12. August startet diese mit den ersten sechs Folgen der ersten Staffel. Der 53-Jährige beweist, dass man auch dem vermeintlichen Grau der 70er-Jahre-Bronx viele Farben und viel Lebensfreude entlocken kann. Es ist eine fiktionale Coming-of-Age-Geschichte, gespickt mit historischen Figuren und Ereignissen.

nordbuzz: Wie kommt ein weißer, blasser Australier dazu, sich der Geburtsstunde des HipHop anzunehmen?

Baz Luhrmann: Das war ein langer Prozess. Als ich ein Teenager war, übte New York eine wahnsinnige Anziehung auf mich aus. Alles Großartige kam von da. Ich musste unbedingt dort hin. Das sollte mir irgendwann gelingen, die Reise meines Lebens. Vor ungefähr zehn Jahren sah ich ein Bild davon und fragte mich: Wie kann es sein, dass aus diesem Ort, der damals total am Boden war, diese Kreativität floss?

nordbuzz: Die Frage ließ Sie nicht mehr los?

Luhrmann: Genau. Ich wollte eine Antwort und ließ mich hineinziehen. Also machte ich eine HipHop-Touristen-Tour durch die Bronx. Darauf wollte ich unbedingt diese Geschichte in einem größeren Rahmen erzählt wissen. Es ist natürlich nicht meine Geschichte, aber ich wollte sie überliefern. Also setzte ich mich mit den wichtigsten Figuren dieser Zeit in Verbindung.

nordbuzz: Ist HipHop für Sie die interessanteste Kultur- und Musikbewegungen, die aus den USA stammt?

nordbuzz: Davor gab es Rock'n'Roll, davor gab es Jazz. Aber in der näheren Vergangenheit gab es nichts, das zwar abgeleitet, aber doch so neu war und in der ganzen Welt einschlug. Ich habe festgestellt, dass HipHop mich als Australier sogar als Geschichtenerzähler beeinflusst hat. Es geht darum, Collagen zu erstellen, ohne Vorurteile hier eine japanische Platte zu nehmen und dort Kraftwerk. Diese Herangehensweise beeinflusst auch mich beim Filmemachen.

nordbuzz: Der Rap-Historiker Nelson George und HipHop-Ikone Grandmaster Flash gehören zu ihren engen Beratern.

Luhrmann: Nicht nur. Flash meinte schon ganz am Anfang, DJ Kool Herc und Africa Bambaataa müssten genauso mitreden. Die drei hatten damals ihre Gebiete in der Bronx fest abgesteckt, alles lief zwar parallel, aber doch ein bisschen unterschiedlich. Es dauerte lange, bis mir etwa Herc vertraute. Eines Tages, ich habe ihn wegen seines Akzents kaum verstehen können, meinte er, er würde mir das Geheimnis verraten, das Geheimnis von HipHop. Er sagte: „Unsere Eltern waren bei den Partys anwesend. Sie machten Hot Dogs.“ Die Eltern waren dort, um den Kids etwas anderes zu ermöglichen - als Reaktion auf all die Negativität, die damals um sie herum herrschte.

nordbuzz: Die Bronx wirkt in „The Get Down“ teilweise wie das Nachkriegs-London oder sogar -Dresden. Sehr bedrückend.

Luhrmann: Richtig. Wir haben es auch schon mit Dresden verglichen. Einige der Einspieler zwischen den Szenen sind auch original aus der Zeit, erweitert durch neugedrehte, für die wir natürlich ein Set aufbauen mussten und digital nachhalfen. Doch zwischen all diesem Staub und Schutt, zwischen dem Grau und Rostfarbenen, bringen die Kinder mit ihrer Präsenz und ihrem Geist Farbe. Nicht nur physische, auch musikalische und kreative. Durch ihre Schwingungen zeigen sie: „Ich existiere.“ Sie weigern sich, Teil des Schutts zu sein, Teil des Graus. Sie sprühen ihre Namen auf Züge und nehmen eben zwei Schallplatten und machen daraus etwas Eigenes. Flash schloss sich damals sechs Monate in einen dunklen Raum ein, um das an seinen Plattenspielern hinzubekommen. All das überdeckt das Negative und bleibt hängen.

nordbuzz: Die Serie wird aus der Perspektive Heranwachsender erzählt. Man taucht in ihre Welt aus Comics, Disco-Musik und Kung-Fu-Filmen ein ...

Luhrmann: Die Jungs bauten sich alleine schon mit ihren Künstlernamen eigene Welten auf - und lebten darin. Flash etwa: Grandmaster hat er in einem Kung-Fu-Film aufgeschnappt, die damals wahnsinnig beliebt waren, Flash nahm er aus dem gleichnamigen Comic. All dieses Mystische wollten wir rüberbringen, auch mit dem Sound. In einer Dokumentation würde man das nur von außen betrachten können. Man würde nur ein paar junge Leute sehen, die komische Sachen machen. Aber hier kann ich etwa aus der Sicht von der Figur Shaolin zeigen, dass sein Förderer Grandmaster Flash wie ein Gott für ihn ist. Ein echter Superheld. So etwas kennen wir doch alle aus unserer Kindheit. Und in der Bronx war das noch stärker so.

nordbuzz: Wie authentisch ist die Geschichte?

Luhrmann: Wir haben ein unglaublich großes Archiv geschaffen, vor allem Fotografien aus der Zeit. Ich liebe es, das zu erforschen und mich da reinzuleben. Ich wollte total sichergehen. Aber ich merkte, dass wenn ich eine Biografie über einen Einzelnen machen würde, mir das zu einseitig wäre. Ich wollte allen Protagonisten gerecht werden. Das ermöglicht mir die Konzentration auf eine fiktionale Gruppe. Sie durchleben dasselbe, interessieren sich auch für Comics und Kung-Fu-Filme, für Graffiti und natürlich Musik. Klar, ich überziehe das, aber alles hat eine faktische Grundlage.

nordbuzz: Warum war es so wichtig, die Geschichte in den 70-ern anzusiedeln?

Luhrmann: Die Zeit ist eben prägend. Die Welt schien sich damals zu verändern. Fast alles, was uns heute kulturell beeinflusst, hat in den 70-ern seinen Lauf genommen, vieles hat sich gewandelt. Wir wollten das herausarbeiten und es aufzeigen. Eine Liebesgeschichte ist immer eine Liebesgeschichte. Aber die in „The Get Down“ wirkt, als ob das im Hier und Jetzt passieren würde. Die 70-er sind auch eine Leinwand, in der wir unsere Zeit wiedererkennen.

nordbuzz: Die Musikindustrie war damals aber eine ganz andere.

Luhrmann: Das kann man vergleichen wie eine Schwarz-Weiß-Röhre mit einem Smartphone. Grandmaster Flash saß in diesem dunklen Raum wie ein Wissenschaftler, probierte, versuchte, machte, bis er aus zwei Liedern eines kreierte, ohne dabei auch nur einen Gedanken zu verschwenden, jemals damit Geld zu verdienen. Es gab kein Geschäftsmodell dafür. Die jungen Leute in dieser Tristesse taten dies nicht, um sich einen Scheck abzuholen, sondern um zu zeigen, dass sie existieren.

nordbuzz: An den Problemen der Bronx kommen sie aber nicht vorbei. Politik, soziale Missstände und Gewalt sind Thema ...

Luhrmann: Das fließt natürlich alles mit ein. Doch gerade wenn es um Gewalt geht, haben wir all das absichtlich nicht in den Vordergrund gestellt. Diese Sichtweise war immer die bestimmende, wenn es um die Bronx ging. Und alle, mit denen ich sprach, haben Gewalt vielleicht nicht unbedingt selbst erfahren, aber auf jeden Fall mitbekommen.

nordbuzz: Gerade in den USA wird Diversität aktuell heiß diskutiert. Ein Thema, das die Serie gar nicht umgehen kann ...

Luhrmann: Ich arbeite an „The Get Down“ seit zehn Jahren und die Figuren standen schon ziemlich früh fest. In der Zeit, in der ich mich damit beschäftigt habe, verschlimmerten sich viele Umstände und Probleme, in einem Ausmaß, das ich mir nicht hätte vorstellen können. Ich wäre unglaublich glücklich, wenn „The Get Down“ zum nötigen Dialog etwas beitragen könnte. Wir stellen mit der Serie in 170 Ländern gleichzeitig großartige schwarze Darsteller ins Schaufenster. Die Leute werden sich fragen, wer die sind, und Filmemacher werden überlegen, ob man sie vielleicht sogar in den Mittelpunkt einer anderen Produktion stellen kann.

tsch

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