SelFair, Holtorf und ecocion

Unverpackt in der Region: Ein nachhaltiger Einkaufs-Trend?

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Selcuk Demirkapi auf der Baustelle von SelFair.

Seit einiger Zeit ist ständig von unverpackten Lebensmitteln die Rede, oft sogar von einem Trend. Wegen der Schädlichkeit von Plastik für Umwelt und Gesundheit, Lebensmittelabfällen im Wert von 21 Milliarden Euro jährlich, aber auch einem zunehmend bewussteren Lebensstil. nordbuzz hat bei drei Geschäften in Bremen und Oldenburg zum Thema nachgefragt.

Mit SelFair eröffnet im September ein Laden in einer ehemaligen Bank im Bremer Viertel, der sich voll und ganz dem bewussten Konsum verschrieben hat. „Sel“ steht dabei einerseits für Selcuk, dem Namen des Gründers, andererseits klingt es gesprochen wie das Sale, also Verkauf. Der 31-jährige Selcuk Demirkapi ist überwältigt vom Interesse, das dem Laden in der Lüneburger Straße 40 schon Wochen vor der Eröffnung entgegenschlägt. „Viele Leute reden über das Thema, jetzt geht es darum nicht nur in die Netzwerke zu schreiben, sondern Taten folgen zu lassen“, sagt der Gründer, der das Angebot dazu schafft.

Seit langem ist der Bremer selbst genervt von der Menge an Plastik, die beim Einkaufen anfällt und spielte nach seinem Studium in Wirtschaftspsychologie vor zwei Jahren mit dem Gedanken der Selbstständigkeit. „Ich wollte gerne ein Lebensmittelgeschäft eröffnen, aber ein besonderes.“ Frisch sollte das Sortiment sein und schmecken. Die Schlagworte Gesundheit, Nachhaltigkeit und Fairness macht er zu seiner Philosophie. Zu seiner Idee gehört es, die 100 gesündesten Lebensmittel zu verkaufen und über den Nutzen zu informieren.

Lebensmittelabfälle im Wert von 21 Milliarden Euro

Um noch gesünder zu werden wollte er auf Plastik verzichten. Das sei zwar allgegenwärtig, weil günstig, gut für die Haltbarkeit und durchsichtig, jedoch bei vielen Produkten völlig unnötig. „Ich habe dann von einem Geschäft in Berlin gelesen, bei dem die Leute ihre eigenen Behälter mitbringen und sich die gewünschten Mengen abfüllen lassen.“ Außerdem las er, dass in Deutschland jährlich Lebensmittel für über 21 Milliarden Euro weggeschmissen werden, auch weil aufgrund von Großpackungen mehr eingekauft, als benötigt wird. „Das hat mich erschreckt.“ Die Lösung: lose Artikel.

„Rund 300 unverpackte Lebensmittel wird es bei SelFair geben, auch eine Feinkosttheke mit Oliven, Käse, Salaten und Soßen.“ Selcuk Demirkapi möchte – soweit möglich – regionale und saisonale Produkte verkaufen, um Bauern aus der Umgebung zu unterstützen, denen die Kunden sowieso stärker vertrauen. Auch werden dadurch umweltschädliche Transporte vermieden. „Also keine Erdbeeren im Winter“, sagt er und lacht.

Holtorf – Unverpackt seit 1874

Marcus Wewer füllt bei Holtorf unverpackte Waren ab.

Auch der Kolonialwarenladen Holtorf im Viertel verkauft unverpackte Lebensmittel. „Im Gegensatz zum Trend bereits seit 1874“, wie Marcus Wewer schmunzelnd sagt, der das Geschäft am Ostertorsteinweg 6 seit drei Jahren führt. Er stellt fest, dass die Kunden diese Art einzukaufen noch nicht so gewöhnt sind. „Viele der Waren stecken in Schubladen, aber wenn sie einmal entdeckt wurden, sind Freude und Nachfrage groß.“ In Bremen hätte es etwas gedauert, aber das Interesse steige. Bei Holtorf kann man selbstgemischtes und ungesüßtes Müsli kaufen. Entweder die Hausmischung oder individuell zusammengestellt – auch mit verschiedensten Trockenfrüchten. „Die sind keine neue Erfindung, heißen bloß jetzt Superfood“, so Marcus Wewer. Ebenso zählen Kräuter, Gewürze, Steinpilze, Nougat, Marzipan, Hafergrütze zur Grünkohlzeit, Zucker, Salz, Pfeffer sowie Hülsenfrüchte zu den unverpackten Lebensmitteln.

Selbst Bio-Fleisch gibt es lose zu kaufen. „Im Supermarkt haben teilweise drei Scheiben Schinken mehr Verpackung als Eigengewicht, völlig unverständlich“, sagt der Kaufmann. Erstaunt stellt er zudem fest, dass die Kunden seit der Eindämmung von Gratis-Plastiktüten tatsächlich verstärkt mit eigenen Taschen in den Laden kommen. Generell scheint das Unverpackt-Konzept anzukommen. Ehemalige Bremer lassen sich die Waren von ihm nach Hannover oder noch weiter zuschicken. Generell stellt der Händler fest, dass heute mehr nach Rezept gekocht wird. „Dafür werden kleinere Mengen Gewürz benötigt und der Rest muss irgendwann weggeschmissen werden. Da ist der Supermarkt auf Dauer nicht günstiger als wir.“

In Oldenburg mischt man Mango, Mandeln und Gummibärchen

Unverpackte Lebensmittel bei ecocion in Oldenburg.

Für Olaf Emke vom Oldenburger Ökoladen ecocion geht es neben der direkten Vermeidung unnötiger Verpackungen vor allem um die Sensiblisierung seiner Kunden und deren Kinder. „Die wird durch das Erlebnis ‚unverpackt‘ einzukaufen geschärft.“ ecocion gibt es seit über zwölf Jahren und hat seinen Kunden bereits in der Vergangenheit einen symbolischen Rabatt auf den Einkauf ohne Tüten gegeben. In diesem Jahr hat ecocion neue Ladenräume am Ahlkenweg 1 bezogen und dies zum Anlass genommen den eigenen und Kundenwünsche nach „No Plastik“ mit einer Umfüllstation zu verwirklichen. „Bereits nach kurzer Zeit werden die Unverpackt-Regale gut angenommen. Die meisten nehmen erstmal bereitgelegte Papiertüten und kommen beim nächsten Besuch mit eigenen Gefäßen unterm Arm“, stellt Olaf Emke fest. „Jeder kann sich also sein eigenes Müsli oder seine eigene Knabbermischen zusammenstellen. Mango, Mandel gemischt mit ein paar Gummibärchen war da auch schon dabei.“

„Jeder soll es sich leisten können“

Bei SelFair gibt es neben den unverpackten Produkten zwei Kühlschränke für Getränke und Milch-Produkte sowie eine Ecke mit Wein, alles in Glasflaschen versteht sich. „Bis auf Fleisch und Tiefkühlprodukte habe ich alles, was man braucht“, sagt Selcuk Demirkapi. „Es soll kein langweiliger Ökoladen werden, sondern einer für alle. Es gibt keine Zielgruppe, außer Menschen mit Bewusstsein, ohne dabei ins Extreme zu gehen.“ Sein Konzept sieht der Kaufmann als in dieser Ganzheit neu an. „Die einfachsten Ideen sind die genialsten, aber die hat selten jemand, weil alle immer zu kompliziert denken.“

Selcuk Demirkapi ist Kurde, kam mit neun Jahren aus der Türkei und sagt „Ich bin Bremer, wollte hier nie raus und will hier alt werden. Ich könnte mir den Laden auch gut in Hamburg vorstellen, vielleicht sogar besser, aber Bremen ist meine Stadt.“ Sein Vater ist Koch und hat immer auf gesunde Ernährung geachtet, allerdings sei dies auch im Freundeskreis zunehmend zum Thema geworden. Er fand heraus, dass es Kunden früher nur um den Preis ging, was heute jedoch weniger ausschlaggebend ist. Das Konsum- und Einkaufsverhalten zielt nun eher auf gesunde, biologische, regionale, nachhaltige und der Umwelt und den Erzeugern gegenüber faire Produkte. Nicht zuletzt ist der Genuss ein wichtiger Faktor. Der Gründer ist selbst kein Freund teurer Produkte, muss sich jedoch nach dem Einkaufspreis richten. „Das ist ein gewisses Problem und geht mir auf den Keks. Jeder soll es sich leisten können, aber am Ende hat Qualität ihren Preis.“ Fair sein will er gegenüber dem Hersteller und dem Kunden. Auch für ihn muss das Vorhaben bei allem Idealismus auch wirtschaftlich sein, denn der Ökonom weiß: Ein Konzept ist nur gut, wenn es auf eigenen Beinen steht.

Im September soll SelFair eröffnen.

Nach zwei Jahren Planung, inklusive einem halbe Jahr Konzeptentwicklung, Darlehensförderung sowie langwieriger Standortsuche mit über 200 Besichtigungen, soll Mitte September endlich eröffnet werden. Im Viertel passte alles, auch der besondere Lebensstil. Allerdings ist SelFair nicht nur für das Viertel gedacht. Dennoch wagte er den Schritt, weil er sich sagte, wenn keiner etwas im Angebot ändert, ändern auch Kunden nichts. „Wenn es nicht funktioniert, dann tut es mir leid, dann ist die Gesellschaft noch nicht so weit.“

„Jedes Mosaiksteinchen zählt“

Für Supermärkte sieht Marcus Wewert von Holtorf die Handhabung im großen Stil noch zu kompliziert. „Aber bei Brot, Obst und Gemüse hat die Gewöhnung ja auch geklappt. Das Konzept geht nicht unter, im Gegenteil.“ Auch Olaf Emke sieht eine Zukunft des Trends: „Bei uns wird es sicherlich immer mehr Raum und Platz einnehmen, wir haben aber auch die Kundenstruktur dafür. Im großen Maßstab wird das allerdings dauern, der Mensch ist träge.“ Beide wünschen Selcuk Demirkapi und SelFair viel Erfolg. Olaf Emke sagt: „Jedes Mosaiksteinchen zählt.“

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