Holger Stanislawski

„Den Adrenalin-Kick hast du nicht am Käsestand“

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Er war Spieler, Manager und Trainer in der Fußball-Bundesliga. 2011 stieg er unerwartet aus und übernahm einen Supermarkt. Während der Europameisterschaft 2016 erklärt der 46-jährige Individualist nun Fußball beim ZDF.

Als Spieler war er ein Kämpfer, der alle mitriss. Die Trainerausbildung schloss „Stani“ als Jahrgangsbester ab. Zwischendurch probte der ehemalige Fußball-Junkie allerdings den Komplettausstieg aus seinem Metier. Bei der Euro 2016 will er nun versuchen, die Feinheiten des Fußballs für die breite Masse verständlich zu machen.

Eigentlich war der ehemalige Bundesliga-Spieler, Manager und Trainer schon aus dem Fußballgeschäft ausgestiegen. Seit 2012 leitet Holger Stanislawski Hamburgs größten Supermarkt: Frischfleisch statt Fußballstiefel, Kassenschlange statt Klassenerhalt - das ist nun das Metier des ehemaligen Kultspielers und Kapitäns des FC St. Pauli. Seit gut einem Jahr arbeitet der jahrgangsbeste Trainer-Absolvent der Kölner Sporthochschule 2009 jedoch auch als Fußballexperte für die „ZDF-Sportreportage“ am Sonntag. Bei der Fußball-EM in Frankreich (10. Juni bis 10. Juli) wird der 46-Jährige als Experte für Taktik- und Spielanalysen mit an Bord sein. Ein Gespräch über Fußball als Suchtmittel sowie Aussteiger, Lebenskünstler und Verlierer in einem gnadenlos fordernden Geschäft.

nordbuzz: Sie sind der neue ZDF-Mann für Taktikwand und Spielanalysen. Dabei waren Sie ein paar Jahre ganz raus aus dem Fußballgeschäft ...

Holger Stanislawski: Stimmt, ich habe 2013 freiwillig als Trainer des 1. FC Köln aufgehört. Wir sind damals nur Fünfter in der 2. Liga geworden, der Aufstieg wurde verpasst. Ich hatte das Gefühl, dass einer dafür die Verantwortung übernehmen muss - und habe das getan.

nordbuzz: Aber planten Sie damals schon, dass es das jetzt mit dem Fußball gewesen sein soll? Immerhin waren Sie ein junger, kurz davor noch hoch gehandelter Bundesligatrainer.

Stanislawski: Ich bin ein umtriebiger Typ und schaue immer, was es sonst noch so im Leben gibt. 2014 übernahm ich mit zwei Partnern einen Supermarkt, den größten in Hamburg. Zuerst stand die Idee im Vordergrund, mir noch ein anderes Standbein aufzubauen. Mittlerweile muss ich sagen: Die Arbeit macht unheimlich Spaß. Kann schon sein, dass ich noch mal in den Trainerberuf zurückkehre - aber sicher ist das nicht. Es gibt immer wieder Anfragen. Aber es müsste alles passen, damit ich es wirklich mache.

nordbuzz: Man sagt, das Fußballgeschäft ist eine Sucht. Ist es tatsächlich so leicht, davon zu lassen?

Stanislawski: Natürlich überlegt man bei jeder Anfrage: Wäre das nicht doch was? Also, der Reiz des Fußballs ist schon noch da. Sonst hätte ich ja nicht vor einem Jahr angefangen, sonntags fürs ZDF den Spieltag zu analysieren - und diese Sonntage in Mainz machen mir unheimlich viel Spaß. Die Gefahr besteht immer, dass man zurückkehrt. Fußball ist eine Sucht, ganz klar. Wenn man ihr nachgibt, ist man ganz schnell wieder drin. Aber - ich habe auch ein Bollwerk dagegen, weil ich für 140 Mitarbeiter als Geschäftsführer Verantwortung trage. Ich finde, Verantwortung für viele Menschen ist ein gutes Mittel gegen Sucht (lacht).

nordbuzz: Das heißt, Sie sind weniger anfällig als Trainerkollegen, die nichts anderes können als auf ein neues Jobangebot zu warten?

Stanislawski: Klar, keiner redet da gern darüber. Aber es gibt unheimlich viele Kollegen, die sitzen zu Hause und warten auf einen Anruf. Da tut es schon gut, wenn man eingebunden ist und zu tun hat. Aber wenn man wie ich 20 Jahre Profifußball lebte, ist man immer gefährdet, wieder diesen Kick spüren zu wollen, den es eben nur im Fußball gibt.

nordbuzz: Was genau am Fußballgeschäft macht eigentlich abhängig?

Stanislawski: Es sind verschiedene Dinge. Wenn man mit den Jungs das Stadion betritt und merkt, wie angespannt und hoffnungsvoll die Fans sind, gibt das einen unheimlichen Adrenalin-Kick. Auch das Arbeiten mit den jungen Leuten, dieses Gemeinschaftsgefühl in der Mannschaft und im Team. Das sind Erfahrungen, die emotional einfach intensiver ablaufen als in vielen „normalen“ Jobs.

nordbuzz: So einen Kick wie auf der Trainerbank können Sie sich im Supermarkt nicht abholen ...

Stanislawski: Nein, den Adrenalin-Kick hast du nicht am Käsestand, wenn du ein bisschen mehr Tilsiter verkauft hast als üblich. Andererseits will ich mit 60 nicht mehr auf einen Anruf warten müssen, dass ich vielleicht doch noch irgendwo kurzfristig gebraucht werde. Oder eben nicht. Ich will dann auch nicht mehr durch die Gegend reisen, sondern mich in meiner Stadt Hamburg wohlfühlen.

nordbuzz: Als Spieler und Trainer galten Sie als extrem emotionaler Typ - als Motivationsmaschine. Wie kann ein so emotionaler Mensch eine derart rationale Entscheidung treffen?

Stanislawski: Klingt erst mal artfremd, das weiß ich. Wer mich aber gut kennt, fand die Entscheidung für den Supermarkt nicht so überraschend. Menschen, die mir nahe stehen, wissen, dass ich eingefahrene Denkmuster und Abläufe nicht mag. Warum sollte nach einer Fußballerkarriere immer nur Trainer, Fußballmanager oder Spielerberater in Frage kommen? Inhaber eines großen Supermarktes ist auch Management auf hohem Niveau. Man ist da keineswegs kleinkariert unterwegs.

nordbuzz: Was vom Fußballgeschäft vermissen Sie am meisten?

Stanislawski: Die typische Spannungskurve einer Arbeitswoche. Am Montag ist noch alles sehr ruhig. Aber mit jedem Tag steigt das emotionale Involviertsein bis zum Anpfiff des nächsten Spiels. In diesen knapp zwei Stunden lässt du dann alles raus, was sich im Laufe einer Woche angesammelt hat. Du arbeitest auf diesen Moment hin. Da wird dann alles verdichtet, gleichzeitig löst sich emotional alles auf. Du gehst durch ein Wechselbad der Gefühle, von total euphorisch bis zu Tode betrübt. Ein großes Fußballspiel in der Coaching Zone am Spielfeldrand zu verfolgen, hat schon eine enorme Kraft. Es ist eine irre Energie, die da in dir tobt.

nordbuzz: Ein Krankheitsbild, das man auch immer öfter im Trainerberuf antrifft, ist Burnout. Für Sie nachvollziehbar?

Stanislawski: Alle Bundesligatrainer, egal ob erste oder zweite Liga, sind nach einer Saison ausgebrannt. Sie sind fertig. Wenn man die am Anfang der Saison sieht: braungebrannt, wohlgenährt, alle lachen - und dann diese Bilder mit jenen derselben Person nach dem letzten Spieltag vergleicht, sieht man schon, dass es in Sachen Druck ein extremer Beruf ist. Ich kenne keinen Trainer, der nach einer Saison nicht mindestens zehn Tage lang sagt: Leckt mich alle mal am Arsch. Der dann überhaupt noch ansprechbar oder sozial vermittelbar ist.

nordbuzz: Würden Sie sagen, dass der Druck im Profifußball eigentlich krank machen muss?

Stanislawski: Er kann krank machen, muss aber nicht. Ich habe das bei meinem Spieler Andreas Biermann mitgemacht, der sich wegen seiner Depressionen für Suizid entschieden hat. Damals habe ich gesehen: Burnout, Depression - das ist etwas ganz anderes, als wenn man einfach eine schwere Zeit hinter sich hat. Den normalen Druck kriegt man raus, wenn man sich einfach mal zwei Wochen nach einer Saison nicht mit Fußball beschäftigt. Das muss man auch, selbst als gesunder Mensch. Bei mir war Burnout aber nie ein Thema. Ich hörte im August 2013 in Köln als Trainer auf und fing zwei Monate später das Projekt mit dem Supermarkt an. Da fühlte ich mich schon wieder gut und voller Tatendrang.

nordbuzz: Was für ein Gefühl ist es, als Trainer entlassen zu werden?

Stanislawski: Klar, der Spruch, dass es zum Job dazugehört, ist eine sachliche Sichtweise, die niemals der eigenen Gefühlswelt entspricht. So abgebrüht ist niemand. Ich denke, auch ein Mourinho ist in seinem Selbstwertgefühl getroffen, wenn man ihm seinen Job wegnimmt, weil man glaubt, ein anderer macht ihn besser. Als Trainer kann man nur versuchen zu lernen, mit dieser Situation umzugehen. Es hilft, wenn man analytisch rangeht. Wenn man versucht, herauszufinden, was man gut gemacht hat und wo man sich beim nächsten Job verbessern könnte.

nordbuzz: Neigen Verantwortliche im Fußball stärker als andere Berufsgruppen dazu, die Schuld anderen zu geben, wenn es mal nicht so läuft?

Stanislawski: Hm, das glaube ich nicht unbedingt. Überall, wo es um viel Geld und vielleicht auch den eigenen Marktwert geht, hört man öffentlich nicht viel Selbstkritik. Im stillen Kämmerlein sollte man jedoch anders drauf sein. Selbstreflexion ist immer ein guter Helfer, wenn es im Leben mal nicht so läuft. Ich bin in Hoffenheim auf Platz acht entlassen worden. Danach stand der Verein nie wieder auf dem achten Tabellenplatz. Klar war ich damals maßlos enttäuscht. Aber es hat mir geholfen, alles was passiert ist, ganz nüchtern zu analysieren. Auch meinen eigenen Part. Deshalb konnte ich dann auch recht gut mit der Entlassung umgehen.

nordbuzz: Eine Frage noch an den EM-Experten: Wer wird Fußball-Europameister 2016?

Stanislawski: Ich glaube, Frankreich hat gute Chancen im eigenen Land. Überraschungsteam wird entweder Österreich oder die Schweiz sein, aber das ist nur so ein Gefühl: Einer von beiden wird was reißen bei diesem Turnier. Beide haben eine sehr gute Quali gespielt und sind positiv euphorisch. Dies ist eine sehr gute Voraussetzung, um relativ weit zu kommen.

nordbuzz: Und Deutschland?

Stanislawski: Ich wünsche mir natürlich, dass wir Europameister werden. Die Bürde des Weltmeistertitels ist aber ein ganz schöner Rucksack. Ich hoffe auf eine positive Arroganz und Lockerheit, die wir mitbringen müssen, um das Ziel Europameisterschaft tatsächlich zu erreichen. Es geht so ein bisschen um diese Thomas Müller-Mentalität. Du musst Können und Konzentration mit ein bisschen Lockerheit und Arroganz paaren, ohne dabei auf dicke Hose zu machen. Es ist ein schmaler Grat. Wenn du auf dem wandeln kannst, ist das für mich die absolute Gewinner-Mentalität.

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