Interview mit Narcos-Darsteller 

Wagner Moura: „Böse Menschen sind manchmal auch cool“

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Mit Pablo Escobar und dessen Schandtaten hat Wagner Moura eigentlich wenig am Hut. Trotzdem ist er die optimale Besetzung für den Drogenbaron in „Narcos“. Die zweite Staffel startet am 2. September exklusiv bei Netflix.

Lediglich elf Monate lebte Pablo Escobar noch nach den Ereignissen, die die erste Staffel von „Narcos“ beschlossen. In der zweiten Staffel kehrt er zurück. Darsteller Wagner Moura über eine der aufregendsten Serienfiguren aller Zeiten.

Nein, das ist ganz offensichtlich nicht Pablo Escobar, der da den Raum betritt. Wagner Moura hat äußerlich wenig mit dem kolumbianischen Drogenboss gemein - dem meistgesuchten Mann der USA in den 80-ern und frühen 90-ern. Einem Mann, der von Massen geliebt und noch mehr gefürchtet wurde. Die dunkle Aura, die man sich bei Escobar zumindest einredet, ist bei Moura ganz und gar nicht auszumachen. Und zudem ist der Schauspieler um Weiten schlanker, als der beleibte Schnauzbartträger es zu Lebzeiten war. Moura, ein 40-jähriger Brasilianer, der in seiner Heimat als junger ambitionierter Schönling in einer Seifenoper bekannt wurde, hatte abermals gehörig an sich zu arbeiten, um für die zweite Staffel der hochgelobten Mob-Serie „Narcos“ (ab 2. September bei Netflix) erneut eine komplette Typänderung zu vollziehen. Im Interview in einem Londoner Hotel spricht er über diese Herausforderung, böse Menschen und den Krieg gegen die Drogen.

nordbuzz: Man kann es sich ja schon denken, wie die zweite Staffel ausgehen wird - Pablo Escobar starb schließlich im Dezember 1993.

Wagner Moura: In den ersten zehn Folgen decken wir 15 Jahre seines Lebens ab - vom Augenblick, als er Kokain das erste Mal zu Gesicht bekommt, bis zum Tag, als er aus dem Gefängnis ausbricht. Bis zu seinem Tod sind es nur noch elf Monate. Also ja, wir konnten gar nicht mehr als eine weitere Staffel mit seiner Beteiligung drehen.

nordbuzz: Wie war es für Sie, Pablos Ermordung zu spielen?

Moura: Sehr emotional. Vor allem weil wir sie tatsächlich dort drehten, wo er ermordet wurde. Für die ganze Crew war klar, dass wir beim Ende dieser Figur angekommen sind.

nordbuzz: War es leicht, sich wieder in Pablo Escobar einzufinden?

Moura: Ich musste mich vor allem auf andere Emotionen einstellen: Pablo ist nicht mehr dieser immer starke Mann. Es geht bergab, er ist auf der Flucht und versucht, seine Familie zusammenzuhalten. Als er aus dem Gefängnis ausbricht, denkt er noch, er könne wieder mit der Regierung verhandeln. Doch die pfeifen drauf und sagen: „Wir wollen dich tot.“ Es war also interessant zu sehen, dass sogar einer wie Pablo Escobar zerbrechen kann.

nordbuzz: Wie finden Sie es, dass der Zuschauer in „Narcos“ irgendwie auch zu Escobar hält?

Moura: Böse Menschen sind manchmal auch cool. Schreiben Sie das bitte nicht (lacht). Lassen Sie mich es so erklären: Jeder ist ein Mensch. Ob man es glauben mag oder nicht: Osama bin Laden war auch ein Mensch. Und ich wette, viele Leute fanden ihn interessant, amüsant, cool, sexy. Pablo gab vielen armen Leuten Häuser. Ich kann diesen Menschen nicht verübeln, wenn sie glauben, dass er gut war. Sie wissen, wie groß die sozialen Unterschiede in Südamerika sind. Regierungen scheren sich für gewöhnlich wenig um die Armen. Niemand schaut sich deren Lebensumstände an. Pablo Escobar schon. Und er war auch ein guter Vater, ein guter Freund für viele. Aber natürlich war er letztlich ein „Bad Motherfucker“.

„Narcos war ein bedeutender Teil meines Lebens“

nordbuzz: Escobar war ein Familienmensch, sie behaupten dies von sich auch. War die Serienfamilie so etwas wie ein Ersatz, als sich ihre noch in Brasilien befand?

Moura: Schon ein wenig. Ich freute mich immer auf die Szenen mit Pablo und seiner Familie. Denn da steckt viel von mir selbst drin. Ich vermisste meine Lieben. Dahinter verbergen sich sicherlich auch echte Emotionen.

nordbuzz: Für Sie wird es keine weitere „Narcos“-Staffel geben. Macht Sie das traurig?

Moura: Schon etwas. Das war ein sehr bedeutender Teil meines Lebens, ich habe viel in die Serie hineingesteckt. Und sie gab mir auch so viel zurück - nicht nur karrieremäßig, vielmehr fürs Leben. Ich habe eine neue Sprache gelernt, zwei Jahre in einem anderen Land verbracht. Meine Kinder sind dort, also in Kolumbien, zeitweise zur Schule gegangen. Das war alles sehr einschneidend für mich. Wir Brasilianer sind sehr isoliert in Südamerika, da wir die Einzigen sind, die Portugiesisch sprechen. Bei der Arbeit in Kolumbien mit Schauspielern aus Chile, Argentinien, Mexiko und eben Kolumbien fühlte ich das erste Mal, dass ich Teil von etwas Größerem bin, als nur Brasilianer zu sein.

nordbuzz: Sie lebten schon vor Drehstart in Medellín, ohne die Einheimischen in Kenntnis zu setzen, warum. Erfuhren Sie so mehr über Pablo Escobar?

Moura: Ich war kaum vorbereitet, viel zu dünn und konnte kein Spanisch. Die hätten mir niemals abgenommen, dass ich Pablo spielen werde. Es war eine sehr tiefgehende Erfahrung. Ich lernte viel über das Drogengeschäft, was mich als Lateinamerikaner natürlich schon immer berührte, da dies einen so großen Stellenwert bei uns hat.

nordbuzz: Doch gerade Kolumbien hat sich gewandelt in den letzten Jahren ...

Moura: Und wie! Vor 25 Jahren war es wohl noch der gefährlichste Fleck der Erde. Wenn nun jemand Kolumbien nur mit Kokain in Verbindung bringt, werden die Einwohner sogar richtig stinkig. Wir hatten immer vor, so respektvoll wie möglich mit der kolumbianischen Vergangenheit und Gegenwart umzugehen. Es sollte sich dabei keinesfalls nur um eine amerikanische Cop-Show handeln, in der die US-Bürger in Südamerika vor einem bösen Mann bewahrt werden.

„Wir sind alle Menschen. Wir sind zu allem fähig“

nordbuzz: Waren Sie über irgendetwas aus Pablos Leben überrascht?

Moura: Mich überraschte alles. Ich wusste nicht viel zuvor, obwohl ich in Südamerika aufgewachsen bin. Ich erinnere mich an den dicken Typen, der tot auf dem Dach liegt. Oder an die Bombenanschläge in Bogotá. Aber Persönliches zu ihm? Nein. Ich habe mir erst alles draufschaffen müssen. Die Ereignisse sind noch nicht lange her. Jeder in Kolumbien, der mindestens so alt ist wie ich, lebte in diesem Krieg. Und die berichten nicht nur Sachen, die sie lediglich gehört haben. Auch Leute am Set, sogar vereinzelt Darsteller, steckten da mittendrin. Also lernte ich ununterbrochen etwas über diesen Menschen.

nordbuzz: Sie sagten einst, dass sie sich durch Pablo Escobar auch selbst auf die Probe stellen mussten, um zu sehen, ob sie nicht auch ein schlechter Mensch sind. Wie meinten Sie das?

Moura: Ich fand es schon immer verwirrend, wenn ein Schauspieler von sich behauptete, dass seine Figur mit ihm selbst gar nichts gemein hat. Ich finde, dass man nicht alles vollkommen spielen kann. Jeder von uns hat viel Verborgenes in sich. Klar, niemand von uns würde einfach so einen Mord begehen. Aber wenn man in eine bestimmte Situation gedrängt wird, findet jeder in sich etwas wieder, das er vorher nicht für möglich gehalten hätte. Natürlich nicht nur, wenn es um Mord geht. Als Schauspieler versuche ich, das aus mir herauszuholen. Wir sind alle Menschen. Wir sind zu allem fähig.

nordbuzz: Sie befanden sich also in einem fremden Land und beschäftigten sich mit den menschlichen Abgründen. Hört sich sehr belastend an.

Moura: Ich bin der festen Überzeugung, dass unsere Kunst, alles was wir machen, auch innerhalb unseres Körpers stattfindet. Auch wenn ich als Pablo fett war und das eigentlich nicht mein Körper ist. Aber all dieses Fluchen, Schießen, Töten - unsere Körper haben ein Gedächtnis. Es ist nicht so, dass man eine Figur spielt und diese dann einfach ablegt. Das ist Blödsinn. Man muss sich dessen bewusst sein. Jetzt, wo ich wieder abnehmen darf, verliere ich nicht nur Kilos, ich löse mich von weit mehr.

nordbuzz: Pablo Escobars Bruder beschwerte sich über „Narcos“, vor allem auch darüber, wie er in der Serie dargestellt ist.

Moura: Das ist eine Business-Geschichte und belangt uns Darsteller nur wenig. Mir ist es also ziemlich egal, was er dazu sagt. Aber komisch ist es schon. Denn es gibt gar keine Figur in „Narcos“, die als Pablos Bruder vorgestellt wird. Und zweitens behauptet er, er habe das Recht, sich zu beschweren, da er der einzige Escobar sei, der noch lebe. Doch Pablos Sohn und Tochter leben noch. Auch seine Frau.

„Jeder weiß, dass der Polizist das Bestechungsgeld annimmt“

nordbuzz: Hatten Sie Kontakt zu jemandem aus Pablos Familie?

Moura: Nein. Ich weiß nur, dass die Kinder in Buenos Aires wohnen. Ich habe mich vor allem darauf konzentriert, Spanisch zu lernen. Und natürlich habe ich alles gelesen, was es auf Englisch und Spanisch über Pablo Escobar zu lesen gab. Spätestens in Medellín ließ ich alles auf mich einprasseln, um dann zu versuchen, es wieder zu vergessen, um meine eigene Version von Pablo erschaffen zu können. Ich versuchte nie, ihn zu imitieren, ihn nachzumachen oder mir seine Eigenheiten anzugewöhnen. Und ich wollte auch niemanden am Set haben, der mich verbessert und sagt: „Nein, mein Vater war ganz anders, bewegte sich anders.“ Bei allen Figuren, die ein Schauspieler einnimmt, schwingt etwas Eigenes mit. Man nehme Benicio del Toro als Pablo Escobar in „Paradise Lost“. Als ich ihn sah, erkannte ich Escobar wieder, wie ich ihn mir vorstellte. Aber ich spielte ihn dann trotzdem komplett anders.

nordbuzz: Anfangs hieß es, von Staffel zu Staffel werden die einzelnen Kartelle beleuchtet. Geht es nun also auch ohne Pablo Escobar weiter?

Moura: Es ging vor allem darum, die Anfänge des Drogenhandels nachvollziehen zu können und dass weiter darüber geredet wird. Ob es nun eine dritte und vierte Staffel gibt? Es dürfte auf jeden Fall kein Problem sein, die Ereignisse in Kolumbien weiterzuerzählen. Gerade das Cali-Kartell und die Geschichte, wie dieses sogar einen Präsidenten ins Amt hob, sind beeindruckend. Oder wie sich alles nach Mexiko ausbreitete. Dort hat man auch heute noch Zustände wie damals in Kolumbien.

nordbuzz: Warum ist Korruption in Lateinamerika so lange schon an der Tagesordnung?

Moura: Es liegt bestimmt nicht in den Genen. Aber schwer zu sagen. Die Korruption lässt uns nicht los. Irgendwie gehört es wohl schon zur Kultur. Nicht nur in der Politik, auch im Alltag. Wir - ich sage jetzt „wir“, aber ich mache so etwas nicht (lacht) - parken unsere Autos im Parkverbot und schmieren den Polizisten. Das ist leichter, als einen richtigen Parkplatz zu finden. Und jeder weiß, dass der Polizist das Bestechungsgeld annimmt. All so etwas steckt schon tief in uns drin.

nordbuzz: Sie sagten mal, Drogen sollten legalisiert werden, weil dies viele Probleme in Lateinamerika beheben würde. Hat sich mit „Narcos“ ihre Sicht darauf geändert?

Moura: Nein, ganz und gar nicht. Die Serie verstärkt sogar meine Meinung. Der Krieg gegen die Drogen ist ein totaler Flop. Es ist ein Krieg, der von den USA geführt wird, aber nicht dort, sondern in den Ländern, in denen Drogen produziert und exportiert werden. Doch: Die Nachfrage kommt vor allem aus den USA. Trotzdem werden teils verarmte Menschen in Mexiko, Brasilien und Kolumbien getötet. Viel mehr Menschen sterben in diesem Krieg als an einer Überdosis. Drogenmissbrauch und -sucht sind ohne Frage keine Kinkerlitzchen, sollten aber als ein gesundheitliches Problem angegangen werden und nicht als eines, das die Polizei etwas angeht. Das Geld, das wir in diese Auseinandersetzung stecken, sollte eingesetzt werden, um Menschen zu helfen. Durch „Narcos“ habe ich viel über die Hintergründe gelernt. Doch man muss nur tagtäglich die Zeitung aufschlagen, um zu sehen, dass da etwas schiefläuft.

tsch

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