Wladimir Kaminer im Interview

Die Anarchie der deutschen Provinz

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Für die Dokureihe „Kulturlandschaften“ bereiste Wladimir Kaminer fünf Regionen in Deutschland.

„Das Leben in der Provinz hat viel mehr Freiheit und Anarchie als das Leben in einer Großstadt“, glaubt Wladimir Kaminer. Er muss es wissen: Für 3sat erkundet der Wahl-Berliner erneut die deutsche Provinz.

Wenn einer von der Metropole Moskau in die Millionenstadt Berlin zieht, dann, so sollte man meinen, hat er es nicht so mit dem flachen Land. Für die 3sat-Dokureihe „Kulturlandschaften“ wagt sich Bestsellerautor Wladimir Kaminer („Russendisko“) nun aber bereits zum zweiten Mal in die deutsche Provinz. Mit seinem ganz speziellen Humor blickt er auf die besondere Spezies der Provinzbewohner, trifft lokale Künstler und bereist in fünf Folgen (22. bis 26. August, 19.30 Uhr) fünf deutsche Regionen. Zum Interview meldet sich der 49-jährige Russe, der kurz vor dem Fall der Berliner Mauer Asyl in der DDR beantragt hatte, aus seinem Schrebergarten - irgendwo in der brandenburgischen Pampa.

nordbuzz: Herr Kaminer, woher kommt Ihr Interesse für die deutsche Provinz?

Wladimir Kaminer: Als Großstadtbewohner hatte ich wenig Erfahrung mit der Provinz. Auch bei meinen Lesereisen fuhr ich immer die gleichen Routen: vom Bahnhof zum Hotel und zurück zum Bahnhof. Mein Interesse für das Leben da draußen fing mit einem Schrebergarten in Berlin an. Für mich war das eine Erfahrung wie mit außerirdischem Leben: Ich lernte dort Menschen kennen, die ich zuvor nicht zu Gesicht bekommen habe. Menschen, die eine große Aufgabe darin sehen, dieses kleine Stück Erde in ein Paradies nach ihren eigenen Vorstellungen umzuwandeln. Wir durften allerdings nicht lange in unserem Garten bleiben, wegen Problemen mit „spontaner Vegetation“. Nach nur einem Jahr mussten wir den Garten wieder abgeben.

nordbuzz: Sie hielten sich also nicht an die Regeln?

Kaminer: Es gibt einfach zu viele Regeln in der Schrebergartenordnung. Jetzt haben wir einen neuen Garten in Brandenburg, in einem kleinen Dorf. Hier kann jeder spontan in jede Richtung vegetieren, so wie er will. Es ist erstaunlich, welche alternativen Lebensentwürfe sich die Menschen in der Provinz zusammenbasteln. Das Leben in der Provinz hat viel mehr Freiheit und Anarchie als das Leben in einer Großstadt - ironischerweise. Eigentlich sollte man meinen, es sei umgekehrt.

nordbuzz: Wie erlebten Sie in den neuen Folgen von „Kulturlandschaften“ die Provinz?

Kaminer: Ich erlebte vor allem krasse Unterschiede. Innerhalb von zwei Wochen habe ich im Allgäu gedreht, wo es nur Berge und Kühe gibt, und in Nordfriesland, wo es weder Berge noch Kühe gibt, dafür viele Schafe und Surfer. Rund 800 Kilometer liegen zwischen den beiden Landschaften, sie fühlen sich aber wie zwei unterschiedliche Planeten an. Für mich waren diesmal nicht die Künstler spannend, die sonst bei „Kulturlandschaften“ im Mittelpunkt stehen, sondern die Landschaften. Deutschland ist ein ziemlich bunter Teppich: Wenn man die Oberseite des Teppichs betrachtet, wirkt alles ordentlich und klar strukturiert. Aber jeder Teppich hat eine Unterseite. Hier sieht man die vielen Farben, aus denen der Teppich besteht. Und das ist für mich die spannendere Seite.

nordbuzz: Welche Begegnungen sind Ihnen am meisten im Gedächtnis geblieben?

Kaminer: Im Allgäu traf ich einen Künstler, der in den Bergen Pforten aufstellt und damit die Landschaften umrahmt. Die Menschen leben an der Landschaft vorbei, sie gehen tausendmal denselben Weg und merken dabei gar nicht, was rechts und links von ihnen ist. Durch die Pforten bekommen die ihnen vertrauten Landschaften einen künstlerischen Mehrwert. Ebenfalls im Allgäu lernte ich den Musiker Rainer von Vielen kennen, der politisch engagierte Musik macht. Inmitten dieser lieblichen Landschaft singt er „Empört euch!“ - obwohl es da eigentlich keinen Grund gibt, sich zu empören.

nordbuzz: Ist die Provinz politischer als die Stadt?

Kaminer: Seltsamerweise ja. Je stiller es im eigener Haus ist, desto mehr Sorgen machen sich die Menschen über das Schicksal der Welt und den bevorstehenden Krieg.

nordbuzz: Ist das eine typisch deutsche Eigenschaft?

Kaminer: Ich glaube, das ist überall so. Je ruhiger das Leben ist, desto mehr Sorgen kann man sich machen! Wer im Bombenhagel sitzt, hat gar keine Zeit, über die Probleme der Welt nachzudenken.

nordbuzz: Haben Sie einen Lieblingsort in der deutschen Provinz?

Kaminer: Je mehr ich Deutschland kennenlerne, desto besser gefällt es mir. Ich lerne es jetzt, nach 25 Jahren, erst richtig zu schätzen. Ich habe einen ausgefallenen Geschmack: Ich mag Brandenburg. Es ist eine Mischung aus Allgäu und Friesland: Hier gibt es weder Berge noch Meer (lacht). Die Menschen sind zurückhaltend und auf eine gewisse Weise freundlich. Sie sind herzlich, verstecken ihre Freundlichkeit aber und zeigen sie nicht.

nordbuzz: Und gab es Orte, die sie bereisten, wo sie einfach nur weg wollten?

Kaminer: Wir waren für die neuen Folgen von „Kulturlandschaften“ viermal auf dem Land und einmal in einer Stadt, in Offenbach. Es war nett da, aber für mich als Stadtmensch war das nichts Neues. Außerdem wollte dort niemand gefilmt werden - ganz anders als auf dem Land, wo jeder ins Fernehen wollte.

nordbuzz: Sie leben seit über 25 Jahren in Deutschland. Haben Sie nach dieser langen Zeit überhaupt noch einen anderen Blick auf das Land als andere Deutsche?

Kaminer: Es ist vorteilhaft, von der Distanz aus auf etwas zu blicken. Da sieht man einfach mehr. Wenn eine Fliege in ihrem Glas sitzt, sieht sie weniger, als wenn sie herumfliegt. Ich bin ein Fremder, und das werde ich mein ganzes Leben lang bleiben, ob in Russland oder in Deutschland. Ich werde nirgendwo heimisch. In Russland war ich Jude - das stand in meinem Pass. Für viele galt ich nicht als Russe. In Deutschland hatte ich 15 Jahre lang einen Pass als Staatenloser, auf dem „Alien“ stand. Darüber haben wir Staatenlosen uns natürlich immer lustig gemacht und allen erzählt, dass wir „Aliens“ seien. Daraus hat sich auch eine Haltung entwickelt, dass uns vieles nichts angeht. Dieses „Alien“-Gefühl hat sich inzwischen eingebrannt bei mir.

nordbuzz: Sie sagten einmal, dass sie nach der ersten Staffel „Kulturlandschaften“ mehr positive Zuschriften erhalten haben als auf ihre Bücher. Ist das für einen Schriftsteller nicht frustrierend?

Kaminer: Das ist absolut frustrierend! Schließlich handelt es sich um eine reine Unterhaltungssendung. Aber die Menschen schauen eben lieber fern, als dass sie Bücher lesen!

tsch

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