Die Aufsteigerin

Das Olympia-Gesicht der ARD: Jessy Wellmer im Interview 

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Neues Olympia-Gesicht der ARD: Jessy Wellmer moderiert die „Highlight“-Sendung zwischen 9 und 12 Uhr, in der die - hierzulande - nachts stattfindenden Wettkämpfe zusammengefasst werden.

Die 37-jährige Sportjournalistin ist das neue ARD-Sportgesicht bei Olympia 2016 in Rio.

Bei sportlichen Großereignissen zeichnen sich ARD und ZDF durch große „Gesichterkonstanz“ aus. Man könnte auch sagen: Die Moderatoren sind seit Jahren immer die gleichen. Mit der 37-jährigen Jessy Wellmer bietet das Erste bei Olympia in Rio (Fr., 05.08., bis So., 21.08.) immerhin eine frische Kraft auf. Gemeinsam mit Michael Antwerpes wird die blonde Mecklenburgerin durch die wichtige „Highlight“-Sendung am Morgen zwischen 9 bis 12 Uhr führen. Aufgrund der Zeitverschiebung von minus fünf Stunden finden viele Finals in Deutschland zu nachtschlafender Zeit statt. Wellmer moderierte ab 2009 den Sport im ZDF-Morgenmagazin, ehe sie 2014 ins Erste wechselte. Sportsendungen des RBB oder die „Sportschau“ am Sonntag gehören dort zu ihren Jobs. Olympia-Gesicht im Ersten zu sein, ist jedoch der vorläufige Höhepunkt in der Karriere der zweifachen Mutter.

nordbuzz: Sie sind das erste Mal als Anchorwoman bei Olympia dabei ...

Jessy Wellmer: Ja, in Sachen Olympia ist es schon was Neues, eine ganze Strecke zu moderieren. In London 2012 war ich noch Reporterin.

nordbuzz: Was spüren Sie - Aufregung?

Jessy Wellmer: Ja, klar, ein bisschen schon. Bis vor sechs Jahren habe ich Olympia immer nur begeistert vorm Fernseher verfolgt. Nun führe ich durchs Programm, das ist schon etwas Besonderes. Aber die Vorfreude ist viel größer als die Aufregung. Vor allem, weil ich mit Michael Antwerpes ja einen alten Hasen an meiner Seite habe, der ganz viel Ruhe ausstrahlt.

nordbuzz: Gibt es speziell in Rio de Janeiro etwas, das Ihren Puls in Sachen Vorfreude hochtreibt?

Jessy Wellmer: Die Stadt kenne ich noch nicht so gut. Vor zwei Jahren war ich während der Fußball-WM zwar fürs ZDF-Morgenmagazin in Brasilien unterwegs, habe aber kaum etwas von Rio gesehen. Dafür war ich beim 7:1 Deutschlands gegen Brasilien live im Stadion in Belo Horizonte. Das war auch nicht schlecht (lacht).

nordbuzz: Auf welche Sportarten freuen Sie sich am meisten?

Jessy Wellmer: Auf alles, was ich selbst mal gemacht habe - Leichtathletik, Volleyball und Tennis. Wobei Tennis nicht zu jenen Sportarten gehört, wo es bei Olympia am meisten kribbelt. Anders ist es beim Beachvolleyball. Ich war vor vier Jahren dabei, als Jonas Reckermann und Julius Brink Gold holten. Die Atmosphäre in London war unglaublich. Aber sie wird an der Copacabana sicher nicht schlechter sein.

nordbuzz: Welche der genannten Sportarten betreiben Sie noch heute?

Jessy Wellmer (lacht): Nichts mehr! Das sind alles Disziplinen, zu denen man sich mit anderen Leuten verabreden muss. Ich habe zwei Kinder, vier und acht Jahre alt. Dazu bin ich ziemlich viel unterwegs. Es bleibt nur laufen oder ins Fitness-Studio gehen, wenn sich zwischendurch mal eine Lücke findet. Ich wäre unheimlich gern in einer Volleyball-Mannschaft. Das ist aber mit meinem derzeitigen Leben nicht vereinbar.

nordbuzz: Ist es nicht erstaunlich, dass Sie gerade jetzt beruflich nach vorne kommen, da Ihre Kinder noch relativ klein sind? Sonst wird doch immer gesagt, diese Lebensstation sei für Frauen ein ziemlicher Karrierekiller.

Jessy Wellmer: Ich weiß, dass es nicht selbstverständlich ist. Was man in meiner Situation braucht, ist ein guter Ehepartner. Einer, der bereit ist, sich den Fulltime-Job zu teilen. Diesen Mann habe ich zum Glück.

nordbuzz: Ihr Mann kann sich seine Arbeit zeitlich einteilen?

Jessy Wellmer: Er ist auch Journalist, arbeitet voll und nimmt sich einfach für beides, Beruf und Kinder, die Zeit. Er ist einfach ein guter Typ, der das hinbekommt. Anstrengend ist es natürlich, aber auch sehr erfüllend. Wir basteln uns das so hin, dass es irgendwie passt. Und wenn es mal nicht passt, helfen Oma und Opa aus.

nordbuzz: Und Ihre Kinder sehen Mama dann während Olympia immerhin im Fernsehen.

Jessy Wellmer: Das interessiert die aber null. Sie gucken Ruderwettkämpfe und andere Sportarten mit voller Leidenschaft. Nur wenn ich dann erscheine, verlieren die im Grunde das Interesse an der Glotze.

nordbuzz: Wenn die Mama im Fernsehen ist, kann es nichts Besonderes sein?

Jessy Wellmer: Vielleicht ist das die Logik dahinter. Dass Mama im Fernsehen ist, ist ja für meine Kinder gar nichts Ungewöhnliches. Und dastehen und reden, das mache ich ja auch zu Hause schon (lacht). Es ist einfach nicht interessant! Eigentlich gefällt mir dieses Desinteresse aber ganz gut. Es bedeutet ja, dass sie mich nicht irrsinnig vermissen. Wenn meine Kinder an der Mattscheibe kleben würden, während ich was über Sport in Rio erzähle, hätte ich ein schlechtes Gefühl. So weiß ich, dass alles okay ist.

nordbuzz: Führt denn eine Sportreporter-Mama zu sportlich besonders ambitionierten Kids?

Jessy Wellmer: Ich stelle keinen Unterschied zu anderen Kindern fest. Mein großer Sohn spielt Fußball, so wie die meisten in seinem Alter. Und die Vierjährige steht auf Pferde. Wie gesagt, ich glaube nicht, dass meine Arbeit einen großen Einfluss auf sie hat. Keines meiner Kinder hat bisher Leistungssport-Ambitionen.

nordbuzz: Hatten Sie welche?

Jessy Wellmer: Ich stand immer so ein bisschen auf der Kippe zwischen reinem Spaß und Ambition. Sowohl im Tennis als auch in der Leichtathletik. Ich konnte mich nie dazu durchringen, mich für eine Disziplin zu entscheiden und da richtig Gas zu geben. Umso lustiger, dass ich mich jetzt nur noch mit Leistungssportlern beschäftige.

nordbuzz: Wissen Sie, was Sie damals daran hinderte, sich für den Leistungssport zu entscheiden?

Jessy Wellmer: Ich glaube, dass ich keine Lust auf dieses Leben hatte. Vielleicht wusste ich instinktiv, dass ich eher der lustvolle Hobbytyp bin.

nordbuzz: Haben Sie Angst vor dem Psychogramm eines Leistungssportlers? Es sind Leute, die deshalb erfolgreich sind, weil sie gewissermaßen ein extremes Leben führen ...

Jessy Wellmer: Nein, Angst muss man vor denen nicht haben. Leistungssportler sind lediglich sehr fokussierte Menschen.

nordbuzz: Fokussiert bedeutet oft, dass man nicht wirklich locker ist. Als sympathisch werden meist die eingestuft, die auch mal Fünfe gerade sein lassen ...

Jessy Wellmer: Ich habe die meisten Athleten, die ich bisher bei Olympia kennenlernen durfte, als sehr angenehme Zeitgenossen empfunden. Vielleicht können sie nicht so viel von den letzten zehn großen Kinofilmen erzählen - weil sie keine Zeit hatten, sie zu sehen. Aber ich habe keinerlei Angst vor dem Psychogramm eines Leistungssportlers. Je mehr man sich mit ihnen beschäftigt, desto mehr lebt man sich in diese Welt rein. Mittlerweile habe ich schon eine Antenne für diese Leute und ihre Art zu leben entwickelt.

nordbuzz: Inwieweit unterscheiden sich Spitzensportler von uns normalen Leuten?

Jessy Wellmer: Gar nicht so sehr. Bis auf ihr Talent und ihre Disziplin vielleicht. Ein Punkt ist vielleicht noch, dass es für sie sehr klar ist, was Erfolg und vor allem Misserfolg bedeutet. Bei uns ist das ja oft ein bisschen schwammiger. Ich glaube, diese Klarheit, die Transparenz von Erfolg und Misserfolg ist auch etwas, das die Menschen am Sport interessiert.

nordbuzz: Sind Leistungssportler, die nicht prominent sind, ein anderer Menschenschlag als beispielsweise Fußball-Stars?

Jessy Wellmer: Natürlich wird der typische Olympia-Sportler ansonsten kaum von den Medien behelligt. Das hat für beide Seiten Vor- und Nachteile. Sicher hätten diese Top-Athleten auch ab und zu gerne die Prominenz, das Geld und den Ruhm eines Fußball-Stars. Aber man hat so natürlich viel mehr Ruhe und Privatleben.

nordbuzz: Wahrscheinlich sind Olympioniken tatsächlich die angenehmeren Menschen. Würde man mit einem dieser stressigen Supertrainer wie Pep Guardiola oder Thomas Tuchel gern ein Bier trinken gehen wollen?

Jessy Wellmer: Also - ich würde extrem gern mit Thomas Tuchel einen trinken gehen. Einfach, weil er ein wahnsinnig reflektierter Typ ist.

nordbuzz: Und immer angespannt ...

Jessy Wellmer: Solche Leute beschäftigen sich sehr mit ihren eigenen Gedanken, was ich als Kompliment verstanden sehen möchte. Spitzensport funktioniert heute nur noch, wenn man sich um alles einen Kopf macht. Das ist sicher anstrengend für die Protagonisten, für uns Journalisten und Beobachter aber eben auch total faszinierend. Der Fußball erzeugt heute einen wahnsinnigen Druck. Allein aufgrund der Gelder, um die es da geht.

nordbuzz: Olympia transportiert dagegen noch mehr die alte Idee von Sport? Sie meinen, dass es einfach nur darum geht, was Menschen im Grenzbereich von Körper und Willen leisten können?

Jessy Wellmer: Nein, nicht nur. Ein Olympia-Teilnehmer zum Beispiel in der Leichtathletik steht ebenfalls unter gewaltigem Druck. Auch wenn die Gelder andere sind: Allein um bei Olympia dabei zu sein, muss man schon gewaltig private Mittel aufbringen. Denken Sie an den Verdienst- oder Karriereausfall, den man in Kauf nimmt, um sich lange Zeit intensiv auf olympische Wettbewerbe vorzubereiten. Am Ende gibt es jenen kurzen Moment, der darüber entscheidet, ob man im Wettbewerb Erfolg hat. Dieser Moment entscheidet dann, ob sich der ganze Aufwand gelohnt hat.

nordbuzz: Olympia ist also auch für den unbekannten Athleten ein Rechenbeispiel?

Jessy Wellmer: Für manche ja, aber sicher nicht nur. Um Olympia verstehen zu können, muss man sich klar machen: Für die meisten, die starten, ist das der größte Moment ihres Lebens. Man spürt das auch als Reporter, wenn man diesen Menschen begegnet. Es ist etwas, was zumindest mich fasziniert und auch immer wieder glücklich macht.

nordbuzz: Transportiert sich das bis zum Fernsehzuschauer?

Jessy Wellmer: Ich hoffe, ja - wenn wir unseren Job gut machen. Zumindest sollte dies das Ziel sein. Ich finde, wir sollten insgesamt mehr Respekt vor der Leistung der Athleten haben. Wir neigen dazu, nur Medaillen zu zählen. Dabei kann ein vierter oder fünfter Platz in einem extrem stark besetzten Feld oder eine Finalteilnahme als einziger Europäer in einem Sprintwettbewerb eine fast noch größere Leistung darstellen. Diese Athleten wagen Dinge, die wir normale Leute eher nicht tun: Sie setzen alles auf eine Karte. Jahrelang trainieren sie auf einen Moment hin, der dann auch mal schnell vorbei sein kann, wenn eine Sehne reist oder nur der Muskel zumacht. Es ist schon irre.

nordbuzz: Gibt es eine sportliche Leistung, von der Sie selbst noch träumen?

Jessy Wellmer: Ich träume manchmal von Stabhochsprung - weil das ein unheimlich eleganter Sport ist. Ich habe es aber nie versucht. Obwohl ich Leichtathletik gemacht habe, war es für mich immer unvorstellbar, das jemals schaffen zu können. Weil es technisch so anspruchsvoll ist. Ich habe diese Idee aber noch nicht aufgegeben. Einmal über zwei Meter zu kommen - das würde mir schon reichen (lacht).

nordbuzz: Welche Sportarten sind im Fernsehen besser als „live“?

Jessy Wellmer: Leichtathletik im Stadion ist zumindest ein ganz anderes Erlebnis. Vor Ort fasziniert diese unglaubliche Parallelität der Ereignisse. Überall ist gerade etwas los, auch wenn man im Fernsehen natürlich eine nähere und bessere Sicht auf die Dinge hat. Andererseits: Während Robert Harting seinen Diskus wirft, passieren auch noch andere wichtige Dinge nebenher. Trotzdem sieht es im Fernsehen so aus, als würde alle Welt nur auf diesen Ausschnitt schauen. Das Fernsehen inszeniert Leichtathletik. Im Stadion passiert sie einfach.

nordbuzz: Gibt es auch Disziplinen, deren besondere Atmosphäre sich kaum übers Fernsehen transportieren lässt?

Jessy Wellmer: Ich war in London beim Fechten, das war für mich ein Aha-Erlebnis. In dieser dunklen Halle zu sitzen und diese imposanten Figuren der Athleten in ihren Anzügen zu verfolgen, ist einfach nur toll. Die Eleganz und Atmosphäre dieses Sports lässt sich im Fernsehen nicht zu 100 Prozent transportieren. Es ist wie ein Schauspiel, die Planche hat etwas von einer Theaterbühne. Sich einen Fechtkampf anzugucken, sollte jeder mal ausprobieren. Es muss ja nicht unbedingt bei Olympia sein.

tsch

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