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Die kenn' ich doch: Gesichter aus Bremen und Oldenburg

Es gibt diese Menschen in Bremen und Oldenburg, die uns so häufig begegnen, dass wir fast das Gefühl haben, sie persönlich zu kennen. Wer sind die Menschen hinter den Gesichtern? Wie leben sie? Womit verbringen sie ihren Tag? Was verbindet sie mit der Region? Ob Gastronom, Autor oder Straßenmusiker: Wir haben bei Bremer und Oldenburger Originalen nachgefragt.

„Es sollte etwas sein, was es so noch nie gab.“

Güngör Cerrah ist ein echter Visionär.

Ein Interview mit Güngör Cerrah, an einem Freitagnachmittag mitten im Viertel, ohne Unterbrechungen? Ein Ding der Unmöglichkeit! Fast im Minutentakt wird er gegrüßt oder grüßt seinerseits die vorbeischlendernden Passanten. Kein Wunder, hat der 42-Jährige doch in den vergangenen zehn Jahren fast überall dort seine Finger im Spiel gehabt, wo in Bremen innovative Gastronomie-Betriebe an den Start gegangen sind. Ein Gespräch mit dem Bremer Gastro-Visionär.

Moin Güngör, deine Webseite www.gcerrah.de verrät es ja schon: Du hast in den vergangenen Jahren für ordentlich Betrieb in der Bremer Gastro-Szene gesorgt. Welche aktuellen Projekte hat Du auf dem Zettel?

Im Moment berate ich die Bar Freytag in der Böttcherstraße, die es seit etwa einem Jahr gibt, und natürlich Lucy's Kitchen in der Überseestadt. Die Eröffnung ist noch für den September geplant. Dort setzen die Betreiber auf lokales Essen und nutzen Produkte befreundeter Bauernhöfe aus der Umgebung, um eine frische und gesunde Küche anbieten zu können. Denn eines ist klar: Das Essverhalten ändert sich gerade, viele Leute konsumieren immer bewusster.

Auch in Bremen? Immerhin wird den Menschen von hier doch nachgesagt, nun ja, relativ konservativ zu sein und Neuerungen nur langsam zu akzeptieren.

Das stimmt schon, Bremer haben oft Hemmschwellen und viele sind Gewohnheitstiere. Deswegen versuche ich seit 2004 ja auch, die Szene etwas durchzumischen und Alternativen zu bieten. Ich möchte etwas Schönes schaffen, schöne Orte, die sich durch kreative Ansätze auszeichnen. Die Leute sollen neue Dinge machen, sonst entwickeln wir uns doch nicht. Genau deswegen bin ich jetzt auch in der Konzept-Entwicklung aktiv. Ich greife den Gründern unter die Arme, um Läden mit nachhaltigen Strukturen zu entwickeln.

Was hast Du vor 2004 gemacht?

Von 1997 bis 2000 war ich in Berlin und auch in einigen anderen Städten in Sachen Gastro unterwegs. Direkt nach dem Millenniums-Silvester bin ich dann zurück nach Bremen und habe mich gefragt: Was machst du in dieser Stadt? Es sollte etwas sein, was es so noch nie gab. Und so habe ich damit begonnen, den ein oder anderen Laden aufzubauen.

Aber warum bleibst Du trotzdem in Bremen, wenn hier doch viele Dinge schwieriger anzuschieben sind als in anderen Städten?

Bremen ist einfach eine super Stadt, total gemütlich. Hier ist meine Heimat. Ich könnte mir zwar vorstellen, überregionale Projekte zu machen. Aber Bremen bleibt meine Base, auch, wenn ich mir wünschen würde, dass die Menschen hier doch bitte etwas offener werden sollen und ihr Leben einfach mehr leben. Aber ich bin nun mal gebürtiger Bremer, habe hier meine Wurzeln und schätze auf der anderen Seite die Lockerheit der Menschen sehr.

Wie sieht für die ideale Gastro-Location aus?

Ich bin ein Fan von kleinen, schnuckeligen Läden. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Konzepte auch funktionieren würden, bei denen auf nur eine bestimmte Sache gesetzt wird. Eine große und breit aufgestellte Karte ist sicherlich kein Qualitätsmerkmal. Wenn es gut gemacht ist, der Business-Plan stimmt, kann auch ein Bremer Herz erobert werden. Und wer da einmal drin ist, der bleibt da auch.

„Ich bin die größte Nervensäge von allen“

Irmin Burdekat ist Gastronom aus Leidenschaft.

Wer sich in der Oldenburger Gastro-Szene auskennt, dem ist Irmin Burdekat mehr als ein Begriff. Der 64-Jährige ist einer der erfolgreichsten Gastwirte Deutschlands und (Mit)Gründer der Kneipenketten Café Bar Celona und Alex. Seit 2014 unterhält er lesende Kellner und Gäste zudem mit seinem literarischen Werk „Tisch 17 is‘n Arsch“ mit erfrischender Ehrlichkeit, amüsanten Anekdoten und auch etwas Kollegenschelte. Und wer hat an Tisch 17 gesessen? Im nordbuzz-Interview klärt Burdekat uns auf.

Moin Herr Burdekat. Sie sind ein Vollblut-Gastronom mit einem außergewöhnlichen Namen. Wie kam es zu diesem Vornamen?

Laut Wikipedia trug ein germanischer Halbgott den Namen Irmin. Die offizielle Familiengeschichte ist, dass meine Mutter von diesem gelesen hatte und sich daher für den Namen entschied. Aber es gibt auch eine inoffizielle Variante, nach der meine Mutter im Krieg einen Soldaten „kennengelernt“ hatte, der Irmin hieß. Offiziell vermerkte man mich übrigens als Mädchen in den Akten. Später, als ich bereits verheiratet war und Kinder hatte, habe ich mich freiwillig gemeldet und nachgefragt. Doch das Interesse an mir lag bei ungefähr null Prozent. Man könnte auch sagen ich sei ein „Verpisser“.

Ihr Buch trägt den Titel „Tisch 17 is'n Arsch“ - was hat ihnen dieser Tisch angetan?

Der Titel steht symbolisch für die Sprache hinter den Kulissen der Gastronomie. Als Kellner gibt es immer wieder Gäste, die einfach nerven. Dann heißt es schon mal: „Übernehme du mal den Tisch, der ist wirklich ein Arsch.“ Tisch 17 klang einfach gut und ein Betrieb mit so vielen Tischen ist ja auch schon ganz ordentlich (lacht).

Und was für ein Gast sind Sie? Nervensäge, Arsch oder Sonnenschein?

Ich bin die größte Nervensäge von allen und zum Leid meiner Frau und Kinder oft auch der größte Arsch (lacht). Wenn mich ein Kellner mit Standard-Sätzen abfertigt, bin ich genervt. Mich interessiert, was in den Menschen steckt – ich suche den „Überraschungs-Kontakt“. Wenn ich mich beim Einschlafen an die Person erinnere, egal ob positiv oder negativ, hat sie mich zumindest erreicht.

Sie sind geborener Oldenburger und dort aufgewachsen. Später gründeten Sie die Café-Bar-Celona-Kette. Was für Erinnerungen haben Sie an die Stadt und was ist ihr Erfolgsrezept?

Wir wohnten damals direkt neben der Hirsch-Apotheke, also mitten in der Stadt. Für mich war es eine spannende Kindheit. Sobald die Hausaufgaben erledigt waren, ging es für mich nach draußen. Entweder zu einem der vielen Flüsse oder zum Tierheim am Oldenburger Hafen, der mittlerweile ja mehr ein „Seniorenhafen“ ist. Wer sich in der Gastronomie selbstständig machen möchte, der muss das Einmaleins des Handwerks drauf haben: Am besten ist man über 30, jedoch nicht zu alt. Vor allem gilt es, die eigenen Schwächen zu kennen. Ein erfolgreicher Unternehmer fokussiert seine Schwächen und sucht Strategien und Lösungen dafür.

Sie sind verheiratet, haben fünf Kinder, einen Esel und einen Hund. Welche Rolle spielt der familiäre Rückhalt bei der Unternehmer-Karriere? Und was hat es mit diesem Esel auf sich?

Mit der Selbstständigkeit ist es wie mit dem Kinderkriegen. Wenn zwei Großeltern bei der Erziehung helfen, ist es natürlich angenehmer. Doch es geht auch ohne. Unerlässlich ist, dass der eigene Partner auch zu 100 Prozent hinter dem Projekt steht. Der Esel war ein Hochzeitsgeschenk von Freunden. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob sie damit meiner Frau ein Zeichen geben wollten, den Idioten nicht zu heiraten. Oder mir von meiner zweiten Hochzeit abraten wollten. Heute steht der Esel für mich symbolisch für ein langes Leben und Unterhaltung, denn diese Tiere werden bis zu 50 Jahre alt und haben eine sehr eigensinnige Persönlichkeit.

Würden Sie aus heutiger Sicht irgendetwas ändern?

Ich habe als armer Junge angefangen. Wir hatten keine Kohle, um unsere Idee umzusetzen. Uns blieb nur das Kneipensegment. Damals wurde in den Wirtshäusern vier mal so viel Bier getrunken wie heute. Daher gab es gutes Geld von den großen Brauereien. Heute zeigen die Zahlen, dass nicht viel schief gelaufen sein kann. Da wäre es schon komisch, wenn ich aus heutiger Sicht etwas anders machen wollen würde. Und wir haben noch mehrere Ideen und Konzepte in der Schublade. Geplant ist jedoch nichts konkretes. Doch in der Oldenburger Innenstadt wird es maßgebliche Veränderungen geben. Der Vermieter des Gebäudes der Café Bar Celona, die Bremer Landesbank, plant das Gebäude abzureißen. Frühestens 2019 müssen wir also in der Übergangszeit improvisieren. Danach soll das Café um eine Etage erweitert und mit einer riesigen Fensterfront neu erbaut zurückkehren.

„Die Band „Freaks Dynamite“ ist auf dem Weihnachtsmarkt entstanden“

Mikael Fischman ist Straßenmusiker.

Zugegeben, allzu lange ist Mikael Fischman noch nicht in Bremen unterwegs. Erst vor etwa einem Jahr hat sich der Franzose in die Hansestadt begeben. Präsent ist er in der Innenstadt dennoch. Denn der Straßenmusiker ist mehrmals in der Woche zwischen Sögestraße, Marktplatz und Obernstraße mit Gitarre und Mundharmonika und seiner klaren Stimme im Einsatz. Im Gespräch mit nordbuzz verrät der 27-Jährige mehr über sich.

Bonjour Mikael, wie kommt es, dass die Bremer in den Genuss Deiner Musik kommen dürfen?

Meine Freundin stammt aus Deutschland, genauer gesagt aus Saarbrücken. Zuletzt haben wir in Frankreich auf dem Land gelebt, aber zum Studieren wollte sie zurück, allerdings nicht nach Saarbrücken. Von Bremen haben wir viel Positives gehört, deswegen sind wir jetzt mit unserer dreijährigen Tochter hier. Eigentlich passt es ja auch gut zusammen: Ein neuer Straßenmusiker in der Heimat der Stadtmusikanten.

Und, wie gefällt es Dir in der Stadt? Haben Deine Bekannten Recht gehabt?

Absolut! Bremen ist eine richtig freundliche Stadt, überhaupt nicht aggressiv oder so. Ich fühle mich überall total sicher und selbst das Wetter ist gar nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte. Die Menschen gehen sehr respektvoll mit mir um und alles ist irgendwie, nun, legaler. Ein Beispiel: In einer Kneipe habe ich letztens ein herrenlosen Bier am Billardtisch stehen gesehen – und niemand hat es einfach weggenommen. Ich habe tatsächlich kurz überlegt… aber dann doch ein eigenes gekauft.

Spielst Du nur alleine auf der Straße, oder gibt es auch noch andere Projekte, an denen Du beteiligt bist?

Da gibt es eine ganz lustige Geschichte. Im vergangenen Dezember habe ich beim Weihnachtsmarkt ein paar andere Musiker kennengelernt. Ganz spontan haben wir gemeinsam ein bisschen improvisiert. Und daraus ist die Band „Freaks Dynamite“ entstanden. Wir spielen einen bunten Impro-Mix ganz unterschiedlicher Stilrichtungen. Und dann gibt es noch mein eigenes Ding mit dem Namen „the fisch projekt“, Songs findest Du bei soundcloud.com.

Spielst Du ausschließlich auf der Straße, oder sind auch „echte“ Konzerte geplant?

Am 23. September habe ich einen Gig in der Kunstbar im Viertel. Aber auch andere Auftritte, zum Beispiel im Litfass, sind geplant. Konkret ist da aber noch nichts. Dafür bin ich schon bei einigen Schrebergärten-Vereinen aufgetreten, auch eine lustige Erfahrung.

Wirst Du noch länger in Bremen bleiben oder zieht es Dich und Deine Familie demnächst an an einen anderen Ort?

Zwei Jahre, denke ich, werde ich auf jeden Fall noch hierbleiben. So lange dauert das Sprachen-Studium meiner Freundin noch. Was wir dann machen, müssen wir sehen. Vielleicht gehen wir nochmal in ein anderes Land, aber jetzt bleiben wir erst mal hier.

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