Bei den Traceuren in Bremen

Extremsport Parkour: Die Suche nach den eigenen Grenzen

Spektakuläre Einlagen - jeden Samstag in der großen Halle von Bremen 1860.

Ein intensives Aufwärmprogramm in den Hallen von Bremen 1860 macht sofort klar: Hier geht's vor allem um eine gute Vorbereitung. Bemerkenswert. Denn sucht man auf einschlägigen Video-Portalen nach Clips über Parkour, findet man neben einigen beeindruckenden Runs auch solcherlei Aufnahmen, die wenig Vorbereitung von den Beteiligten vermuten lassen. Die Folge: Extreme Verletzungsgefahr. Damit so etwas nicht passiert, sind einige Vereine in Bremen längst dazu übergegangen, Parkour ausdrücklich als Sport und mit fundierter Grundlagenarbeit auszuüben.

Das Konzept ist klar: Parkour, kurz heruntergebrochen, ist zuallererst eine Fortbewegungsart mit dem eigenen Körper – und zwar so effizient wie möglich. Entstanden im Militärischen, in den 80er-Jahren in die Straßen von Paris getragen, wo es sich verselbstständigt hat. Aus einem militärischen Konzept wurde schnell ein künstlerisches. Statt sich möglichst effektiv und im Einklang mit der Natür über die Hindernisse der Landschaft zu bewegen, galt es plötzlich, seinen Weg nicht mehr vom urbanen Umfeld mit seinen Gebäuden und angelegten Straßen der französischen Hauptstadt regieren zu lassen, sondern seinen eigenen Weg zu finden – den effizientesten eben, allen Hürden zum Trotz.

Und schon stellt sich auch uns ein begriffliches Hindernis in den Weg, denn das was da so protzig auf Youtube etc. dem Internet-Zuschauer präsentiert wird, ist selten reines Parkour, sondern Free Running. Unterschied: Die Effizienz im Parkour-Gedanken wird geopfert für eine spektakulärere Herangehensweise. Nennen wir es mal Stunts – Drehungen, Salti, Flickflacks beim Überwinden der Hindernisse. Wenn man es so richtig drauf hat und auch das nötige Etwas, nennen wir es mal Selbstvertrauen, mitbringt , kann das Ganze dann so aussehen:

Auch in Bremen wächst die Begeisterung für den Extremsport. Regelmäßig finden draußen auf den Straßen in Bremen vereinsübergreifende Treffen auch mich überregionalen Teilnehmern statt. Man trifft sich. In der Halle übt sich indes, was im urbanen Raum einmal ganz groß rauskommen will. Und während sich beim ATS Buntentor eher die Mittzwanziger zum Training treffen, versuchen sich bei 1860 auch deutlich jüngere „Traceure“. Selbst Finn Fasse, einer der Übungsleiter bei den Schwachhausenern, ist mit 22 Jahren ein noch sehr junger Trainer. Er bringt den Kids den Trendsport näher. Schritt für Schritt, ruhig und aufeinander aufbauend erklärt er Grundlagen und Regeln. Denn auch die gibt es.

„Hier gibt es keinen Wettbewerb“

Effizienz, beim Parkour wie gesagt die oberste Prämisse, bedeutet in dem Fall etwa: „Beim Laufen behalten wir immer den Schrittrhythmus. Wenn wir also ein Hindernis überqueren, dann immer so, dass wir schon bei der Landung wieder in unserer vorherigen Schrittabfolge landen“, erklärt er. Für ihn immer auch eine Frage von Mathematik und Physik. Er fährt fort: „Eine der wichtigsten Regeln beim Parkour ist zudem, dass es hier keinen Wettbewerb gibt. Du misst dich niemals mit anderen, nur mit dir selbst und an deiner eigenen Leistung.“ Wer neu dazu stößt bekommt eine fundierte Einführung und kann anschließend das Gelernte im freien Training ausprobieren und ausbauen.

So wie ich. Finn zeigte mir, so wie es sich gehört, Schritt für Schritt, was zu tun ist. Leichtere Übersprünge, die schon mit ihren Namen wie „Easy“ und „Lazy“ darauf hindeuten, dass sich keine allzu großen Probleme bereiten sollten, bekomme ich noch gut hin. Schwieriger wird es da schon beim Thema abrollen. Regel: Möglichst Geräuschlos aufkommen, besonders bei Sprüngen aus großer Höhe, denn: Im Grunde sollen die Beine das Gewicht des Aufpralls gar nicht abfangen. Das wäre doch sehr nachteilig für die Gelenke. Stattdessen wird die Energie in eine unmittelbar anschließende Sprungrolle übertragen – aber bitte so, dass man sich nicht auf dem Weg über den Boden die Knochen zermalmt. Klingt logisch. Gesagt, gescheitert. Ich hab' vor allem das mit der leisen Landung wahrlich noch nicht verinnerlicht. Und: Muskelkater. In den Beinen, im Bauch, im Rücken. Hier indes ein kleiner Einblick in das freie Training bei 1860, in dem sich die Kids im Parkour und Free Running deutlich geübter präsentieren als ich. Sehenswert.

Wie sieht‘s mit der Verletzungsgefahr aus?

Um Vorurteile und Sorgen kommen die Traceure bei ihrem Sport aber natürlich auch nicht ganz aus. Immer wieder wird eine große Verletzungsgefahr angeprangert. Finn hält blanke Studien dagegen. Statistisch gesehen, passieren beim Parkour und Free Running in 1.000 nur fünf Verletzungen. Beim Fußball sind es 50. Auch Tennis ist nach dieser Rechnung deutlich gefährlicher. Wenn Verletzungen in diesem Rahmen unterdessen vorkommen, dann eher in der Halle. Finn erklärt: „Draußen setzen sich die Sportler ganz andere Grenzen und sind automatisch vorsichtiger, wenn sie irgendwo 'runterspringen. Hier in der Halle haben sie die Sicherheit einer weichen Matte bei der Landung. Da wird man auch dementsprechend unvorsichtiger.“

Doch natürlich wollen auch die Bremer Traceure ihren Parkour-Sport nicht nur mit der Einschränkung einer Halle ausüben. Sie wollen raus, ihre Sprünge über richtige Hindernisse in der Stadt wagen. Gelegenheit dazu werden sie nun öfter bekommen. Auf Initiative der Bremer Vereine findet künftig sonntags ein offenes Treffen mit Traceuren auch von Außerhalb statt, bei dem die Lust nach Free Running gestillt werden soll. Gemeinsam, halt so ganz ohne Wettbewerbsgedanken.

Bei Bremen 1860 findet jeden Samstag zwischen 12 und 16 Uhr ein freies Training in der großen Halle am Baumschulenweg 6 statt. Zusätzliche Treffen draußen in der Stadt gibt es zudem oft spontan nach Absprache.

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