Hubertus Meyer-Burckhardt

Ein Alleskönner, aber kein Streber

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Hubertus Meyer-Burckhardt wird am 24. Juli 60 Jahre alt.

Er war Theaterregisseur, Filmproduzent, Werbemanager und Medienhaus-Vorstand. Die meisten kennen das verschmitzte Allerweltsgesicht Hubertus Meyer-Burckkardts allerdings aus 20 Jahren NDR-Talkshow.

Hubertus Meyer-Burckhardt ist ein Fels in Deutschlands Talkshow-Brandung. 1994 übernahm er mit Alida Gundlach die NDR-Talkshow, ein für die deutsche TV-Kultur sicher stilprägendes Gesprächsformat. Seit 2008 moderiert er die Sendung wieder - mit Barbara Schöneberger Dazwischen pausierte er, weil es den studierten Filmproduzenten auf Vorstands-Stühle bei Springer und später in den Aufsichtsrat von ProSiebenSat.1 gespült hatte. Dabei wollte Meyer-Burckhardt, der erfolgreich Romane schreibt und an Filmhochschulen lehrte, eigentlich nie Manager werden. Der gebürtige Kasselaner, der sich als „verspielten Menschen“ beschreibt, hatte wohl einfach zu viele Talente für nur eine Karriere. Am 24. Juli wird er 60 Jahre alt. Das NDR-Fernsehen widmet seinem Alleskönner das Porträt „Mit Talk, Charme und Humor - Hubertus Meyer-Burckhardt“, das am Sonntag, 24.07., um15 Uhr, ausgestrahlt wird.

nordbuzz: Sie moderieren seit über 20 Jahren Talkshows. Hat sich das miteinander Reden in dieser Zeit verändert?

Hubertus Meyer-Burckhardt: Die Menschen sind sehr viel disziplinierter geworden. Früher blieb man mit den Gästen nach der Show noch drei Stunden sitzen und trank ziemlich viel. Heute wird nach einer Stunde auf die Uhr geschaut: „Du, ich habe morgen viele Termine.“ Oder: „Meine Frau wartet.“ Man merkt, dass das Leistungsprinzip all derer, die auftauchen, stärker in den Vordergrund gerückt ist: Tourneepläne, Lesereisen - alles ist enger gestrickt. Dazu ist die Medienkompetenz viel höher als früher. Jeder weiß, wie Verkaufen funktioniert. Die Welt ist vernunftgesteuerter.

nordbuzz: Und alle haben weniger Spaß?

Meyer-Burckhardt: Nicht unbedingt. Es ist auch eine Frage der Zuschreibung. Heute tanzt keiner mehr auf dem Tisch mit der Rotweinflasche in der Hand. Früher war das einfach auch mal das Leben. Heute würde man sagen: „Oh, der will sich aber profilieren. Oder er hat ein Alkoholproblem.“ Denken Sie an Typen wie Franz Josef Strauß - dick - oder Herbert Wehner, der Kette rauchte. Solche Leute würde heute keiner mehr akzeptieren. Da würde man besorgt bis angeekelt sagen: Machen die keinen Sport?

nordbuzz: Warum ist die Welt so vernunftgesteuert geworden?

Meyer-Burckhardt: Ich glaube, dass das mit der wirtschaftlichen Entwicklung zu tun hat. Für jemand, der wie ich 1956 geboren ist, ging es eigentlich immer nur bergauf. Man nahm Wachstum als Normalzustand hin. Erst gab's das Wirtschaftswunder, später den Mauerfall, irgendwann die digitale Revolution. Alles sorgte für neue Märkte. Irgendwann wurden sie enger, die Kuchenstücke kleiner. Etwa ab dem Jahr 2000 herrschte nicht mehr diese heitere Grundstimmung. Seitdem setzte sich immer mehr das Bewusstsein durch, dass Erfolg kein Selbstläufer ist.

nordbuzz: Man kann also sagen, dass das Leben früher unbeschwerter war? Oder gar reicher?

Meyer-Burckhardt: Ich finde es problematisch, als älterer Typ objektiv von früher zu reden. Da ist das Verklären doch schon in System mit eingepreist. Andererseits sagt mir mein Sohn, der in England ein stark verschultes Studium absolviert, er hätte gerne in meiner Generation gelebt. Während er die ganze Zeit am Lernen wäre, sagt er, hätte ich im Englischen Garten gelegen und den Mädchen am Ohrläppchen geknabbert. Das habe ich sicher nicht nur, aber auch getan.

nordbuzz: Sind Talkshows durch die Vernunft der Menschen langweiliger geworden?

Meyer-Burckhardt: Ich hoffe nicht! Wir kitzeln unsere Gäste heute aber auch ein bisschen mehr. Das grundsätzliche Konzept der NDR-Talkshow ist allerdings gleich geblieben. Barbara Schöneberger und ich versuchen, unsere Gäste ernst, aber uns nicht wichtig zu nehmen. Wir sehen uns als Gastgeber, die sich Leute nach Hause eingeladen haben. Auch wenn wir privat kein Paar sind, wollen wir eine Atmosphäre schaffen, in der andere gerne reden.

nordbuzz: Es ist also enorm bedeutsam, dass Barbara Schöneberger und Sie sich gut verstehen.

Meyer-Burckhardt: Ja, klar. Das tun wir auch. Das Arbeiten mit Barbara war ein wichtiger Grund dafür, dass ich 2008 zur NDR Talkshow zurückgekommen bin. Wir hängen nicht zusammen ab, wie mein Sohn sagen würde, aber wir verstehen uns sehr gut. Und machen schon auch mal was privat zusammen.

nordbuzz: Gibt es zu viele Talkshows im Fernsehen?

Meyer-Burckhardt: Eigentlich gibt es bei uns von allem zu viel. Trotzdem frage ich mich, warum die Frage immer nur bei Talkshows gestellt wird. Im Print-Bereich wird es als Opulenz empfunden, wenn Dutzende Zeitschriften, die alle zum gleichen Thema schreiben, in einem Bahnhofskiosk nebeneinander stehen. Ich vertrete die gleiche Meinung in Sachen Talk-Shows. Gerade in politisch unruhigen Zeiten finde ich es klasse, dass es die Möglichkeit gibt, Themen immer wieder von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Viele Kritiker vergessen: Es gibt einen Aus-Knopf. Es ist ja nicht so, dass der Fernseher immer laufen müsste. Wenn die Sehnsucht nach Qualität im TV so groß wäre, würde die addierte Quote von Sendern wie 3sat , ARTE, Bayern Alpha und Phoenix nicht bei unter vier Prozent liegen.

nordbuzz: Sie werden nun 60 Jahre alt. Mit welchen Gefühlen?

Meyer-Burckhardt: Hmm (lacht). Die meisten Menschen glauben ja, sie hätten mit dem lieben Gott einen bilateralen Deal. Nach dem Motto: Ich weiß, Sterblichkeit kommt vor, aber wir hatten vereinbart, dass ich davon nicht betroffen bin. Peter Ustinov sagte einmal: Ab einem bestimmten Moment merkst du, dass das, was du für die Generalprobe hieltest, schon die Vorstellung war. Meine Mutter drückte es vor etwa 30 Jahren so aus: Eines Tages entscheiden andere, ob du alt bist.

nordbuzz: Das sind kluge Gedanken. Trotzdem: Welches Gefühl kommt in Ihnen selbst hoch?

Meyer-Burckhardt: Ich komme mir extrem jung vor. Ich gehe mit meiner Frau, die so alt ist wie ich, zu Rockkonzerten. Und zwar nicht nur zu denen mit alten Bands, sondern wir schauen uns oft neue Sachen an. In Hamburger Clubs wie dem Übel & Gefährlich beispielsweise. Ich empfinde mein Leben als wunderbar. Im kommenden Jahr mache ich vier Filme. Mein letzter Roman kam gut an. Ich hatte gerade eine Lesung in der Sendung von Elke Heidenreich, die mich sehr gelobt hat. Nach diesem Interview führe ich selbst eines für meine biografische Radiosendung mit der Europa-Hörspiele-Ikone Heikedine Körting. Danach gehe ich zu Pilates. Das Leben ist schön.

nordbuzz: Schätzt man das Leben immer mehr, wenn man sich dessen Endlichkeit bewusst wird?

Meyer-Burckhardt: Natürlich hat es auch damit zu tun. Eigentlich hasse ich diesen Spruch von den Einschlägen, die näherkommen. Leider stimmt er jedoch. Ich hatte gerade 40-jährige Abiturfeier in Kassel. Da war ich jetzt zehn Jahre nicht. Damals, vor zehn Jahren, waren viele Klassenkameraden noch anders. Die redeten davon, was sie jetzt sind oder Neues machen. Da war schon noch viel Angeberei, Fassade und Stolz mit im Spiel. Mittlerweile haben viele etwas vom Leben in die Fresse bekommen. Und siehe da: Auf einmal ist die Toleranz ganz groß geworden. Man merkt, dass das Leben fragil ist und freut sich auf Leute, von denen man vor 20 Jahren nicht gedacht hätte, dass man sich auf sie freuen würde (lacht).

nordbuzz: Gibt es noch Ziele im Leben?

Meyer-Burckhardt: Ich verbiete mir und meiner Frau das Wort „noch“. Ich sage nicht: Ich möchte noch nach Alaska. Ich sage: Ich möchte nach Alaska. Vielleicht will ich ja zweimal dahin. Nicht nur das Denken formt die Worte, es gibt auch eine Rückkopplung. Ja, ich habe Ziele. Zum Beispiel Reiseziele: tatsächlich Alaska, daneben Südkorea, Taiwan, das ländliche Japan - nicht unbedingt Tokio. Ich will weiter gute Filme machen, ab und zu auf einem Panel sitzen und mich dort wie beim Kindergeburtstag fühlen. Ich mache gerne Shows und beschäftige mich damit, wie Shows funktionieren. Ich freue mich darauf, Bücher zu schreiben. Wenn mein Leben so weiter ginge, wäre es schön. Ich habe nicht das Bedürfnis, etwas ganz anderes zu machen. In Mittelitalien kaltes Olivenöl zu pressen oder so. Es gibt aber den Traum, häufig mal in Italien zu sein. Einen Aussteiger-Traum habe ich nicht.

nordbuzz: Gibt es ein Glücksrezept?

Meyer-Burckhardt: Da muss ich noch mal meine Mutter zitieren: Glücklich sein, ist eine Entscheidung, sagte sie. Natürlich gibt es Ereignisse im Leben, die das Pendel in die ein oder andere Richtung ausschlagen lassen. Andererseits gibt es ebenso viele unglückliche Menschen, die objektiv betrachtet ein schönes Leben haben wie Leute, denen es dreckig geht und die trotzdem glücklich sind. Ich kannte mal einen Spanier, der hat sein Leben lang im Schwäbischen bei Daimler als KFZ-Mechaniker gearbeitet. Als er in Rente ging, ist er sofort nach Spanien zurückgegangen. Er sagte, der Unterschied wäre, dass in Spanien alles, was nicht Tragödie ist, Komödie wäre. Dieser Umstand würde den Alltag sehr viel angenehmer machen. In Deutschland nähme man hingegen alles sehr ernst. Deshalb, so sagte er, sind eure Autos die besseren, unser Leben aber glücklicher.

tsch

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