Stefan Gödde im Interview

Ein anderes „Auslandsjournal“

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„Galileo“-Moderator Stefan Gödde probiert etwas Politisches bei ProSieben: In Russland, China und Fukushima macht er sich auf die Suche nach persönlichen „Innenansichten“.

ProSieben versucht sich an einem politischen Reisejournal. Stefan Gödde fuhr nach Russland, China und ins japanische Atomunfall-Gebiet Fukushima.

Der studierte Deutsch- und Englischlehrer Stefan Gödde gehört zu jenen Moderatoren des Privatfernsehens, denen man auch journalistisches Arbeiten zutraut. Für die Doku-Reihe „Inside mit Stefan Gödde“ (ab 8. August, montags, 22.10 Uhr, ProSieben) reiste der 40-Jährige nach Russland, China und ins japanische Atomunfall-Gebiet Fukushima. Natürlich spielt das Format ein wenig mit dem Reiz des Verboten-Exotischen. Göddes Reiseziele sind Orte, die irgendwie gefährlich oder extrem erscheinen. Dennoch verzichtet der aus dem „Galileo“-Magazin bekannte Moderator auf allzu Plakatives. Er verlässt sich bei seinen Begegnungen mit Menschen vor Ort auf sein an Zusammenhängen interessiertes, empathisches Wesen. Sicher eines der ambitioniertesten Factual-Formate, das seit längerer Zeit bei ProSieben zu sehen war. Kann so etwas gut gehen?

nordbuzz: Für Ihr neues Format reisten Sie nach Russland, China und Fukushima. Worum geht es Ihnen?

Stefan Gödde: Es geht darum, einen Erfahrungsbericht von Orten anzubieten, aus denen wir sonst nur gefilterte Informationen und Berichte erhalten. Ich fahre in diese Länder, um mir selber ein Bild zu machen. Das habe ich im Rahmen von „Galileo Spezial“ schon in Nordkorea und Tschernobyl gemacht. Nun haben wir dem Ganzen einen neuen Titel mit meinem Namen drin gegeben (lacht).

nordbuzz: Wie frei oder unfrei konnten Sie in den genannten Regionen drehen?

Gödde: Oh, da gibt es große Unterschiede. In Nordkorea kann man nur drehen, wenn eine Koproduktion mit einer Firma vor Ort genehmigt wird. Die ist dann auch bei allen Reisen, bei jedem Interview zugegen. In China ist es im Prinzip ähnlich. Nur ist die Kontrolle dort nicht so systematisch, das System irgendwie chaotischer. Im Prinzip muss man sich auch in China jeden Drehort und Interviewpartner genehmigen lassen. Als man uns verboten hat, nach Zentralchina zu reisen, wo Kinder komplett ohne Eltern aufwachsen, sind wir trotzdem gefahren und keiner hat uns daran gehindert. Dafür wurde ein Interview mit einem Stahlarbeiter plötzlich von Sicherheitsleuten abgebrochen. Ohne Begründung.

nordbuzz: Und in Russland ist es anders?

Gödde: Ja. Da hatten wir nur Begleitung, als wir im Kriegsgebiet der Ostukraine umhergereist sind. Ansonsten kann man in Russland jeden treffen und sich frei bewegen. Allerdings: Der Putin-kritische Journalist, mit dem wir uns im Herzen von Moskau trafen, berichtete eben auch, dass ein Kollege, mit dem er gemeinsam für ein Buch recherchierte, während der Recherche auf mysteriöse Weise ums Leben kam. Auch er selbst geht ein hohes Risiko ein. Sein Handy wird überwacht, und er ist mehrfach zusammengeschlagen worden. Es macht einem klar, unter welchen Bedingungen Journalisten in manchen Ländern arbeiten.

nordbuzz: Wie schwer ist das Arbeiten in Fukushima? Darf man da einfach so hinfahren?

Gödde: Überraschenderweise - ja. Die japanische Regierung möchte den Eindruck vermitteln, ein solcher Atomunfall sei beherrschbar, die Gegend im Prinzip schon wieder bewohnbar, nachdem man hier und da ein bisschen Erde abgetragen hat. Das ist natürlich Unfug. Die Strahlung variiert sehr stark, je nachdem, wo man gerade ist. Wir hatten immer einen Geigerzähler dabei, um uns selbst nicht zu sehr in Gefahr zu bringen. Die Gegend dort ist aber frei zugänglich. Man muss sogar aufpassen, nicht aus Versehen ins Strahlungsgebiet zu gelangen - vor allem als Ausländer. Warnschilder, die hier und da aufgestellt wurden, sind nämlich nur in Landessprache.

nordbuzz: Das hätte man nicht unbedingt so erwartet ...

Gödde: Nein. Es gibt sogar eine Buslinie, die fährt direkt durch die „rote Zone“. Also jenes Gebiet, wo die Strahlung zum Teil sehr heftig ist. Für die Busfahrt kann man sich ganz normal ein Ticket kaufen. Dabei kommt man dem havarierten Kraftwerk teilweise so nah, dass die Geigerzähler extrem ausschlagen. Trotzdem waren wir die Einzigen im Bus, die einen dabei hatten. Alle anderen dösten oder sie tippten auf ihrem Handy. Keiner wirkte so, als wäre er sich der Gefahr bewusst.

nordbuzz: Welchen Anspruch haben Sie selbst an Ihre Reisen?

Gödde: Wir waren etwa zwei Wochen pro Land und Film unterwegs. Gerade in Riesenländern wie China oder Russland wäre es vermessen zu sagen, dass wir in weniger als einer Stunde die Lage in einem gesamten Land erklären. Wir versuchen, unsere Reiseziele und Gesprächspartner ausgewogen auszusuchen, sodass sich am Ende ein stimmiges Mosaik ergibt. Eines, das Stimmung und Meinungen im Land abbildet. Natürlich wird immer auch versucht, uns im Sinne der Propaganda zu instrumentalisieren. Da muss man dann eben wachsam sein.

nordbuzz: Ihre erste Folge ist jene aus Russland. Welche „Inside“-Erkenntnis war für Sie dort am überraschendsten?

Gödde: Ich muss erst mal sagen, dass Russland ein tolles, faszinierendes Land mit ungewöhnlich freundlichen Menschen ist. Moskau fand ich großartig, ich möchte dort unbedingt mal mehr Zeit verbringen. Was uns alle überrascht hat: Es gibt tatsächlich eine große Sehnsucht in der russischen Bevölkerung nach der alten Stärke des Landes. Egal, wie man zu Putin und seinem System steht - diese Sehnsucht teilten fast alle, mit denen wir sprachen. Indem Putin diesen bei den Menschen tief verankerten Wunsch nach Relevanz verkörpert, indem er seine Muskeln spielen lässt, ist er tatsächlich bei vielen beliebt. Egal, wie berechnend oder perfide Putin sein Spiel betreibt.

nordbuzz: In welcher Situation hatten Sie Angst?

Gödde: Grundsätzlich ist Angst ein schlechter Ratgeber bei solchen Drehs. Ein ungutes Gefühl hatte ich tatsächlich im Kriegsgebiet der Ost-Ukraine. Wir sind es heutzutage gewöhnt, ständig inszenierten Krieg in Filmen, Spielen oder TV-Serien zu sehen. Oder eben Nachrichtenberichte aus Kriegsgebieten. Es ist aber eine völlig andere Erfahrung, selbst in einem Kriegsgebiet zu sein. Wenn du Gewehr- und Geschützsalven hörst, während du versuchst zu schlafen, wenn um dich herum ständig nervöse Kerle mit Waffen herumlaufen, wird dir anders. Und es ist auch nicht ungefährlich.

nordbuzz: Worin unterscheidet sich „Inside mit Stefan Gödde“ von einem öffentlich-rechtlichen Programm? Beispielsweise der Reportage eines Auslandskorrespondenten ...

Gödde: Durch die sehr persönliche Herangehensweise. Mein Ansatz ist es, den Zuschauer mit auf eine Reise zu nehmen. Er kann das Geschehen durch meine Augen wahrnehmen. Er hört auch meine Gedanken und Bewertungen im Off-Kommentar. Das alles hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wie vermessen wäre es zu sagen: Ich habe dieses Land oder gar die Welt verstanden? Mein Anspruch ist es, dass ich hingehe und mir mein eigenes Bild von einem Land und seinen Bewohnern mache.

nordbuzz: Und das darf dann ruhig ein bisschen naiv-beobachtend sein?

Gödde: Ja, warum nicht? Naiv-beobachtend im Sinne einer freundlichen Unvoreingenommenheit, das finde ich okay. Auf jeden Fall trete ich empathisch an die Menschen heran - was aber auch meiner Art entspricht. Verstellen muss ich mich für diese Reportagen sicher nicht. Unabdingbar ist natürlich, dass wir die Geschichten und Erlebnisse journalistisch einordnen und sie in einen größeren Kontext bringen.

nordbuzz: Kann die Reihe weitergehen? Gibt es überhaupt noch so viele Ziele dieser Art?

Gödde: Ich hoffe, dass sie weitergeht. Mir haben diese Reisen sehr viel Spaß gemacht. Alles hängt natürlich davon ab, wie die Sendung bei den Zuschauern ankommt. Ich wüsste auf jeden Fall noch einige Ziele, die ich gerne zeigen würde. Bereits für diese Staffel hatten wir eine Reise in den Iran geplant, haben aber vorerst kein Visum bekommen. Das probieren wir weiter.

nordbuzz: Und sonst: Wo könnte es noch hingehen?

Gödde: Darüber mache ich mir erst Gedanken, wenn es tatsächlich weitergehen sollte. Persönlich finde ich den afrikanischen Kontinent sehr spannend. Es ist erstaunlich, dass für uns Europäer unterhalb des Mittelmeeres meist die Welt aufhört. Dinge, die in Amerika oder anderen Gesellschaften passieren, die der unseren ähnlich sind, scheinen uns viel näher zu sein, als alles, was in Afrika passiert. Dabei fände ich es sehr wichtig, Interesse für diesen Teil der Welt zu wecken und das Ganze mal aus einer anderen Perspektive und mit anderen journalistischen Ansätzen zu zeigen.

tsch

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