So bizarr war der Sci-Fi-„Tatort: HAL“

2016 - Odyssee im Ländle

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Jeder Mensch ist gläsern: Kommissar Bootz (Felix Klare) aus der Perspektive eines Überwachungsprogramms.

Big Data in Stuttgart: Niki Steins „2001“-Hommage ist der vermutlich erste Science-Fiction-Film der „Tatort“-Geschichte. Etwas anstrengend, aber auch spektakulär.

Heilig's Blechle, was erlauben die Stuttgarter? Wenn nicht alles täuscht, war die Episode mit dem Titel „HAL“ der erste Science-Fiction-Film der „Tatort“-Geschichte. Lannert und Bootz auf den Spuren von Stanley Kubrick ... Wir versuchen zu sortieren, was da geboten war.

Ergab die Story Sinn?

Sehr sogar. Autorenfilmer Niki Stein, der zuletzt das Reizthema „Stuttgart 21“ im „Tatort“-Format komplex und spannend aufbereitete, drehte einen Film, der auf mehreren Ebenen zugleich funktioniert: als Kriminalerzählung (ermordet wurde eine Schauspielstudentin), als parabelhafte Technologiesatire und als Verbeugung vor einem der ganz großen Klassiker des Kinos. Vom geworfenen Ast am Anfang bis zum sich verselbstständigenden Computerprogramm ist sein „Tatort“ eine große Verbeugung vor Stanley Kubricks Meisterwerk „2001 - Odyssee im Weltraum“. Auch der Episodentitel „HAL“ ist diesem Vorbild entlehnt: So heißt im Kinofilm der mörderische Bordcomputer des Raumschiffs.

Wie überzeugend waren die Kommissare?

Ehrlich gesagt wirkten sie noch nie so verloren wie diesmal: Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare), zwei analog sozialisierte Kommissare, irrten eineinhalb Stunden lang ziemlich irritiert durch die digitale Parallelwelt, wo viele Fallstricke und rhetorische Provokationen auf sie warten: „Was ist schon real?“ - Am Ende nur der Tod?

Wie furchteinflößend war der Mörder?

Für diesen „Tatort“-Mörder muss man fast die Höchstwertung bemühen - obwohl oder vielleicht auch weil er diesmal nicht aus Fleisch und Blut war. Wie bei Kubrick wandte sich ein „intelligentes“ Softwareprogramm maliziös gegen seinen Schöpfer - quasi aus Selbstschutz trieb es den Programmierer David Bogmann (Ken Duken) erst in den Wahnsinn und dann in den Tod. Die beunruhigende Frage dahinter: Sind wir noch Herr der Technologie, die uns umgibt?

Wie realistisch ging es zu?

Auch wenn es keinen expliziten Hinweis darauf gibt, dass die Handlung in der nahen Zukunft spielt, wirkte die Stuttgart der „HAL“-Episode der Wirklichkeit enthoben. Vor allem die Szenenbildner durften sich in diesem mit Hologrammen, Fixie-Bikes und Designersesseln aufgehübschten Sci-Fic-Stück austoben. So gesehen kein realistischer „Tatort“, aber fraglos einer, der auf zugespitzte Weise von der digitalen Wirklichkeit handelt, mit der und in der wir leben.

Die beste Szene?

Wie weit unsere Abhängigkeit von Computern prinzipiell schon heute reicht, unterstrich sehr schön eine Szene, in der das Überwachungsprogramm „Bluesky“ Bootz' Dienstwagen sabotierte - er sprang nicht an. Lannert entgegnete, er fahre als Konsequenz nur Oldtimer. Vielleicht sollte man sich ein Beispiel daran nehmen.

Darüber wird zu reden sein ...

Das virtuelle Antlitz des Bluesky-Programms war das eines merkwürdigen Affen. An wen der erinnert hat? Wir wagen eine kühne These mit viel Fantasie: Womöglich hat sich der Autorenfilmer Niki Stein mit den Mitteln der Bildbearbeitung da selbst verewigt.

Wie gut war der Tatort?

Zugegeben, ein Meisterwerk wie das Vorbild „2001“ ist nicht wirklich geglückt. Dafür ist das Ganze für den Zuschauer auch einen Tick zu anstrengend geraten. Doch allein für die Chuzpe, die „Tatort“-Grenzen so spektakulär und clever zu dehnen, vergeben wir die Schulnote Zwei minus.

tsch

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