nordbuzz-Redakteurin Martens macht‘s

Selbstverteidigungskurs für Frauen im Check – Trainer: „So brecht ihr dem Kerl die Hand“

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Indem die Hand des Angreifers an den eigenen Kopf gedrückt wird, lässt der Schmerz nach.

Seit den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht hat das Thema Selbstverteidigung und Selbstschutz vor allem für viele Frauen eine größere Bedeutung bekommen. Was wäre, wenn es mich betrifft? Wie kann ich mich gegen Angriffe wehren? Mit der medialen Präsenz steigt auch das Angebot an passenden Kursen, Workshops und Waffen jeglicher Art. Doch hilft das wirklich? Wir haben es ausprobiert und einen Selbstverteidigungskurs für Frauen absolviert.

Was wäre, wenn es mich betrifft? – Das hat sich wohl fast jede Frau schon einmal gefragt. Seitdem sich die Berichte von Übergriffen auf öffentlichen Feten häufen und das Thema Selbstverteidigung (SV) medial mehr und mehr aufgegriffen wird, verspüren viele das Bedürfnis, in Sachen Selbstschutz aufzurüsten. Auch die Industrie legt sich bei dem Thema ordentlich ins Zeug. So kann Pfefferspray mittlerweile bei der Drogerie nebenan eingekauft werden, und im Netz ist sogar ein SV-Regenschirm erhältlich. Wer sich mit Händen und Füßen wehren möchte, für den ist auch das Kursangebot prall gefüllt: Ob Selbstbehauptung, Street Combat, Wing Chun, Taekwondo oder Karate – die Auswahl kann sich sehen lassen.

Auch ich muss feststellen, dass mein Blick bei öffentlichen Veranstaltungen und vor allem, wenn ich mich in großen Menschenmengen befinde, eindeutig wachsamer geworden ist. Besonders, wenn Alkohol mit im Spiel ist. Sich von Veranstaltungen fern zu halten, ist meiner Meinung nach nicht der richtige Weg, aber ein geschärfter Blick kann nicht schaden. Aber wie verhalte ich mich, wenn mich jemand körperlich angreift? Wie befreie ich mich aus einem Würgegriff? Und was nützt mir in so einer Lage ein Pfefferspray? Ich mache mich auf die Suche nach Antworten und melde mich für einen Selbstverteidigungskurs der Volkshochschule Oldenburg speziell für Frauen an. Meine Erwartung: Eine gewisse Technik erlernen, um sich in einer Notsituation schnell und effektiv verteidigen zu können. Blaue Flecken und eine Portion Selbstbeherrschung inklusive. 

„Schon ein selbstbewusster Auftritt kann abschrecken“

Ingo Grahlmann und Nicole Lubrich lehren realistische Selbstverteidigung.

Für drei Stunden werde ich nun zusammen mit fünf weiteren Teilnehmerinnen von einem Dozenten-Team gecoacht. Nicole Lubrich und Ingo Grahlmann, zwei ausgebildete Sozialpädagogen, zeigen uns die richtige Technik, erklären SV-Waffen und die gesetzlichen Grundlagen. Wir starten mit einer kurzen Gesprächsrunde zum Kennenlernen und Austausch von Vorwissen und Erlebnissen. Dann geht es zur ersten Übung: eine Selbstbewusste Körperhaltung. „Gerade bei Frauen kann die richtige Haltung einen vermeintlichen Täter bereits verjagen“, erklärt uns Ingo „Die Füße schulterbreit nebeneinander, locker in den Knien und die Schultern zurück. Wenn ihr so auftretet, sucht sich der Täter lieber das nächste graue Mäuschen.“

Kopfsache: An den Haaren herbeigezogen

Ein Angriff von hinten kann durch eine Drehung abgewehrt werden.

Nun geht es an unser liebstes: unsere Haare. Viele Angreifer, gerade die mit Problemen hinsichtlich der Akzeptanz des weiblichen Geschlechts, packen ihre Opfer am Kopf – und zwar an den Haaren. Das ist ganz schön schmerzhaft, aber nicht ausweglos. Nicole führt uns vor, wie wir uns gegen den Schmerz wehren und aus dem üblen Griff befreien: Indem wir die Angreifer-Hand in Richtung unseres Kopfs drücken, verhindern wir das Ziehen und damit den Schmerz. Im zweiten Schritt verlagern wir unser komplettes Gewicht nach vorn, drücken mit beiden Händen gegen das Handgelenk das Angreifers und zwingen ihn mit dieser Bewegung zu Boden. „Wenn ihr diese Technik beherrscht, brecht ihr dem Kerl die Hand“, sagt Ingo. Gut zu wissen, denke ich, sich selbst zu befreien klappt schon mal. Check!

Pfefferspray, Kubotan & Schreckschusspistole

Viele Frauen fühlen sich mit einem Pfefferspray gut geschützt.

Grundsätzlich sträube ich mich gegen Waffen jeglicher Art. Kein Paintball, keine Ballerspiele am PC und auch kein Pfefferspray in der Handtasche. Trotzdem machen mich Ingos Auswahl und die Erklärungen neugierig. Neben einem Baseballschläger, Holzstäben und diversen elektrischen Helferchen legt er auch eine Waffe auf den Boden – natürlich entladen und gesichert. Zusammen mit Nicole erklärt der Dozent Vor- und Nachteile der Stücke.

„Wir haben immer einen Kubaton dabei“, erzählt Ingo. Der spiralförmige Aluminiumstab dient als Kraftverstärker für Faustschläge und wird am Schlüsselbund befestigt. Bereits für weniger als fünf Euro ist diese SV-Waffe zu haben. Neben mir ein zufriedenes Nicken – für meine Sitznachbarin wohl eine gute Option. Daneben liegt der Klassiker: Pfefferspray. Zeitweise waren die kleinen Dosen bereits ausverkauft. Das Ding scheint beliebt zu sein. Doch was taugt es? „In der Handtasche nützt das gar nichts“, erklärt Ingo, „Wer sich sowas zulegt, muss es auf dem Weg zum Auto in der Hand halten. Nur so kann es schnell genug zum Einsatz kommen. Und tut mir einen Gefallen und probiert es vorher einmal im Garten aus, damit ihr euch nicht aus Versehen selbst ansprüht.“

Atemnot im Würgegriff

Nein, ich bleibe dabei: Keine Waffen für mich. Dafür möchte ich mehr Technik. Nach einer Traumreise im Schwitzkasten, mit der die eigene Beruhigung geübt wird, folgt meine persönliche Nummer eins in Sachen Angst: der Würgegriff. Wird dabei der Kehlkopf hineingedrückt oder die Halsschlagader abgeklemmt, verläuft dieser Angriff tödlich. Im Raum macht sich eine gewisse Anspannung breit – mit meiner Würge-Angst bin ich wohl nicht alleine. Doch dass Frauen sich diesem Griff mit einem verhältnismäßig leichte Trick entziehen können, hätte ich nicht gedacht. Mit zwei Fingern drücke ich auf den sensiblen Schmerzpunkt über Ingos Schlüsselbein während er mich leicht würgt. Sofort weicht dieser zurück – unglaublich, wie die Kombination aus Wissen und Technik Ängste nahezu in Luft auflösen kann. Ich bin wirklich beeindruckt und beschließe in diesem Moment, den Kurs für Fortgeschrittene in jedem Fall zu buchen. Eine weitere Möglichkeit, sich aus diesem Griff zu befreien: Mit beiden Händen kräftig auf die Ohren des Gegners schlagen, wobei die Handflächen einen kleinen Hohlraum zwischen den eigenen Fingern und dem Kopf bilden sollten. Dies kann beim Angreifer zum Platzen des Trommelfells führen. 

Fazit

Dass mich dieser Kurs derartig flasht – damit hätte ich nicht gerechnet. Es mag sehr euphorisch klingen, ist aber Fakt: Mit dem Mix aus Informationsvermittlung, der Lehre von körperlichen Techniken und einem stetigen „Dozentenauge" auf die individuellen Reaktion und Ängste haben mich Ingo und Nicole mit ihrem Konzept überzeugt. Ich fühle mich gestärkt und nehme mir fest vor, die Techniken zuhause zu üben, um die Bewegungen zu automatisieren. 

Bemerkenswert: Nicole und Ingo bestehen darauf, die Kurse zu zweit auszurichten. Nicht nur, um beide Geschlechter abzudecken, sondern auch, um bei maximal 15 Teilnehmerinnen persönliche Betreuung bei emotionalen Ausbrüchen sicherzustellen. Somit ist der Kurs auch für Frauen geeignet, die durch eigene Erlebnisse bereits traumatisiert sind.

Der Selbstverteidigungskurs von Ingo Grahlmann und Nicole Lubrich wird von der Volkshochschule Oldenburg angeboten.

Hier findet ihr weitere Informationen zu Terminen, Preisen und Anmeldung.

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