Großstadt-Safari im Selbstversuch

„Urban Exploring“: Auf der Suche nach „Lost Places“ und Street Art in Bremen

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Eine verwaiste Fabrik-Halle im „Lost Place“ Kaba Werk.

„Lost Places“ in Bremen? Ja, es gibt sie auch hier, die ausgestorbenen Großstadt-Ruinen, die eine geheimnisvolle Aura ausstrahlen. Der Zahn der Zeit nagt, Vandalen und Street-Art-Künstler machen sich an ihnen zu schaffen. Ich habe mich daran gemacht, das Phänomen zu ergründen und bin auf das gestoßen, was in der Nachbarschaft im Verborgenen liegt.

Kürzlich geistert der Begriff „Lost Places“ durch die Redaktion. Zunächst beiläufig googelnd, ist mein Interesse schnell geweckt. Wie steht es um solche Ruinen eigentlich im urbanen Raum in Bremen? Neugierig beginne ich intensiver zu recherchieren. Lese mich ein. Klicke mich durch „Urbex“-Foren, wo sich „Urban Explorer“, also Stadtkundschafter, austauschen. Stoße auf mysteriöse Videos und Berichte. Klar, das wenigste davon wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird, doch eine gewisse Faszination kann ich nicht leugnen. Am liebsten würde ich mich sofort selbst auf Safari durch den Großstadt-Dschungel begeben, doch bin mir unschlüssig, wo ich ansetzen soll. Zwar lautet der ehrenwerte Kodex der „Urban Explorer“: „Take nothing but pictures, leave nothing but footprints.“ Doch noch bevor ich aktiv werde, nehme ich mir vor, nicht mit dem Gesetz oder Sicherheitsbedenken in Konflikt zu geraten.

Dann rufe ich bei der ZwischenZeitZentrale an und habe Daniel Schnier am Apparat. Er ist Architektur-Diplomingenieur und betreibt mit Kollegen die ZZZ. Sie sind von der Stadt beauftragt schlummernde Leerstände mit kreativer Zwischennutzung aufzuwecken, ständig spüren sie geeignete Objekte auf. „Entweder sind wir selbst unterwegs, werden angerufen oder nutzen den Leerstandsmelder, den wir mit initiiert haben und den online jeder mit Informationen bestücken kann“, so Schnier. Er bezeichnet das weder als Pranger, noch als Anleitung für Besetzer und ist begeistert, wie viele Ehrenamtliche an dem Projekt mitarbeiten. „Klar ist da auch mal ein heißes Eisen oder Insiderwissen dabei, aber die Stadt legt uns keine Steine in den Weg.“

Fotos: „Urban Exploring“, „Lost Places“ und Street Art in Bremen

Nur fünf Prozent des Leerstandes bekannt

Die ZZZ kennt nur etwa fünf Prozent des Leerstandes in Bremen. Eine genaue Erhebung gibt es nicht. Schnier behauptet die Ruinen-Landschaft sei hier nicht sonderlich ausgeprägt: „Wir sind ja in der Großstadt. Vieles wird abgerissen, was stehen bleibt, verfällt und verrottet, ist oft Privateigentum.“ Doch der kleine Einblick, der dann folgt, ist beeindruckend. „Es gibt Tanklager in Bremen Farge, da bekommen wir quasi wöchentlich Anfragen für Techno-Festivals. Oder Asbest verseuchte 12.000-Quadratmeter-Hallen im hinteren Teil des Güterbahnhofs. Eigentlich Tabu, immerhin gibt es dort ab und an Kunst zu sehen.“ In fast allen Ecken Bremens scheinen solche „Lost Places“ zu schlummern. „In der alten neustädter Teppichfabrik stehen seit 30 Jahren 3.000 Quadratmeter leer, bei der ehemaligen Hansewasser-Verwaltung in Gröpelingen sind es 20.000 Quadratmeter. Auch der Brinkmann-Speicher in Woltmershausen, die Wollkämmerei in Blumenthal oder der Wasserturm auf dem Stadtwerder bieten schier unendlich große ungenutzte Flächen“, fährt der Experte fort. Bei Könecke und Coca Cola in Hemelingen seien es noch einmal sechsstellige Quadratmeterzahlen. Ganz zu schweigen von den vielen Bunkern über und unter der Erde, denke ich mir. Wahnsinn!

Die Crème de la Crème der Street-Art-Szene

Eine Bremer „Urban Explorer“-Szene sei dem gut vernetzten ZZZ-Betreiber hingegen kaum bekannt. Da gäbe es bloß ein paar Fotografen und Filmer. „Aber ich kenne Explorer aus Oldenburg. Die fahren hunderte Kilometer über Land und suchen nach alten Militär-Arealen.“ Oft wollen solche Abenteurer anonym bleiben, denn die Rechtslage ist selten klar. Meist begehen sie Hausfriedensbruch, wenn sie sich Zutritt zu leerstehenden Gebäuden verschaffen.

Nun wird es ernst. Wo kann ich mich umschauen? „Das Güldenhaus mit der alten Schnapsbrennerei in der Neustadt steht seit 1997 leer“, so Schnier. Es war besetzt und beherbergt heute unter anderem eine Paintball Area. „Die Industrie-Brache des Kaffee HAG Werks in der Überseestadt ist seit 1993 betroffen – um die 70.000 Quadratmeter.“ Und der Leerstand wächst. Just wurde die komplette Schließung der Rösterei am Holzhafen verkündete. „In der zugehörigen Kaba-Fabrik hat sich die Crème de la Crème der West-Europäischen Street-Art-Szene verewigt, darunter Künstler aus Kopenhagen oder Spanien“, sagt Schnier. Schon vor Jahren schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „In Bremen hat sich heimlich eine Kunsthalle etabliert: In den ehemaligen Kaba-Hallen schaffen Sprayer und Street-Artisten zum Verschwinden verurteilte Werke.“

Begegnung mit einem Wachhund

Die alte Schnapsbrennerei im Güldenhaus in der Neustadt.

Alles klar, jetzt ist meine Abenteuerlust endgültig geweckt. Ich will meinem Entdeckergeist freien Lauf lassen, zum urbanen Pfadfinder werden. Zunächst steuere ich die alte Schnapsbrennerei in der Neustadt an. Beim Güldenhaus angekommen, bietet sich mir schon von außen ein mystischer Anblick. Zugewuchert ist ein alter Schriftzug zu erkennen, Fenster sind zersplittert oder vernagelt. Ich will einen vorsichtigen Blick in den Hof werfen, da springt mir ein Wachhund entgegen und kommt mir gefährlich nah. Das argwöhnisch dreinschauende Herrchen weist schroff aufs Privatgelände hin. Ich müsse mich erst anmelden, fügt der Mann schon etwas freundlicher hinzu. Doch vergeblich. Der Hausmeister gibt am Telefon an, krank zu sein. Der in einem Teil des Komplexes untergebrachte Paintball-Betrieb hat geschlossen. Das erklärt, warum man auf meinen Besuch nicht vorbereitet war und ich nun ohne Einblick von dannen ziehen muss.

Die Halle des Neustädter Bahnhofs.

Zunächst erschrocken ob des ungemütlichen Empfangs, beschließe ich nicht so schnell aufzugeben. Ich will einen weiteren Versuch wagen. Nur ein paar Straßenecken weiter liegt der Neustädter Bahnhof, der ebenfalls zu Teilen leer steht. Vereinzelt kommen mir Fahrgäste entgegen. Ansonsten herrscht eine unbehagliche Stille in der einst durchaus prunkvollen Halle. Doch besonders verborgen ist sie nicht, der Ort verliert schnell an Reiz.

Orientierung behalten, nicht verlaufen oder in Löcher fallen

Die nächste Station kann also nur das um 1900 erbaute Kaffee HAG Werk samt ehemaliger Kaba-Fabrik sein. Immer wieder war ich bei den Recherchen auf Fotos von der markanten Fassade gestoßen und Berichte, wie es im Innern aussieht. Mit dem Rad geht es in die Überseestadt, vorbei an monumentalen Industriedenkmälern, stets mit Fischmehl- und Kaffee-Gerüchen in der Nase, durch Schluchten pompöser Speicher, Schuppen und Mühlen, über Kopfsteinpflaster und heruntergefallenes Getreide hinweg. Nur vereinzelt meint man in der Ferne Container aneinander schlagen und Maschinen rattern zu hören. Zeugnisse eines einst florierenden Hafens, der nun jedoch an vielen Ecken einen ausgestorbenen Eindruck macht.

Die Kaffee HAG Fabrik im Holzhafen in der Überseestadt.

Die Sonne steht hoch, es ist heiß und etwas stickig, da taucht es plötzlich auf, das leuchtend gelbe Kaffee HAG Gebäude. Eine kurzfristige Anfrage beim Wachdienst war erfolgreich gewesen, sodass mir Einlass in den inzwischen rund um die Uhr streng gesicherten Gebäudekomplex gewährt wird. Ruhigen Gewissens und doch etwas nervös folge ich dem Pförtner. Durch ein einst schmuckes Portal betreten wir die ehemaligen Kaba-Produktionshallen. Jahrzehntelang wurde in diesem vierstöckigen, unter Denkmalschutz stehenden Koloss Kakao gefertigt. Seit über zwanzig Jahren steht der Backsteinbau nun schon leer. Wenig verwunderlich, dass er irgendwann Aufmerksamkeit von Künstlern, Vandalen und Entdeckern auf sich zog. Durch die Sicherung des Gebäudeschutzes sind diese Zeiten zwar Geschichte, doch das Stillleben im Innern ist bis auf Weiteres konserviert.

Alleine in der vierstöckigen Fabrik-Ruine

„Je höher und tiefer es in die Fabrik geht, desto spannender wird es. Die Eindringlinge fühlten sich dort entsprechend ungestört“, sagt der Security-Mann. Dann gibt er mir eine Sicherheits-Einweisung und meint, ich solle mich nicht verlaufen, versuchen, die Orientierung zu behalten. Auch in die großen Löcher im Boden möge ich bitte nicht fallen – und bei Türen zunächst kontrollieren, ob es von innen einen Griff gibt, um mich nicht einzuschließen. Als Letztes drückt er mir eine Telefonnummer in die Hand – für den Notfall. Mit den Worten „Die bitte nicht verlieren“ bekomme ich noch seine Taschenlampe, dann überlässt er mir vertrauensvoll das Gelände.

Im Innern des Kaba Werks.

Nun bin ich alleine mit diesem gewaltigen, teilweise verfallenen Monstrum. Der Wind lässt eine Tür knallen. Tauben schrecken auf. Kurz hallt der flatternde Lärm durch die Hallen, dann ist es wieder still. Es schaudert mir. War das wirklich eine so gute Idee oder habe ich mich hier alleine und übereifrig ins Verderben gestürzt? Es gibt kein Zurück. Ich knipse die Taschenlampe an und zücke meine Kamera. Über Berge von Vogeldreck arbeite ich mich vorbei hervorstehenden Schläuchen Stockwerk um Stockwerk nach oben. 

Kaffee HAG vom Kaba Werk aus gesehen.

Hier und da erinnert die surreal düstere Atmosphäre an schaurige Horror-Filme wie „Saw“. In den riesigen Produktionshallen höre ich nur meine eigenen Schritte. Dort, wo früher mal Maschinen standen befinden sich nun langgestreckte Kreuze auf dem Boden und erinnern an einen Friedhof. Ein beunruhigender Anblick. Doch im nächsten Moment entdecke ich die ersten Wandbilder und Murals. Zunächst noch unspektakulär, werden sie zunehmend kunstvoller. Hier hatten die Street-Artisten Zeit, ungestört Graffiti und Stencils auszuarbeiten und anzubringen. Um der Kunst selbst willen, denn mit größerem Publikum können sie nicht gerechnet haben.

Gemischte Gefühle

Ein Kunstwerk des Street Artist „Armsrock“.

Schriftzüge, Figuren, ganze Geschichten sind an den kargen, teils schimmelnden Wänden zu finden. Besonders beeindruckend sind die Arbeiten von „Armsrock“. Wie ich später nachlese sind es frühe Werke des Kopenhagener Künstlers, der einst an der Hochschule für Künste studierte, nun in Berlin aktiv ist und mit der Street Art Koryphäe „Banksy“ verglichen wird. Ich bin gepackt von solcher Ästhetik in dieser heruntergekommenen Umgebung, die sich doch so wunderbar in die Kulisse einfügen, sie teilweise aufgreifen und einbeziehen. Meine Scheu ist längst abgeschüttelt. Stundenlang könnte ich hier stöbern, doch irgendwann ruft mich die hektische Welt draußen vor den Mauern zurück in den Alltag. Als ich den Ausgang erreiche, trete ich vor die Tür und blinzele ins Sonnenlicht. Ein wenig erleichtert bin ich, es hinter mir zu haben und freue mich dennoch, nicht vor diesem „Urban Exploring“-Abenteuer zurückgeschreckt zu sein. Sich alleine auf eine solche Safari zu begeben kann ich trotzdem nicht unbedingt empfehlen.

Insgesamt fällt mein Fazit gemischt aus. Ich bin beeindruckt und fasziniert davon, welch ausgestorbene Welten im Verborgenen mitten in der Stadt zu entdecken sind. Dort, wo früher so viel passierte, geschäftiges Treiben herrschte. Manche „Lost Places“ scheinen im Untergrund ein Eigenleben zu entwickeln, andere rotten einfach vor sich hin. Auf der anderen Seite stimmt es mich nachdenklich, wie viel Potenzial aus verschiedensten Gründen quer durch Bremen verschwendet wird, welchen gesellschaftlichen oder öffentlich kulturellen Nutzen der Raum hätte. Erst recht, wenn man bedenkt, dass ein subkulturelles Projekt wie das Zucker Netzwerk seit Jahren nach geeigneten Flächen sucht. Gleichzeitig mischen sich immer weniger Menschen in städtebauliche Überlegungen ein, das hatte schon Daniel Schnier von der ZZZ im Telefonat bedauert. Die Kultur-Zwischennutzung „Dete“ war vor einigen Jahren ein sehr erfolgreicher Versuch ein altes Möbelhaus zu beleben. Unter Protest mussten die Betreiber zugunsten einer anderen Nutzung ausziehen. „Passiert ist seit dem nichts“, sagt Schnier. „Inzwischen steht das Gebäude schon wieder zwei Jahre leer.“

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Ebenfalls in eine andere Welt taucht dieser Text ein: „‚Außerhalb‘ – Ein Ort abseits des Alltags“. Hallen mit verlorenem Inhalt gibt es zudem beim „Fundamt-Leiter Mildner: Der Mann, der Menschen glücklich macht“. Ungemütlich war es außerdem hier: „Unwetter, Schwimmflügel, dann doch noch Musik: Hurricane 2016 – Ein Erfahrungsbericht“.

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