Tom Tykwer

Das Andere als Chance

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Mit "Ein Hologramm für den König" widmet sich Filmemacher Tom Tykwer zugleich brandaktuellen und zeitlosen Themen.

"Ein Hologramm für den König"-Regisseur Tom Tykwer über die Folgen der Finanzkrise, Veränderung in Saudi-Arabien, seine kommende Serie "Babylon Berlin" - und die Stimmungskanone Tom Hanks.

Zuletzt schien sich Tom Tykwer gemeinsam mit den Wachowskis in "Cloud Atlas" und "Sense8" mehr und mehr in esoterischere Filmgefilde zu begeben. Die Rezensionen fielen kritischer aus, die Begeisterung um den deutschen Starregisseur war verhaltener. Und doch standen dem 50-Jährigen selbst jene gewagten, skeptisch beäugten Ausflüge gut zu Gesicht. Dass sich der gebürtige Wuppertaler in "Ein Hologramm für den König" (Kinostart: 28.4.) mit lakonischem Realismus nun hochaktueller und doch zeitloser Politik widmet, dürfte seine Bewunderer trotzdem erleichtern. Die Folgen der Finanzkrise, autoritäre Regimes im Islam und mittendrin die Menschen, die sich trotz aller Ideologie näher sind, als sie glauben: Im Interview spricht Tykwer über die brennenden Themen seiner Romanadaption, den "stimmungskanonigen" Hauptdarsteller Tom Hanks sowie seine kommende Serie "Babylon Berlin"

teleschau: Welcher Aspekt an Dave Eggers' Roman "Hologramm für einen König" hat Sie für die Filmadaption am meisten gereizt?

Tom Tykwer: Vor allem die epische, groß angelegte Erzählung in Verbindung mit dieser bestechenden Aktualität und Gegenwartsbezogenheit. Faszinierend, wie darin beides zusammenkommt. Beim Roman hatte ich das Gefühl, etwas Zeitloses zu lesen, und wusste zugleich, es handelt von konkreten Themen, die uns gerade bewegen. So etwas brauchen wir momentan.

teleschau: Als Sie sich mit dem Stoff anfangs auseinandersetzten, waren die Themen Islam und Krise ja sogar weniger aktuell als zur Zeit ...

Tykwer: Ja, die Flüchtlingsdebatte gab es nicht, als ich damit anfing. Der Film konnte tatsächlich an Aktualität und Zeitbezug gewinnen.

teleschau: Bezieht er Stellung in der Debatte?

Tykwer: Er nimmt ja keine Position zu diesem spezifischen Thema ein, sondern zu einer bestimmten Grundhaltung: Dass es nämlich eine echte Chance für uns ist, uns einander anzunähern, auch wenn wir aus völlig unterschiedlichen Kontexten und Kulturen stammen. Auch, dass dies einfacher ist denn je. Schließlich leben wir in einer Welt, in der sich durch Online-Communities das Wissen voneinander auf eine ganz andere Weise angehäuft hat, als durch das Nadelöhr der Medien.

teleschau: Kann ein Kinofilm wie "Hologramm für den König" dazu beitragen?

Tykwer: Ich glaube: ja. Schließlich ermöglicht er, nicht sorgenvoll, sondern hoffnungsvoll auf eine Situation zu blicken und eher Potenziale aufzuzeigen, als Sackgassen zu konstatieren.

teleschau: Hoffnung und Potenziale in einer krisengebeutelten Welt?

Tykwer: Wir wissen alle, dass das dominierende ökonomische System eben doch nicht die Sicherheit bietet, die man eigentlich von ihm erwartete. Mit der es sich auch immer präsentierte. Sondern dass dieses System viel fragiler ist, und das Gerüst, das wir als unser Leben aufgebaut haben, viel schneller wegbrechen kann, als man denkt. Wenn man aber nicht an den bekannten Prinzipien und Regeln festhält, sondern sich offen nach anderen Sichtweisen und Lebensformen umschaut, kann man sich vielleicht neu erfinden. Das passiert insbesondere, wie momentan, durch die Wanderschaften der Völker zueinander. Für uns ist das hilfreich: Wenn wir uns notwendigerweise neu erfinden und nicht in unseren Dogmen und Prinzipien einigeln.

teleschau: Die Krise als Chance zur Veränderung, sozusagen?

Tykwer: Klar. "Hologramm für den König" zeigt ja vor allem die Verlorenheit einer bestimmten Art und Idee von Geschäftswesen. Die stirbt vor unseren Augen, und alle sind gespannt, was stattdessen passiert. Zugleich lernen wir schon das neue, das andere Leben, nehmen daran teil. Ohne es zu merken, denn es wird ja Teil unseres Alltags.

teleschau: Nur dass einige nicht mehr mitkommen ...

Tykwer: Das ist dieses Auslaufmodell aus jener Generation, deren Vertreter biologisch noch nicht einmal in der Nähe des Endes sind, aber von der Gesellschaft schon mal verabschiedet werden, im Sinne von: "Danke, wir brauchen dich nicht mehr." Die USA sind ja übersät von diesen Männern und Frauen, die ausgemustert werden, obwohl sie noch weit vom Ruhestand entfernt sind. So viele Menschen haben dort im Zuge der Krise über Nacht alles verloren. Es ist diese Generation der Babyboomer, die immer daran glaubten, dass die Kurve immer nach oben geht. Die ihr zweifelsfreies Leben führten, auf natürlich sehr unreflektierte Weise. Und mit Naivität und kindlichem Glauben daran festhielten, als dieses Modell dann zusammenbrach. Das ist dieser unerschütterliche amerikanische Glaube: Ich habe mein Leben lang Fahrräder verkauft, das hat immer funktioniert, und es kann nicht sein, dass es das nicht mehr tut.

teleschau: Es ist nicht das erste Mal, dass Sie sich mit diesem Thema auseinandersetzen ...

Tykwer: Ich drehte schon mal einen Film über die Finanzkrise, "The International", aber der war wohl zu früh dran ...

teleschau: Und deshalb nicht so erfolgreich?

Tykwer: Wir hatten den Thriller damals fünf Jahre entwickelt - und bekamen einen Starttermin, der vier Wochen vor der Bankenkrise lag. Dann wurde er kurzfristig verlegt, die Krise kam, und als er sechs Monate später erschien, dachten alle: Jetzt will der Geld mit dem Elend der anderen machen (lacht). Ein halbes Jahr eher, und wir wären visionär gewesen. Ein bisschen frustrierend.

teleschau: Was damals als mitreißender Thriller konzipiert war, erzählen Sie nun voller subtilem Humor - obwohl die Vorlage viel düsterer ist ...

Tykwer: Für den Film mussten wir eine eigene Vision davon entwickeln, die ihre eigene Tonalität entwickelt. Vor allem mit diesem besonderen Humor, der sich deshalb so stark transportiert, weil Tom Hanks die Hauptrolle spielt. Er bringt immer eine besondere Leichtigkeit in Situationen, die auch viel schwieriger sein könnten. Und kann diesen Amerikaner so stark spielen, der sagt: "Hey, what's happening?" Auch wenn sie noch so konstruiert erscheint, kann er eine Situation mit guter Laune füllen. Das Erstaunliche ist ja, dass Tom privat auch so ist. Um ihn herum herrscht immer diese unheimlich konstruktive, harmonieorientierte, stimmungskanonige, superinspirierte und experimentierfreudige Atmosphäre.

teleschau: War Ihnen sofort klar, dass Tom Hanks die Rolle übernehmen muss?

Tykwer: Ich fand, es war direkt auf jeder Seite des Romans groß aufgedruckt (lacht). Von Seite eins an dachte ich: Das darf nicht sein, dass dies jemand anderes macht. Kurz zuvor hatten wir uns bei "Cloud Atlas" kennengelernt und auch wirklich sehr gut verstanden. Wir entwickelten diese Lust, noch ein gemeinsames Projekt zu finden. Da schien "Hologramm für den König" wie ein Geschenk. Allein Tom in Business-Anzug mit Aktentasche in die Wüste zu stellen, wo ihm der Wind um die Ohren weht (lacht)! Ein so starkes Bild.

teleschau: Das entfremdete Individuum in der Krise, das in der Fremde die Erlösung sucht - in diesem Fall in Saudi-Arabien. War Ihnen mulmig zumute, sich neben der Krise auch dem Themenkomplex Islam und autoritäre Regimes zu nähern?

Tykwer: Der Film nimmt ja kein Blatt vor den Mund. Man kann natürlich, wie die dominierenden Medien, immer nur auf die kritischen Zonen scharfstellen. Ich wollte aber erzählen, wie es ist, einfach dorthin zu reisen, um Geschäfte zu machen. Wenn man den Leuten im Alltag vor Ort begegnet, erscheinen sie einem viel vertrauter, als man das erwartet hätte. Andererseits bleibt eine Art von Fremdheit. Und natürlich muss man sich bewusst machen, dass es ein in mancher Hinsicht rückständiges Land ist.

teleschau: Eines, das sich gesellschaftlich seit Jahrhunderten nur langsam verändert ...

Tykwer: Wichtig ist, dass es von Menschen bewohnt ist, die darauf vertrauen, dass es bald anders wird. Weil sie sich selbst ändern. Die nachwachsenden Generationen haben ein großes Grundvertrauen, sind geduldig. Sie wissen, der nächste König wird viel jünger sein und mit der jungen Generation in die Spätmoderne eintreten wollen. Die haben ja auch keine Lust mehr, in dieser isolierten Position zu stehen.

Teleschau: Einen Aufstand wie beim Arabischen Frühling wird man wohl aber nicht mehr erwarten können ...

Tykwer: Die Menschen dort besitzen nicht diese revolutionäre Energie, was auch mit der ökonomischen Position zu tun hat. Der Leidensdruck ist natürlich geringer. Es gibt eine kritische Generation, die auf eigentümliche Weise Verbundenheit mit ihrer Heimat demonstriert. Die wollen keine Hilfe rufen von außen, sondern in Ruhe am Ast der Alten sägen. Bis der abbricht, wird das Leben, das sie sich vorstellen, hinter verschlossenen Türen längst gelebt. Wenn man auf die Straße tritt, spielt man das Theater mit. Zuhause allerdings fällt sofort der Schleier, darunter schicke Kleider, und der Mann kocht in der Küche und die Frau setzt sich mit dir aufs Sofa und palavert.

teleschau: Eine schleichende Revolution also?

Tykwer: Das wird ein sanfter Weg zu mehr Liberalität sein. Ein eigener Weg. Das ist ja auch richtig so: Man muss diesen Ländern ihre eigenen Wege lassen.

teleschau: Sie scheinen sehr optimistisch, was die Emanzipation von autoritären Regimes angeht ...

Tykwer: Man kann momentan natürlich nicht sagen: Das ist ein prima Land. Aber man muss nur mit den Menschen reden. Die sagen wiederum: "Okay, wenn ich auf die Probleme der USA scharfstelle, zum Beispiel die rigide Geld- und Weltpolitik, dann ist die Liste der Probleme wahrscheinlich länger als unsere". Diese Widersprüche vergisst man immer wieder, weil man mit den eigenen kulturellen Kontexten viel gewohnter umgeht. Es ist eben anders. Und diese Andersartigkeit bildet eine Chance.

teleschau: In den nächsten Monaten widmen Sie sich mit der Serie "Babylon Berlin" ebenfalls erneut Widersprüchlichkeiten - denen der deutschen Gesellschaft am Ende der Weimarer Republik. Wie viel können wir angesichts der aktuellen politischen Polarisierung davon lernen?

Tykwer: Die Parallele zwischen der Zeit Anfang der 30-er und heute war natürlich ein ganz starker Faktor für uns. Ich spürte, da ist eine politische Energie in dieser Stadt, ein kultureller Druck, eine versteckte Krise, die alle spüren - aber von der, wie heute, niemand weiß, wo sie hinführt. Man ging noch mit einer gewissen Gelassenheit mit den Dingen um, ein Geschichtsbewusstsein gab es nicht. Niemand ahnte: In dreieinhalb Jahren ist dieser Hitler an der Macht. Kein Mensch hat das kommen sehen, der war ja noch 1929 ein Randkandidat. Doch mit der ökonomischen Krise hat er Fahrt aufgenommen und selbst zu jener Zeit war das Nadelöhr, durch das er sich schlängelte, so winzig, dass das niemand vorhersah. Dann war er plötzlich da und mit ihm auch die Bereitschaft, sich an ihn ranzuhängen.

teleschau: Sehen Sie diese Gefahr heute wiederkehren?

Tykwer: Wir befinden uns ja auch momentan in so einer leicht verunsichernden Lage. Wir wissen nicht genau, was das alles bedeutet, was zur Zeit vor sich geht. Ich bin allerdings überzeugt davon, dass wir auf etwas sichereren liberalen Beinen stehen als damals.

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