Warum jetzt rauchen?

Ohne Grund zum Nichtraucher: Der Selbstversuch - Teil 2

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Schluss mit Rauchen, ein für alle Mal.

29. Juni 2016. Eigentlich ein ganz normaler Mittwochnachmittag. Für alle anderen. Für mich ist es ein Tag, an dem durch Handauflegen eine lange Abhängigkeit endet. Mehr als 18 Jahre hing ich an der Kippe. Eine Zigarettenschachtel jederzeit in der Tasche, regelmäßig eine Fluppe in den Fingern. Knappe zwei rauchfreie Wochen später merke ich, welchen Einfluss dieses kleine, circa ein Gramm schwere Mordwerkzeug auf mich und meinen Alltag gehabt hat.

Im Auto: rauchen. In der Pause: rauchen. Beim Biertrinken: rauchen. Beim Bootfahren: rauchen. In der Werkstatt: rauchen. Eine blöde Idee, aber trotzdem viel zu oft gemacht: Beim Fahrradfahren rauchen. Die Zigarette war Belohnung für erledigte Arbeit, doch eigentlich erledigte ich mich damit. Ganz langsam.

Plötzlich atme ich wieder tief und lang ein ohne ein leichtes Ziehen in der Brustgegend zu spüren. Ich setze mich freiwillig aufs Rennrad, um eine längere Fahrrad-Tour zu machen. Nehme – ok, nicht immer – die Treppen, anstatt den Aufzug. Und das nur, weil mir eine Dame für circa zweieinhalb Minuten ihre Hand aufgelegt hat? Die angeblich älteste Behandlungsmethode der Menschheit soll durch den wärmenden Effekt Nähe und Beruhigung vermitteln. Natürlich nur, wenn man auch dran glaubt. Angeblich wurden der Heilpraktikerin ihre Kräfte durch ihren Vater vererbt … und sie gibt diese nun an ihre Tochter und ihren Sohn weiter. Gesicherte Unternehmensnachfolge würde dies ein BWLer nennen.

Ex-Raucher brauchen etwas zum Festhalten

Wir Raucher brauchen nämlich etwas, woran wir uns festhalten können, wenn wir keine Zigaretten mehr haben. Brauchen etwas, an das wir glauben können. Klar, bei einigen ist es die Gesundheit, bei einigen vielleicht sogar das Geld, welches zum Aufhören bewegt. Apropos Geld: Ich war 18 Jahre lang Raucher, mit durchschnittlich einer Schachtel alle zwei Tage. Mindestens. Grob gerechnet gab ich in dieser Zeit fast 17.000 Euro für Tabak aus. Eine Porsche 911 aus den Achtzigern wäre die deutlich bessere Investition gewesen...

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Die Naturheilpraxis lieferte mir neben der Wärme der Hände auch etwas ganz Wichtiges: Keinen Grund. Hätte mir vor einigen Monaten jemand von dem bisher skizzierten Weg erzählt, hätte ich ihm nicht geglaubt. Ich, einfach so aufhören mit dem Rauchen? Ja, demnächst gerne einmal bestimmt wahrscheinlich. NEIN! Zu wichtig war der Griff in die Schachtel, der Drang nach Belohnung. Inzwischen sehe ich die Sache anders: Es gibt einfach keinen Grund zu rauchen. Auch zwei Wochen später erwische ich mich im Alltag regelmäßig bei dem Gedankenspiel: Jetzt hast Du sonst immer eine geraucht. Dies dauert dann ungefähr eineinhalb schwache Sekunden, dann frage ich mich selber: Warum jetzt rauchen? Tut das Not? Die Antwort ist: Nein.

Der Kopf sagt oft genug: Jetzt rauchen

Bitte nicht falsch verstehen, das Handauflegen hat nicht dafür gesorgt, das ich nicht mehr Rauchen möchte. Mein Kopf sagt mir noch oft genug, jetzt müsstest Du eine rauchen. Es half mir aber deutlich, von den sonstigen Entzugserscheinungen wie Reizbarkeit, Gewichtszunahme oder depressiven Stimmungsschwankungen verschont zu bleiben. Während der ersten zwei Tage erreichen die Symptome im menschlichen Körper übrigens ihren Höhepunkt und dauern dann noch mehrere Wochen an. Außerdem wurde mir deutlich bewusst: Ich will gar nicht mehr rauchen.

Ich höre auch weiter auf. Die leichte Versuchung nach der Zigarette wird mich wohl mein Leben lang begleiten. Doch ich sehe einfach keinen Grund mehr - wer einen triftigen haben sollte, schreibt gern einen Leserbrief. Wenn ich trotzdem wieder einmal anfangen sollte, wäre ich übrigens richtig sauer auf mich. Aber ich glaube, dass ich diesen Fehler nicht ein zweites Mal begehe. Selten 50 Euro so gut angelegt.

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Von Tjark Worthmann

Hier geht es zu Teil 1:

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