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Die kenn' ich doch: Gesichter aus Bremen und Oldenburg

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Es gibt diese Menschen in Bremen und Oldenburg, die uns so häufig begegnen, dass wir fast das Gefühl haben, sie persönlich zu kennen. Wer sind die Menschen hinter den Gesichtern? Wie leben sie? Womit verbringen sie ihren Tag? Was verbindet sie mit der Region? Ob Dragqueen, Gastronom oder Rapper: Wir haben bei drei Originalen aus der Region nachgefragt.

„Dragqueen ist kein Beruf – es ist eine Lebenseinstellung“

Pinker Glitzer-Lidschatten, eine auftoupierte Perücke und um den Hals eine Federboa – für Gina Solera ein gewöhnliches Arbeits-Outfit. Für so manchen schnöden Oldenburger noch gewöhnungsbedürftig, leider. Dabei stöckelt die Travestie-Künstlerin schon seit 2013 auf ihren High Heels durch die Stadt, um ihren „Hasen“ eine reizende Führung durch Oldenburg zu kredenzen. Wir haben mit Ihr über das Doppelleben, Vorurteile und Zukunftspläne gesprochen.

Hallo Gina Solera! Du bist die wohl schrillste Dame Oldenburgs – eine Travestie-Künstlerin in glitzernder Vollendung. Dein Traumberuf?

Dragqueen Gina Solera ist von Beruf Frau.

Das ist aber nett von dir! Ja, auf jeden Fall mein Traumberuf. Ich brauche Abwechslung im Alltag und im Beruf. Das habe ich jetzt zur Genüge. Ob Kult-Touren am Wochenende, Shows, Moderationen oder Auftritte auf dem roten Teppich – es ist von allem etwas dabei und dafür bin ich sehr dankbar. Ich liebe es einfach aufzufallen und zu polarisieren. Und ich kann die „Kunstfigur“ Gina Solera auch super als gezieltes Sprachrohr einsetzen. 

Was verändert sich bei der Verwandlung in Gina Solera? Und wie lange dauert es? Verstellst du auch Deine Stimme?

Oh, das dauert tatsächlich gar nicht so lange. Wenn es schnell gehen muss so eine bis anderthalb Stunden. Dann ist aber auch wirklich alles wetterfest – bei unserem vielen Regen im hohen Norden ein Muss. Meine Stimme verstelle ich nicht. Das wäre mir auch viel zu anstregend. Ich versuche ganz natürlich zu bleiben.

Du führst quasi ein Doppelleben. Verständlicherweise trennst Du dein Privatleben strikt von deinem Beruf. Hat Dich trotzdem schon einmal jemand wiedererkannt?

Nein, aber das ist auch sehr gut so. Ich habe aber mal an einem Samstag eine meiner Kult-Touren durch Oldenburg mit einer sehr lustigen Truppe aus dem Schwarzwald gemacht und denen ein Café für den Sonntag empfohlen. Am nächsten Tag saß ich mit meinem Freund selbst dort und nur einen Tisch weiter als die Schwarzwälder. Es war sehr lustig zu hören, wie sie sich über den letzten Abend mit mir unterhalten haben und nicht merkten, dass ich nur einen Tisch weiter saß.

Wie reagieren denn Deine Familie und Freunde auf Gina Solera? Du bist ja im ostfriesischem Leer relativ dörflich aufgewachsen. Gab es da Vorurteile?

Als die „Kunstfigur“ Gina Solera entstanden ist, habe ich bereits in einer anderen Stadt gewohnt. Dennoch wussten natürlich alle Bescheid, da ich einige Male von Diskotheken in Ostfriesland gebucht wurde. Meine Familie steht komplett hinter mir. Meine „wahren“ Freunde sind auch immer noch da und begleiten mich sowohl durchs private als auch berufliche Leben. Vorurteile und Neid gibt es natürlich, aber das hat man ja in allen Bereichen und mittlerweile prallt es an einem ab. Ansonsten gab es noch keine Anfeindungen, eher im Gegenteil. Ich werde von vielen angesprochen, jung oder alt und nehme mir gern Zeit für einen kurzen Smalltalk oder ein Selfie.

Was würdest Du Travestie-Neulingen raten? Was muss man mitbringen, um erfolgreich zu sein?

Also, wenn man wirklich den Wunsch hat, sich in diesem Bereich zu etablieren, muss man hart dafür kämpfen. Es ist harte Arbeit „einen Platz“ zu bekommen und diesen auch zu wahren. Dragqueen oder Travestie-Künstler ist ja kein Beruf in diesem Sinne – es ist eine Lebenseinstellung. Du musst den Job lieben und deine eigene Rolle finden. Wichtig ist, immer (!) auf sich selbst zu hören und vor allem stets das Ziel mit viel Durchhaltevermögen vor Augen zu halten und durch zu ziehen.

Wo können Dich die Oldenburger denn als nächstes live erleben? Und wo treffen wir Gina Solera in zehn Jahren?

Die Charity Fashionshow gibt es erst 2017 wieder, in einem komplett neuen Gewand. Dafür wird es in diesem Jahr eine Konzert-Tournee geben. Unter dem Namen „A Night 2 Remember“ – das etwas andere Weihnachtskonzert, werde ich mit befreundeten Künstlern in einigen Städten gastieren und einen bunten Abend aus Musik, Comedy und Zauberkunst bescheren. In zehn Jahren werde ich hoffentlich immer noch meine Kult-Touren durch Oldenburg machen und den Leuten meine Lieblings-Gastronomien zeigen und mit vielen Jungesellen „ihren Abend“ verbringen. Daneben planen mein Team und ich im nächsten Jahr Hafenrundfahrten anzubieten und „A Night 2 Remember“ soll es auch als Sommertour geben. Mal gucken was mir sonst noch so einfällt.

„Ich kann ganz viel Bremen“

Ari mit seinem Sunny-Bike.

Sich mit Ari auf ein Interview zu treffen ist kein leichtes Unterfangen. Ständig wird er gegrüßt, angesprochen und in kurze Smalltalks verwickelt. Ganz Bremen scheint den 38-jährigen Gastronom und Entrepreneur zu kennen und sich für seine Projekte zu interessieren. Wir haben mit Ihm über seine Rückkehr nach Bremen, seine Zeit in Griechenland und seine aktuellen Pläne gesprochen.

Hallo Ari, stell Dich doch einfach mal kurz vor. 

Ich bin Ari. Also, Philipp Aristidis Arsenidis ist eigentlich mein Name, aber ich werde immer Ari genannt. Ich komme aus der Bremer Neustadt. Mit meinen Eltern habe ich schon früher in der Herrmanstraße in der Neustadt gewohnt. Aber wir haben zwischendurch auch mal in Arsten, Delmenhorst und Oslebshausen gelebt. Dann in WGs in Walle, Neustadt und Viertel. Ich kann also ganz viel Bremen.

Vor ein paar Jahren bist Du nach Griechenland gezogen, warum? 

Ich hatte keine Lust mehr zu studieren und meine Eltern sind nach Griechenland gegangen. Meine Großonkel und -tante sind auch zu dieser Zeit gestorben. Die waren so was wie Oma und Opa für mich. Da musste ich einfach mal raus.

Was hast du dort gemacht? 

Zuerst habe ich bei einem Adidas-Store gearbeitet. Da habe ich on the job auch Griechisch gelernt. Das hat Spaß gemacht! Mittlerweile kann ich es auch richtig schreiben. Dann haben wir einen Laden in der Innenstadt von Athen aufgemacht. Das lief aber leider nicht so gut. Deshalb mussten wir schließen und ich brauchte schnell einen Job. Weil ich ja vorher schon Barkeeper war, auch in der Lila Eule, bin ich dann in wieder in einer Bar gelandet. Das war das erste Mal, dass ich in einer Bar arbeitete, ohne nebenher zu studieren. Das gefiel mir ziemlich gut und auch der Bar gefiel was ich gemacht habe. Das mit den Cocktails habe ich dort ganz gut gelernt. Es war zu der Zeit als ein paar neue Ideen aus London nach Athen gekommen sind. Mit frischen Produkten arbeiten und hochwertigen Alkohol nutzen. Da habe ich einige der besten Bartender kennengelernt und mir ein bisschen was abgeguckt. Ich würde zwar nicht sagen, dass ich da richtig Spitze bin, aber ich weiß definitiv, was ein qualitativ hochwertiger Cocktail braucht.

Warum bist du zurück nach Bremen gekommen? 

Nach Athen habe ich zuerst noch fünf Jahre in Zürich gewohnt und als Chef de Bar gearbeitet. Dann war ich eine Zeit lang Brand Ambassador für Jameson Whisky. Danach war ich noch zweieinhalb Jahre Sales Manager bei Diageo in Zürich und hab da viel und gut gearbeitet. Zürich ist zwar ganz hübsch, aber du hast einfach nicht das gleiche Leben wie in Bremen. Außerdem bin ich ich ja Bremer! Und meine besten Freunde wohnen hier.

Du bist momentan in mehreren Projekten aktiv. Welche sind das und wie kam es dazu?

Irgendwann hat man keine Lust mehr für andere Leute zu arbeiten, weil man zu viele schlechte Erfahrungen macht. Das muss nicht am ersten Tag kommen, aber irgendwann ist es immer so, dass irgendwas blöd ist. Wenn man alleine oder im eigenen Team arbeitet, ist man wenigstens für sich selbst verantwortlich und kann sich selbst voranbringen. Das ist für mich einfach besser.
Die meiste Zeit nimmt momentan das Das Lütt Köök Huus ein. Damit machen wir uns jetzt selbständig und gehen in die Markthalle 8. Bis letzte Woche haben wir da noch einen Mittagstisch angeboten. Bevor wir richtig eröffnen, legen wir jetzt aber eine kreative Pause ein, um alles richtig zu planen. Zusammen mit dem Weinhandel Kiek Rin bieten wir dann auch Weine und Champagner an. Außerdem wird es eine Feinkostabteilung und einen Mittagstisch geben. Ein anderes kleines Projekt ist das Sunny Bike. Das ist als Verkaufsstand konzipiert, der bei ganz verschiedenen Gelegenheiten zum Einsatz kommen kann. Das soll irgendwann so etwas wie ein Open-Source-Projekt werden, aber erst mal müssen wir uns damit selbstständig machen und schauen, wie man das alles am besten umsetzt und dabei auch solche Dinge wie Hygienevorschriften einhält. Außerdem machen wir wieder die Lichter der Neustadt. Da setzen wir uns bald zusammen und planen.

Was würdest du in Bremen gern noch machen, wenn du alles machen könntest? 

Oh, da gibt es so viele Sachen. In Zürich gibt es diese Badis. Das sind Badeanstalten auf dem Wasser. So etwas auf der Weser, mit einem kleinen Kaffee drin, das wäre cool. Das wäre ein Traum so was aufzubauen, das wäre schön.

„Das Viertel muss rebellisch bleiben“

Hack Mack mit dem Eck im Rücken.

Hack Mack ist Ur-Bremer, Viertel-Verfechter und Rapper „ohne Scheuklappen“. Bei einem Kaffee in Sichtweite des Sielwalls sprach er über seine Musik und seinen „Rampensau-Charakter“, die Bremer Szene und die Auseinandersetzungen im Viertel, zu denen er mit einem #bremenlebt-Beitrag klar Stellung bezog.

Moin Hack Mack! Erstmal ganz klassisch, wer bist Du eigentlich?

(lacht) Das ist ja hier wie im Poesiealbum. Also, ich bin Hacky, besser bekannt als Hack Mack, um die 30 Jahre alt, Ur-Bremer, im Viertel ansässig, seit langem Musik-Liebhaber und seit 12 Jahren aktiv selbst dabei. Im Großen und Ganzen mache ich Hip Hop, aber ohne Scheuklappen. Papas Gitarre war der erste Berührungspunkt, dann habe ich ein, zwei Jahre geklampft, mit 15 Texte geschrieben und mit 17 angefangen sie aufzunehmen. Durch Freunde, die schon etwas Erfolg hatten, wurde die Nummer dann größer. Also habe ich fleißig Songs produziert und so sind bereits vier Alben entstanden.

Wie würdest Du deine Musik beschreiben?

(überlegt) Als rebellisch ohne rebellisch zu sein vielleicht. Ich probiere mit guten Texten ohne aufmerksamkeitsfördernde Worte erfolgreich zu sein. „Hip Hop ohne Hurensohn“, könnte man sagen. Am wichtigsten ist mir, ein Gefühl zu transportieren und Stimmungen zu vermitteln. Man soll verstehen, wie ich es meine, ohne dass ich dafür mit krassen Dance-Moves auf den Flows spazieren gehe. Musik ist für mich immer noch Kunst. Aber eben ohne Berührungsängste. Das merkt man auch beim neuen Song „Signal“, der diese Woche raus kommt. Das ist im Endeffekt eine Reggae-Pop-Nummer geworden. Aber wenn das passt, ist mir völlig egal, was die anderen sagen.
Mit Wortwahl und Betonung kann man ganze Stücke verändern. Das fasziniert und nervt zugleich, besonders den Produzenten Steady Move, seit jeher mein Partner in Crime. Zur Zeit sind wir in einem Acht-Quadratmeter-Bunker-Raum in Gröpelingen aktiv. Abgesehen von den Instrumentals läuft bei mir alles in Eigenregie: Songwriting, Aufnahmen, Marketing und Videos.

Und wie steht es um die Bremer Musik-Szene und die Vernetzung?

Ich bin erstmal Solo-Künstler und möchte das auch bleiben, weil ich mich da in der Individualität nicht einschränken muss. In Bremen wird viel gegenseitig beobachtet und weniger aufeinander zugegangen. Da nehme ich mich gar nicht aus. Es wäre also mehr möglich und ich bin da sehr offen für Zusammenarbeiten. Ansonsten bin ich stolzer Bremer, habe bei der Vermarktung aber trotzdem eher einen überregionalen Ansatz.

Woher kennen Dich denn die Bremer und wie ist es auf der Bühne zu stehen?

Meinen ersten Auftritt hatte ich um 2006 im Moments als Support vom Support. Da ist der Rampensau-Charakter erwacht. Ich kann das Zeug einfach nicht für mich behalten. So, wie dieses Jahr auf der Breminale oder vorher schon in der Eule oder der Spedition. Zuletzt waren es weniger Shows, weil der Fokus auf neuen Songs und Videos lag. Nächstes Jahr geht es hoffentlich wieder häufiger auf die Bühne. Für den Herbst ist schon mal ein Konzert im Papp geplant.
Auftreten ist Nervenkitzel pur! Ich bin jedes Mal total aufgeregt, auch nachdem ich nun schon so oft da oben stand. Es ist faszinierend, wie das mit den ersten Zeilen abfällt und ich in eine andere Welt eintauche. Ich nehme dann nur noch wenig wahr, aber freue mich über die Publikums-Reaktionen auf alte und neue Songs. Live ist halt das Geilste! Da sieht man dann, wofür man das alles macht.
Privat habe ich zwar eine gewisse Konstanz bei einigen Läden, wie dem Fehrfeld, Rock&Wurst oder der Lila Eule, entdecke aber auch gerne Neues, zum Beispiel immer häufiger die Neustadt. Ich bin ein Streuner, gerne auch in Kaschemmen, wie dem Haltepunkt. Oder am Deich natürlich.

Deine Beteiligung an der #bremenlebt-Bewegung gegen die Einschränkung kultureller Freiheit hat für Aufsehen gesorgt. Wie kam es dazu und wie siehst Du die Entwicklung?

Die #bremenlebt-Beteiligung hatte einen persönlichen Ursprung wegen meiner eigenen, sich beschwerenden Nachbarin. Daraus entstand die Song-Idee. Natürlich habe ich die Bewegung sowieso schon gefeiert. Ich wollte damit auch ein bisschen die Eule-Auseinandersetzung aufgreifen. Das Feedback war grandios. Wir als Künstler sollten uns bei der Angelegenheit allerdings zurück nehmen, denn die Botschaft steht im Vordergrund. Seit dem werde ich schon mehr wahrgenommen und angesprochen. Ein kleiner Verdienst bei der Sache, aber in Bremen bleibt der Ruhm ja ohnehin überschaubar.
Bei den aktuellen Konflikten schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen. Ich glaube auch, dass es den Leuten nicht um ein paar Stühle geht, die draußen stehen. Manche ertragen es offenbar nicht, dass andere Spaß haben. Das ist überhaupt gar keine gute Entwicklung. An deren Adresse muss ich sagen, es bleibt dabei: Es gibt auch andere schöne Stadtteile. Das Viertel muss rebellisch bleiben, immer ein bisschen Faust hoch!

Hier gibt es noch mehr Bremer und Oldenburger Originale

Wir haben Bremer und Oldenburger Originale getroffen und noch mehr Geschichten hinter bekannten Gesichtern der Region aufgeschrieben.

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