Fritz Lang

Der Augenmensch

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Fritz Lang gilt als herausragendster Vertreter des deutschen Films der Stummfilmzeit. Am 2. August jährt sich sein Todestag zum 40. Mal. Bereits ab 14. April ehrt ihn ein Biopic im Kino.

Das Biopic "Fritz Lang" (Start: 14. April) ist eine Hommage an den legendären Regisseur von "Metropolis". Zeit für einen Blick auf ein bewegtes Leben.

Im April 1933 traf der große Regisseur Fritz Lang auf Joseph Goebbels. Wenige Wochen zuvor hatte der Reichspropagandaminister "Das Testament des Dr. Mabuse" verbieten lassen, den zweiten Tonfilm Langs. Jetzt empfing er ihn in Berlin und machte ihm ein unmoralisches Angebot: Lang sollte sein Können, von dem Goebbels absolut überzeugt war, in den Dienst des Nationalsozialismus' stellen. Fritz Lang erbat sich Bedenkzeit - und lehnte ab. "Am selben Abend verließ ich Deutschland und kam nie wieder", erzählte er später. Auch wenn das nicht ganz stimmte, und er wohl noch über Monate von Paris nach Berlin pendelte: Spätestens 1934 hatte Lang Deutschland den Rücken gekehrt, jenem Land, das aus ihm einen der größten Regisseure der Stummfilmzeit gemacht hatte. Das Biopic "Fritz Lang" ehrt den vor 40 Jahren gestorbenen Künstler ab 14. April im Kino. Im Film von Gordian Maugg schlüpft Heino Ferch in die Rolle des Regisseurs.

Fritz Lang kam am 5. Dezember 1890 in Wien zur Welt, damals noch Hauptstadt von Österreich-Ungarn. Mit seiner Heimat haderte er ein Leben lang, vor allem zu seiner Familie war der Kontakt zeitlebens schlecht. Als seine Mutter starb, arbeitete er in Berlin gerade an einem Film, selbst zu ihrer Beerdigung kam er nicht. Als ihn später ein verarmter Bruder um Geld bat, schrieb Lang ihm nicht zurück. Da lebte Lang schon in den USA und war durch seine Filme reich geworden.

Bereits als jungen Mann zog es ihn fort von der Heimat: "Ich ging zuerst nach Belgien und wanderte schließlich um die halbe Welt, Nordafrika, Türkei, Kleinasien, kam bis nach Bali", erzählte er. Dann kam er nach Paris, wo damals alle großen Künstler irgendwann landeten, und studierte Malerei. In der französischen Hauptstadt führte er das Leben eines Bohemiens, ging viel ins Theater, hatte erotische Abenteuer. Wann Lang seinen ersten Kinofilm sah, ist nicht überliefert, in Paris aber, so erzählte er, war er "schon ganz im Banne des Films".

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges setzte dem Künstlerdasein ein Ende: Lang musste Paris verlassen und meldete sich als Kriegsfreiwilliger. 1916, im Osten, erlitt er eine Kriegsverletzung: Sein linkes Auge wurde von einem Splitter getroffen, fortan trug er meist ein Monokel, das zu seinem Markenzeichen werden sollte. Jahrzehnte später schwand auch am anderen Auge die Sehfähigkeit. Als er 1964 für Jean-Luc Godards "Die Verachtung" vor der Kamera stand und sich selbst spielte, war er fast blind.

Nach Ende des Kriegs ging Lang nach Berlin. Erich Pommer, mit dem er viele Jahre zusammenarbeiten sollte, engagierte ihn 1918 für seine Produktionsgesellschaft. Die ersten Jahre inszenierte Lang vor allem Auftragsarbeiten, es entstanden Abenteuerfilme wie "Halbblut" oder "Die Spinnen". 1921 drehte er dann "Der müde Tod". Als der Film am 7. Oktober in die Kinos kam, äußerte sich die zeitgenössische Kritik zurückhaltend über das Werk. Zu wirr erschien vielen die Geschichte, die über mehrere Zeitebenen und auf drei verschiedenen Kontinenten spielt. Doch die Bilder, die Lang zauberte, waren impressionistisch inspirierte Kompositionen, wie man sie bis dahin im Film noch nicht zu sehen bekam. Vor allem mit dem gekonnten Einsatz von Licht, mit dem Spiel von Hell und Dunkel, schaffte Lang Atmosphäre. Der Film sollte sein künstlerischer Durchbruch werden. Lang war fortan ein Star, mit seinem eleganten Aussehen und den immer wieder wechselnden Frauen an seiner Seite war er Dauergast in den Klatschspalten.

Leicht hatte es Lang in den Folgejahren dennoch nie: In Deutschland, vor allem aber später in den USA, musste er immer wieder für seine Projekte kämpfen. Häufig wechselte er das Studio und den Produzenten, nicht immer freiwillig. Es waren dennoch die Berliner Jahre, die den Ruf von Lang begründeten: Bis 1929 drehte er fünf Stummfilme, die allesamt Meilensteine wurden: "Dr. Mabuse, der Spieler", "Die Nibelungen", "Spione", "Frau im Mond". Und vor allem: "Metropolis".

1927 erschien der monumentale Science-Fiction-Film, der mehr Geld verschlang als alle deutschen Produktionen bis dahin. 350 Stunden Film drehte Lang, engagierte 27.000 (!) Protagonisten. Der Film wurde dennoch ein Flop - und trieb die Produktionsgesellschaft UFA beinahe in den Ruin. Erst Jahrzehnte später erkannte die Filmkritik in "Metropolis" ein Meisterwerk. Als 2008 in Buenos Aires eine fast vollständig erhaltene Kopie des Films auftauchte, berichteten Zeitungen weltweit über das Ereignis. Zwei Jahre später feierte die restaurierte Fassung bei der Berlinale Premiere und lief anschließend bundesweit in den Kinos.

Das Drehbuch zu "Metropolis" verfasste Thea von Harbou. Der vornehme Regisseur und die schöne Autorin hatten sich 1920 kennengelernt und verliebten sich schnell. Doch Lang war noch verheiratet: Im Februar 1919 hatte er Elisabeth Rosenthal geehelicht. Unter bis heute nicht geklärten Umständen kam Elisabeth 1920 ums Leben. Ob sie sich erschoss, als sie die Affäre ihres Mannes mit von Harbou hörte, oder aber von dem Liebespaar ermordet wurde, wurde nie aufgeklärt. Die Akten vermerken einen "Unglücksfall", Fritz Lang sprach nie darüber. Zwei Jahre später heiratete er die Neue. Die beiden führten das, was man heute eine "offene Ehe" nennen würde, mit immer wieder wechselnden Liebhabern. Die Klatschpresse liebte das Paar. Wie Thea von Harbou, so zelebrierte auch Fritz Lang die Selbstinszenierung. Nach außen gab er sich stets als kultivierter Mann von Welt - so zeigt ihn auch Heino Ferch im Biopic. Unter seinen Mitarbeitern war Lang allerdings gefürchtet: Der Filmemacher galt als penibler Tyrann, der seine Schauspieler bis zur Erschöpfung forderte.

Als Lang 1933 Deutschland verließ, blieb von Harbou in Berlin - als Parteigängerin der Nazis drehte sie weiter Filme. Zuvor aber schrieben beide das Drehbuch zu "M - Eine Stadt sucht einen Mörder", Langs ersten Tonfilm, der 1931 in die Kinos kam. Für die Geschichte zu "M" ließ sich Lang von mehreren Mordfällen inspirieren, die in den 20-ern das Land erschütterten - darunter der Fall des bluttrinkenden Serienmörders Peter Kürten. Das Biopic "Fritz Lang" zeigt, wie der Regisseur auf den "Vampir von Düsseldorf" traf - stattgefunden hat diese Begegnung aber wohl nie. Ein spannendes Gedankenexperiment ist das fiktive Treffen der beiden Männer aber allemal.

"Fabelhaft", notierte Goebbels, nachdem er "M" gesehen hatte. "Lang wird einmal unser Regisseur." Dass der Film über einen Kindermörder, gespielt vom jüdischstämmigen Peter Lorre, eine humanistische Grundbotschaft hatte, übersah Goebbels. Lang machte bei "M" meisterlich Gebrauch vom neuen Medium Tonfilm: Wer einmal das unheimliche Pfeifen von Lorre vernahm, wenn er auf der Suche nach Opfern durch die Straßen Berlins schleicht, wird es nie vergessen können. Mit "M" wurde aus dem "Augenmenschen", wie Lang sich selbst bezeichnete, ein Seelenmensch. Vorbei war die Zeit der großen Monumentalfilme, Langs Interesse galt fortan der Psyche des Menschen.

Im Juni 1934 traf er in New York ein. "Deutschlands brillantesten Regisseur" nannte ihn die "New York Times" begeistert, als er erstmals amerikanischen Boden betrat. Lang war einer von vielen deutschen Emigranten in den USA, passte sich aber wie kein Zweiter an die für alle neuen Gegebenheiten an: Er lernte Englisch und begann sofort mit der Arbeit. Nur warten auf ein Ende des nationalsozialistischen Schreckens in der alten Heimat wollte er nicht. Lang zog nach Los Angeles, einen Vertrag mit dem Hollywoodstudio MGM in der Tasche. Bis 1956 sollte er, für verschiedene Studios und Produzenten, 22 Filme drehen.

Aufgrund seines preußischen Äußeren - Monokel, streng nach hinten gekämmte Haare - glaubte manch einer unter den deutschen Exilanten, Lang sympathisiere mit den Nazis. Spätestens, als er 1936 in Hollywood die "Anti-Nazi League" mitbegründete, war er aber über jeden Verdacht erhaben. Später galt er gar als Kommunist und wurde zeitweilig von McCarthy und seinen Kommunistenjägern ins Visier genommen. In den USA drehte Lang, ab 1939 auch amerikanischer Staatsbürger, Western ("The Return of Frank James", 1940, mit Henry Fonda), mehrere Polithriller, die sich gegen die Naziherrschaft aussprachen (etwa "Man Hunt", 1941) und mit "Scarlet Street" (1945) einen der ersten Film noirs. An seine Erfolge in Deutschland konnte er allerdings nie wieder anknüpfen.

Mitte der 50-er kehrte Lang nochmals in die Heimat zurück, auch um zwei Filme zu drehen: Den monumentalen Zweiteiler "Der Tiger von Eschnapur / Das indische Grabmal" und "Die 1000 Augen des Dr. Mabuse", seinen letzten Film. "Schwache, wenn auch nicht spannungslose Fortsetzung der Mabuse-Filme von 1929 und 1932", schreib die zeitgenössische Kritik. Die große Zeit des Zelluloid-Künstlers, sie war 1960, als der Film in den deutschen Kinos anlief, lange vorbei. Fritz Lang zog sich zurück auf sein Anwesen in Los Angeles, heiratete noch einmal - und verstarb schließlich am 2. August 1976 in Hollywood.

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