Dinosaur Jr.

„Älterwerden ist besser als jung sein“

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Lou Barlow (links), J Mascis (Mitte) und Murph experimentieren nicht groß herum: „Bands passen sich immer auch dem Wandel der Zeiten an. Ich finde es gut, dass Dinosaur Jr. genau das nicht tun.“

Lou Barlow, Bassist der Indie-Legenden Dinosaur Jr., über seinen Rockmusik-Optimismus, das Altern und den Dauerzwist mit Mastermind J Mascis.

Ruft man bei der Indie-Rock-Ikone zu Hause an, erklingt im Hintergrund Kindergeschrei. Lou Barlow, Bassist der US-Legenden Dinosaur Jr., lebt frisch verheiratet im beschaulichen Massachusetts, feierte vor Kurzem seinen 50. Geburtstag und wurde im April abermals stolzer Vater. Ein Lebensstil, weit entfernt vom lässigen Slackertum, mit dem sich Barlow, Frontmann J Mascis und Drummer Murph Ende der 80-er zu Pionieren des Grunge und Noise aufschwangen. Und doch klingt das Trio auf der neuen Platte „Give A Glimpse Of What Yer Not“ jugendlicher denn je. Die ewigen Differenzen, die 1988 zu Barlows Ausstieg führten, nimmt der bärtige Lockenkopf seit der Neugründung 2005 entspannter: „Sie können mich nicht erneut aus der Band werfen - sie haben mein Baby berührt!“, schreibt Barlow unter einem Instagram-Bild, auf dem Mascis sein Neugeborenes hält. Dass man sich an die Reibungen inzwischen gewöhnt habe, gibt der Bassist im Interview ebenso preis wie seine Leidenschaft für Dance-Musik, seine Altersentspanntheit und den Optimismus in Sachen Rockmusik.

nordbuzz: Auf den Albumtitel schielend: Können Sie uns eine Ahnung davon vermitteln, was Dinosaur Jr. eigentlich nicht sind?

Lou Barlow: Wir sind keine sexy Band (lacht). Wir sind keine Dance-Band. Obwohl man zu allem tanzen kann und Murph ein toller Drummer ist.

nordbuzz: Wie wäre es denn, wenn sich Dinosaur Jr. als sexy Dance-Band etabliert hätten?

Barlow: Nun ja, ich weiß ein wenig, wie es ist, ich hatte schließlich meine eigene sexy Dance-Band: The Folk Implosion. Wir hatten 1995 mit „Natural One“ unseren Hit, das war ein Tanz-Stück und überaus aufregend.

nordbuzz: Sind Sie denn tanzbegeistert?

Barlow: Als Kind liebte ich Disco, und ich liebe Disco auch heute. Ebenso wie das Tanzen. Und ich hoffe, eines Tages wieder die Gelegenheit zu bekommen, Dance-Music zu machen (lacht).

nordbuzz: Das Bild der strikt gitarrenaffinen Indie-Rocker ist also nicht ganz richtig?

Barlow: Es ist ziemlich falsch. J, Murph und ich haben natürlich sehr verschiedene Geschmäcker. Aber ich meine: Wir benutzen Synthesizer! (lacht) Dennoch sehen wir uns natürlich als Rockband.

nordbuzz: Eine, die ihren Stil seit 30 Jahren konsequent beibehält ...

Barlow: Schaut man sich die älteren Rockbands an, die in den 60-ern anfingen, kann man beobachten, dass die alle im Zuge der 70-er plötzlich Disco-Musik machten. Bands passen sich immer auch dem Wandel der Zeiten an. Ich finde es gut, dass Dinosaur Jr. genau das nicht tun. Dabei fällt mir gerade ein, was wir ebenfalls nicht sind: eine trendy Band!

nordbuzz: Waren Dinosaur Jr. überhaupt je wirklich angesagt?

Barlow: Ich kann nicht sagen, ob wir das jemals waren. Klar: Es gab eine Zeit, da wirkten wir sehr frisch auf die Leute und repräsentierten etwas völlig Neues. Aber der Sound, den wir damals spielten, ist unserem heutigen überaus ähnlich. Diese Beständigkeit, die definitiv von J in die Band gebracht wird, weiß ich sehr zu schätzen.

nordbuzz: Beobachten Sie so eine Kontinuität auch im Publikum - im Vergleich zu den späten 80-ern?

Barlow: Damals spielten wir vor Teenagern und Leuten in ihren Zwanzigern. Heute spielen wir vor ein paar alten Typen wie uns - aber zusätzlich immer noch vor Teens und Twens. Wir haben großes Glück, dass uns die Kids auch heute noch mögen.

nordbuzz: Was meinen Sie, woran das liegt?

Barlow: Manchmal vergleiche ich uns etwas selbstbeweihräuchernd mit den Ramones: Wir haben einen Sound, der sich von Platte zu Platte ähnelt. Und wir sprechen kontinuierlich ein junges, neues Publikum an, das sich für unsere Musik interessiert. Weil der Sound der Band einzigartig und zeitlos genug ist, dass die jüngeren Generationen es verstehen.

nordbuzz: Vielleicht springen die Indie-affinen Kids deswegen an, weil Dinosaur Jr. auch heute noch wesentlich cooler rüberkommen als die meisten jungen Bands. Gute alternative Musik ist rar ...

Barlow: Ich bin nicht sicher, ob das stimmt. Auf mich macht es eher den Eindruck, dass man auch heute nicht lang suchen muss, um etwa auf eine sehr vitale, aufregende Garage-Rock-Szene zu stoßen. Da gibt es diese Australier, King Gizzard & The Lizard Wizard, die sind wahnsinnig gut. Oder auch die Bands im Umkreis von Ty Segall. Ich denke, irgendwo existiert immer eine lebendige, große Underground-Szene. Und es sind immer die Kids in ihren frühen Zwanzigern, die dabei lernen, sich abzuschießen, sich zu betrinken, auf Konzerten zu feiern und die erste Liebe zu erleben. Aufregende Leben beinhalten immer Musik, und das wird immer so sein.

nordbuzz: Sie sind dahingehend also Optimist?

Barlow: Klar. Oft streite ich mich aber auch mit Leuten in meinem Alter, die sagen: „Nichts ist mehr so gut wie früher! Ich höre lieber die Kinks als irgendetwas Neues!“ Dann sage ich: „Okay, ich höre am liebsten die Kinks und die neuen Sachen. Die Kids machen gutes Zeug.“ Da heißt es dann: „Das ist nicht dasselbe wie damals!“ (lacht). Und ich denke: Falsch, denn heute Abend findet ein unglaubliches Konzert mit fünf grandiosen Bands statt - und 150 Kids werden am Ende durchnässt und vollgeschwitzt rauskommen, ihre Augen glänzen, und sie hatten die beste Nacht ihres Lebens. Das passiert tatsächlich - und zwar nicht nur bei DJs. Rockmusik hat überlebt.

nordbuzz: Woher kommt diese Attitüde, alle neuen Entwicklungen schlechtzureden?

Barlow: Ich weiß es nicht, wahrscheinlich ist es Charaktersache. Wenn ich so zurückblicke auf die Zeit, die von vielen als die coolste Zeit angesehen wird - also etwa als Dinosaur Jr. und Sonic Youth 1987 zusammen Konzerte spielten -, dann bin ich nicht sicher, ob „Spaß“ es korrekt umschreibt. Es gab eine Menge Spannungen, viel Wut.

nordbuzz: Können Sie das ausführen?

Barlow: Sonic Youth waren beispielsweise sehr kantig, ja, sie waren auf der Bühne nicht einmal unbedingt sehr selbstsicher. Wir spielten damals mit den frühen White Zombie, mit Pussy Galore, den Screaming Trees und den Flaming Lips. Und wir alle waren im Grunde ausgebrannte, junge Kids in Vans. Da gab es viele Leute, mit denen wir nicht glücklich waren, führten oft verkorkste, bittere Beziehungen zu früheren Freunden. Da gerieten die Shows zu einer Art Exorzismus.

nordbuzz: Damals war also nicht alles so großartig, wie es manchmal verklärt wird?

Barlow: Diese Zeit würde ich nicht romantisieren. Wo ich heute bin, fühlt sich besser an, ich kann Dinge viel mehr genießen. Wenn ich auf die Bühne springe, kann den Moment des Musikspielens besser von meinem Leben trennen. Außerdem bin ich weniger nervös.

nordbuzz: Sie mögen das Alter?

Barlow: Ich finde es gut, älter zu werden. Klar, das Altern meines Körpers besorgt mich ein wenig. Aber ansonsten: Älterwerden ist so viel besser, als jung zu sein. Natürlich gibt es magische Momente, wenn man jung ist. Aber es ist nicht vergleichbar damit, im Alter die Zusammenhänge von Dingen zu begreifen. Zu entspannen und zu genießen, was um einen herum geschieht, anstatt sich damit schwer zu tun, alles zu verstehen.

nordbuzz: Die junge, wilde Zeit war nicht intensiver?

Barlow: Ich glaube nicht daran, dass die besten Zeiten schon vorbei sind. Das dachte ich schon als junger Typ: „Nein, das sind sie noch nicht. Meine besten Zeiten liegen in der Zukunft.“ Musik erlebe ich noch immer als die kathartische Erlösung, die sie früher war. Sogar noch intensiver - weil meine Reunion mit Dinosaur Jr. schließlich so sehr unwahrscheinlich war.

nordbuzz: Hätten Sie je gedacht, nach der Wiedervereinigung 2005 so lang zusammen durchzuhalten - inzwischen länger als in den 80-ern?

Barlow: Keinesfalls! Ich dachte, es wäre etwas Einmaliges. Vor allem hätte ich nicht erwartet, das J tatsächlich weitermachen will. Es fällt mir immer noch sehr schwer, ihn als Person zu verstehen, zu lesen. Ich habe keine Ahnung, was ihn an jedem beliebigen Zeitpunkt umtreibt und beschäftigt.

nordbuzz: Inwiefern?

Barlow: Nach keiner der fertiggestellten Platten sagte er: „Das war fantastisch! Wir sind großartig!“ (lacht). Innerhalb der Band gratulieren wir uns wirklich sehr wenig selbst. Immerhin: Murph und ich sagen uns oft, dass das gute Arbeit war. Um die Stimmung positiv zu halten. Von außen wird Dinosaur Jr. ja regelmäßig gefeiert, auf all den Jubiläumsshows etwa. Aber zwischen uns geschieht das eher auf nüchterne Weise.

nordbuzz: Es scheint zu reichen, um die Band zusammenzuhalten ...

Barlow: Ja, das ist vor allem Murphs Verdienst. Er ist der Klebstoff, hält alles zusammen. Er spricht mit uns beiden anderen sehr locker. J und mir fällt es dagegen oft schwer, miteinander zu sprechen.

nordbuzz: Also hat sich im Vergleich zu früher auch dahingehend nicht viel geändert?

Barlow: Es wird definitiv besser im Laufe der Jahre. Aber es ist eben, wie es ist. Das bedeutet nicht, dass ich J nicht mögen würde. Er ist überaus witzig, und ich genieße es sehr, mit ihm in einer Band zu spielen. Ich mag seine Freunde und seine Familie. Und dennoch gibt es gewisse Umgangsarten, die zwischen uns einfach nicht stattfinden. Die Leute sehen uns noch immer gemeinsam und denken: „What?!“

nordbuzz: Wie schlägt sich das im Touralltag nieder?

Barlow: Neulich waren wir zum Beispiel in Belgien unterwegs und gingen zum Frühstücksbüffet. J saß mit seiner Familie da, und ich holte mir Essen. Da kam ein Typ auf mich zu und fragte: „Hey Lou, wie geht's J heute?“ Ich antwortete: „Ich hab keine Ahnung, hab ihn nicht gefragt.“ Darauf sagte er entsetzt: „Weil ihr nicht miteinander redet?!“ Da wurde ich echt wütend: „Hör auf damit! Bring mich deswegen nicht in Verlegenheit! Ich kann ihn fragen, wie es ihm geht! So schlimm ist es nicht“ (lacht).

nordbuzz: Immerhin fällt es den Leuten auf ...

Barlow: Es ist eine ungewöhnliche Beziehung. In der Realität gibt es aber viele dieser Art - besonders zwischen Menschen, die lange miteinander gearbeitet haben, oder zwischen Geschwistern.

nordbuzz: Stört es Sie, dass die Beziehung zwischen Ihnen beiden immer im Kontext der Band thematisiert wird?

Barlow: Nun ja, es war ja vor allem mein Fehler. Als ich nicht mehr in der Band war, verbrachte ich viel Zeit damit, schlimme Dinge über J zu verbreiten. Damals war ich brutal ehrlich. Da richtete ich viel Schaden an. Wenn Leute darüber reden, kann ich nicht verärgert reagieren - sondern muss dafür die Verantwortung übernehmen. Außer jemand sagt es mir genau ins Gesicht, während J dabei ist. Bitte tut das nicht, das macht mich sehr sauer!

tsch

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