Jodie Foster

Die Angst, nicht gut genug zu sein

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Jodie Foster erreicht mit ihrem vierten Werk „Money Monster“ auch als Regisseurin die Riege der ganz Großen.

Jodie Foster über ihre vierte Regiearbeit „Money Monster“, die globale Finanzkrise, weibliche Regisseure und George Clooney als tanzenden Finanz-Guru.

Fast schüchtern faltet die zierliche Frau im Berliner Nobelhotel Adlon ihre Hände im Schoß. Mit aufmerksamem Blick folgt sie den Fragen, antwortet konzentriert, doch zögernd. Jodie Foster ahnt, dass man ihre Worte auf die Goldwaage legt: als weibliche Regisseurin, die vom Schauspiel kommt. Als Frau, die mit einer Frau verheiratet ist. Als Filmemacherin, die sich in ihrer vierten Regiearbeit „Money Monster“ (Start: 26. Mai) mit der Finanzwelt beschäftigt - und mit der Angst vorm Scheitern. Diese spürt die 53-Jährige selbst, wie sie gesteht - trotz allem Respekt, den sie in der männerdominierten Regiewelt genießt. Zur riesigen Bewunderung ihrer Person verhalf sich die Kalifornierin selbst, seit sie vor genau 40 Jahren unter den Fittichen von Martin Scorsese und Robert De Niro mit „Taxi Driver“ berühmt wurde. Brillante Rollen überzeugten Kritiker und Publikum ebenso wie die schnörkellos empathische Art, mit der die zweifache Oscargewinnerin auch im Interview über den Finanz-Crash, weibliche Regisseure und den tanzenden George Clooney spricht.

nordbuzz: Die wichtigste Frage gleich zu Beginn: Wie brachten Sie denn George Clooney als Finanz-Guru samt peinlicher Verkleidung und Goldkette zum Tanzen?

Jodie Foster: Das schlug er selbst vor! Er wollte Bewegung, und ich sagte: „Wenn du ein Tänzchen hinlegen willst, steht dir nichts im Weg!“ Goldhüte, Showgirls und HipHop-Musik fügen dem natürlich das gewisse Etwas hinzu.

nordbuzz: War der Part auf ihn zugeschnitten?

Foster: Er war der Erste, den ich für die Rolle im Kopf hatte, und der Einzige, der einen derart unliebenswerten Charakter so verkörpern kann. Einen selbstbezogenen Showtypen, der sich um niemanden schert - der einem als Zuschauer am Ende aber dennoch nicht egal ist.

nordbuzz: Die Kombination aus Show, Medienkritik und Finanz-Thriller macht „Money Monster“ zu Ihrem ambitioniertesten Regiewerk. Haben Sie sich für die Entwicklung deshalb so viel Zeit gelassen?

Foster: So lang hat es doch gar nicht gedauert - ich kenne Filme, an denen viel länger gearbeitet wurde! Gut, am Drehbuch werkelten wir eine ganze Weile: Zunächst sollte es ein reines Kammerspiel werden, irgendwann integrierten wir den Aspekt der Technologie, den des Medien- und Fernsehgeschäfts und natürlich den Blick auf die globale Finanzwelt. Diese drei Bereiche sind auf merkwürdige Art und Weise miteinander verknüpft. Als ich mich erstmals mit dem Projekt beschäftigte, dachte ich: Das kann nur Satire werden.

nordbuzz: Dann stellte es sich in der Wirklichkeit als bittere Realität heraus. Konnten Sie inzwischen einen Überblick über die internationale Finanzwelt und deren Krise gewinnen?

Foster: Ich habe natürlich viel darüber gelesen, mich viel mit der Wall Street beschäftigt. Aber auch persönlich machte ich Bekanntschaft damit: Meine erste Regiearbeit „Das Wunderkind Tate“ wurde von Orion produziert, wie auch „Das Schweigen der Lämmer“. Im gleichen Jahr, als mein Film erschien, ging die Firma pleite. Das öffnete mir die Augen hinsichtlich der Finanzwelt. Ich musste mich zwangsläufig damit beschäftigen, und mir die Gelder vor Gericht zurückholen. Das ist alles unglaublich verwirrend. Und das ist es ja absichtlich: sodass die Profiteure, die die Regeln festlegen und für Verwirrung sorgen, noch mehr Geld machen können.

nordbuzz: Das Problem liegt also in der Undurchsichtigkeit der Machenschaften am Finanzmarkt?

Foster: Gerade Computerpannen - wie im Film - geschehen immer wieder, ein unerklärliches technisches Phänomen. Vor ein paar Jahren wurde die gesamte Stromversorgung der Ostküste durch einen Computerfehler für zwei Tage abgeschaltet. Milliarden Dollar gingen dabei verloren. Man weiß immer noch nicht genau, wie das geschehen konnte. Ebenso in Chicago, wo an der Börse innerhalb von neun Minuten Milliarden Dollar einfach verschwanden. Bei der Hypothekenkrise 2008 konnten wir noch sagen, was passierte. Als jedoch Knight Capital innerhalb von Minuten durch einen Computerfehler fast alles verlor, vermochte das niemand mehr.

nordbuzz: Glauben Sie, die Situation wird immer unübersichtlicher?

Foster: Derlei wird immer häufiger geschehen - gerade auch in Ländern der Dritten Welt mit instabiler politischer Lage. Was dann? Es wird sich ausweiten, weil unsere Welt in immer größerem Maße von Technologie gesteuert wird.

nordbuzz: Würden Sie dafür auch die Entwicklung der Technologie im Allgemeinen verantwortlich machen?

Foster: Sicher - es existieren die negativen Seiten. Doch in Bezug auf die Technik als solcher kritisiere ich eigentlich gar nichts. So läuft unser Leben nunmal heute. Unsere Beziehungen zueinander verlagern sich immer mehr ins Virtuelle. Wir akzeptieren das inzwischen - und ziehen daraus ja auch einige grandiose Vorteile: Menschen aus Südafrika, Island oder Korea, ohne Geld, Macht und Stimme, können sich auf einmal zusammentun und gemeinsam Korruption bekämpfen. So trägt Technologie als Kommunikationsmedium dazu bei, Leute zu vereinigen. Das ist auch eine Form der Demokratisierung.

nordbuzz: Kann man in dieser Hinsicht auch der Finanzkrise etwas Positives abgewinnen? Konnten Medien und Filmwelt zu mehr Aufklärung beitragen?

Foster: Die Finanzwelt ist heute in den Nachrichten viel präsenter. Ein Teil unseres Lebens war sie aber immer: Wir bewegen uns seit 1929 immer und immer wieder von Blase zu Crash zu Blase zu Crash. Nur dass heute viel mehr auf dem Spiel steht.

nordbuzz: Durch das Wissen darum kann man heute immerhin darauf reagieren ...

Foster: Seit der Krise 2008 gab es jede Menge Versuche, den Finanzmarkt zu regulieren. Tatsächlich bedeutete das aber lediglich, dass die Verantwortlichen nach anderen Wegen suchen mussten, um Profite zu generieren. Das passiert heute weltweit und stellt eine echte Gefahr dar.

nordbuzz: Um jene Verantwortlichen drehten sich ja bislang die meisten Filme zum Thema Finanzkrise - von „Wolf of Wall Street“ bis „The Big Short“. Lag es Ihnen am Herzen, nun einmal die Perspektive der Opfer zu zeigen?

Foster: Es ist wichtig, jede Seite zu betrachten. Vor allem natürlich die des Jedermanns, der nichts falsch gemacht hat. Der nur sein Geld sparte, in eine Aktie investierte, die man ihm als sichere versprach - und der beschissen wurde, weil man das System zu seinen Ungunsten manipulierte. Aber auch die Akteure auf der anderen Seite haben Angst vorm Scheitern. Diese vor allem männliche Versagensangst, die auf der Frage beruht, was man wert ist, interessierte mich.

nordbuzz: Sie sagen selbst von sich, dass Sie noch immer Angst vorm Scheitern haben ...

Foster: Scheitern kann eine ganze Menge bedeuten. Es geht dabei nicht notwendigerweise um messbaren ökonomischen Erfolg. Scheitern kann auch ein guter Motivator sein. Überhaupt glaube ich, dass all unsere Neurosen motivierend wirken können. Gerade Künstler versuchen sich selbst besser zu verstehen, um besser zu werden. Meine persönliche Versagensangst hat aber mehr mit dem Verhältnis zu meiner Mutter als mit irgendetwas anderem zu tun. Ich habe mich immer mit dem Gedanken gequält, nicht gut genug zu sein.

nordbuzz: Mit derlei Zweifeln haben insbesondere viele weibliche Regisseure in der Männerdomäne Hollywood zu kämpfen. Liegt das darin begründet, dass eine Frau an der Regie immer noch ein „Risiko“ ist, wie Sie in Cannes sagten?

Foster: Sicher. Auf mich persönlich trifft das allerdings weniger zu. Ich bin schließlich besser in das System integriert und viel bekannter als diejenigen, die frisch aus der Filmschule kommen. Meinen ersten Regiefilm konnte ich beispielsweise nur deshalb realisieren, weil ich darin fast unbezahlt mitspielte. Es war zwar nett von den Produzenten, eine neue Filmemacherin zu unterstützen, aber für sie bestand dabei kein großes Risiko. Auch bin ich lang genug im Geschäft, um die richtigen Beziehungen zu haben. Deshalb besitze ich einen ganz anderen Hintergrund als die jungen aufstrebenden Frauen, die versuchen, Filme zu machen.

nordbuzz: Da schließt sich der Kreis zur Finanzwelt: Auch Filmemacher und Schauspieler werden heutzutage in Nummern, sprich: generierten Einnahmen, gemessen ...

Foster: Ja, das ist verstörend und eine eigenartige Art zu leben: zu akzeptieren, dass man eine Ware ist. Der Verlust der eigenen Identität durch Berühmtheit ist ja ohnehin ein Thema, das sich durch all meine Filme zieht: dass man sich selbst in dem verliert, was man für andere repräsentiert.

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