Ein Leben auf Sparflamme

Selbstversuch: Eine Woche essen für 'nen Euro am Tag

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Wer wenig Geld hat, muss sich etwas einfallen lassen. Aber ein Euro pro Tag ist eine echte Herausforderung.

Lebensmittel sind in Deutschland unglaublich günstig. Billiger als in jeder anderen Industrienation. Zu diesem Ergebnis ist das Marktforschungsinstitut IRI bei einem Vergleich von 14 europäischen Ländern und den USA gekommen. Da sollte es doch ohne Probleme möglich sein, sich eine Woche lang von Essen für nur einen Euro pro Tag zu ernähren. Oder etwa nicht? Hilft alles nichts: Ein Selbstversuch muss her.

Sieben Tage, sieben Euro – ein ambitioniertes Unterfangen, aber ich bin guter Dinge, die Woche durchzuziehen. Schließlich wimmelt es in der Stadt nur so von Discountern, die mir ihre Lebensmittel geradezu hinterherschmeißen. Ist normalerweise überhaupt nicht meine Welt, aber wir werden uns sicherlich arrangieren. Und damit ich mich nicht selbst bescheiße, stelle ich harte Regeln auf: kein Schnorren, kein Containern, kein Anschreiben, keine Almosen.

Tag 1: Voller Elan in den Discounter

Jedes Frühstück sieht gleich viel appetitlicher aus, wenn das Toastbrot diagonal durchgeschnitten wird.

Es ist Samstagvormittag, außer einem halben Liter Leitungswasser habe ich noch nichts gefrühstückt. Wie auch, ist ja noch nichts da. Also ab in den ersten Lebensmittel-Discounter. Das erste Mal ins Grübeln gerate ich vorm Brot-Regal. Kostet zwar alles nicht viel, sprengt aber doch meinen eng gesteckten Rahmen. Bleibt also nur der Griff zum Buttertoast. 20 Scheiben für 55 Cent, damit sollte ich doch durch die Woche kommen. Sind ja fast drei pro Tag. Dazu gibt es Margarine und eine Tomate. Mittags werde ich zunächst wohl ein wenig fasten, dafür gibt es am Abend Reis mit einer Soße aus passierten Tomaten, Salz und ein bisschen angebratener Zwiebel, die ich dann doch auf dem Markt kaufen muss. Denn: Kleine Mengen sind beim Discounter nicht vorgesehen. Zuhause alles schnell in den Kühlschrank. Nicht, dass mir mein wenig Hab und Gut auch noch verschimmelt.
Ausgaben: 2,73 Euro.

Tag 2: Obst, ich brauche mehr Obst

Frische Äpfel von der Streuobstwiese. Schmecken köstlich, sollten aber besser draußen gelagert werden. Außer, man wünscht sich noch mehr Fruchtfliegen in der Küche.

Ein bisschen fade ist so ein Frühstück ohne Kaffee ja schon. Zumal meine Buttertoast-Tomaten-Kreation auch nicht wirklich befriedigend ist. Immerhin habe ich noch eine kleine Portion Reis vom letzten Abend übrig. 200 Gramm sind vielleicht doch ein wenig viel, andererseits ist mit dem Rest auch mein Mittags-Snack in der Redaktion für die kommenden Tage gerettet. Ade, geliebter Bäcker… Was aber noch viel schlimmer ist: Ich brauche dringend was Frisches, am besten Obst. Aber weil Sonntag ist, kann ich nichts kaufen, außerdem habe ich mein Budget an Tag eins ja deutlich überschritten. Aber schnell kommt mit die rettende Idee: Die Streuobstwiese der Kinderwildnis beim Café Sand. Und tatsächlich: Dort gibt es reichlich Äpfel zum Mitnehmen. Und um mein Glück perfekt zu machen, finde ich auch noch ein paar überreife Brombeeren. Da schmeckt die Reispampe am Abend doch gleich ein bisschen besser.
Ausgaben: -

Tag 3: Die Feuertaufe im Büro

Die Orangenlimonade und mein Verlangen nach Zucker ergänzen sich optimal. Und ja mehr Eiswürfel drin sind, desto besser schmeckt es.

Die ersten beide Tage habe ich ganz ordentlich über die Bühne gebracht. Aber langsam übernimmt der Hunger die Kontrolle. Da kommt der Arbeitsalltag als Ablenkung gerade recht. Brav schleppe ich roten Reis und Fallobst in die Redaktion. Jetzt ein belegtes Brötchen. Oder wenigstens etwas anderes zum Trinken als Wasser. Aber das ist nicht drin. Und die Kollegen, die sich scheinbar besonders genüsslich Ihr Mittagessen reinpfeifen, machen es auch nicht gerade besser. Dafür gönne ich mir am Abend richtig was: eine weitere Tomate, einen Bund Radieschen und eine Flasche Orangenlimo. Letztere schmeckt zwar nur durchschnittlich, war aber billig, ist mit Eiswürfeln zu ertragen und befriedigt mein Bedürfnis nach Zucker. Ein Glas pro Tag, reicht bis zum Ende der Woche.
Ausgaben: 0,98 Euro.

Tag 4: Ab geht die Lucie!

Urban Gardening auf dem Lucie-Flechtmann-Platz: Ich plädiere ganz klar für mehr Kräuter im öffentlichen Raum.

Langsam hängt mir der labberige Toast zum Hals raus, und auch das lausige Butter-Imitat kann ich kaum noch riechen. Dazu habe ich permanent so ein zittriges Gefühl. Und das nach gerade mal der Hälfte der Zeit. Was mir fehlt? So ziemlich alles! Kaffee, Zigaretten und Essen, das nichts mit Toast oder Reis zu tun hat. „Fahr doch mal bei Lucie vorbei“, rät die Kollegin fürsorglich. Keine schlechte Idee, dafür sind Urban-Gardening-Projekte ja schließlich da. Leider haben die Beete auf der Betonbrache des Lucie-Flechtmann-Platzes in der Bremer Neustadt nicht mehr viel zu bieten. Immerhin kann ich ein wenig Schnittlauch, Basilikum und Minze abgreifen. Besser als nichts. Und wenn ich schon mal unterwegs bin, kann ich auch gleich noch ein paar Äpfel auf der Streuobstwiese einsammeln. Die gammeln übrigens recht schnell – wenigstens den Fruchtfliegen in meiner Küche geht es gut.
Ausgaben: -

Tag 5: Endlich, ein Festmal

Nudelauflauf, das Essen der Könige! Schmeckt zwar ohne Käse nicht wie das Original, und das Verhältnis von Nudeln zu Flüssigkeit ist auch eher suboptimal, aber mehr war einfach nicht drin. 

Drei Tage noch, dann ist es geschafft. Der Hauptteil meiner Gedanken dreht sich mittlerweile wirklich nur noch um Essen, besser gesagt: ums Festessen. Ich habe das Gefühl, von Tag zu Tag fahriger zu werden. Zum Glück gibt es mein Budget her, dass heute richtig geschlemmt werden kann. Schon der Gang in einen echten Supermarkt versetzt mich in Hochstimmung. Zwar finde ich es trotz meines mittelmäßigen Gesamtzustands weiterhin höchst bedenklich, dass Wurst, Käse, Milch und Co. quasi verschenkt werden, aber für moralische Grundsatzdiskussionen über den angemessenen Wert von Lebensmitteln habe ich gerade keinen Sinn. Heute gibt es Nudelauflauf, die Speise der Könige. Dafür kaufe ich 60 Gramm Fleischwurst (58 Cent), etwa 400 Milliliter fettarme Kondensmilch (35 Cent), eine Tüte Geschmacksverstärker (25 Cent), ein halbes Kilo Nudeln (49 Cent) und als Krönung tiefgefrorendes Buttergemüse (49 Cent). Noch 'ne Zwiebel und passierte Tomaten für den restlichen Reis sowie einen unschlagbar günstigen Schoko-Pudding. Auf Käse zum Überbacken muss ich zwar verzichten, aber hey: Es sieht aus wie Auflauf und reicht dicke für zwei Tage. Auch, wenn mir die Milch-Fertigpulver-Brühe leider übergekocht ist.
Ausgaben: 2,67 Euro.

Tag 6: Das Ende ist nah – im doppelten Sinn

Die Kaffeemaschine im Hintergrund ist leider nur Verzierung. Dennoch ein recht ordentliches Frühstück.

Wenn die Marktbeschicker Feierabend machen, gibt es doch günstig Obst und Gemüse, wissen die neunmalklugen Kollegen. Als wenn ich auf die Idee nicht auch schon gekommen wäre. War aber nichts zu wollen. Meine geschmacksverstärkten Nudeln müssen also einen weiteren Tag herhalten. Halb im Hungerdelirium, suche ich im Internet nach Foodsharing-Möglichkeiten. Gibt tatsächlich auch in Bremen welche, aber die Aussicht auf eine angebrochene Flasche Essig oder einen Kasten abgelaufenes Bier hauen mich nicht wirklich vom Hocker. Dann eben nicht. Ist Euch eigentlich schon mal aufgefallen, wie viele köstliche Gastro-Angebote die Stadt so zu bieten hat? Wahnsinn, diese Auswahl! Wenn doch erst Wochenende wäre, dann fresse ich mich zwei Tage lang voll. Darauf ein Glas Wasser mit frischer Minze.
Ausgaben: -

Tag 7: Geschafft

Mmhhh, endlich mal wieder Reis... Aber immerhin Geld für eine Sportwette gespart.

Gerne würde ich schreiben, dass ich mich toll fühle. Toll, weil ich durchgehalten habe. Toll, weil der letzte Tag anbricht. Aber das würde nicht stimmen. Richtig ist dagegen: Ich habe einfach keinen Bock mehr, es reicht, ehrlich. Ich will wieder das essen, worauf ich Hunger habe. Und zwar dann, wann ich will. So, wie wir verwöhnten Industrienationen-Fratzen das eben gewohnt sind. Schlecht gelaunt schleppe ich mich durch den Arbeitstag. Nicht mal ein Mittagessen ist drin, und am Abend wartet, welche Überraschung, mal wieder Reis. Drei Kilo müsste ich mindestens abgenommen haben. Natürlich könnte ich mit den verbliebenen 62 Cent noch richtig einen draufmachen. Oder ich mache das einzig Sinnvolle damit: Sportwetten. Augsburg führt zur Halbzeit, Werder gewinnt das Spiel. Hört sich vernünftig an, besonders bei einer Quote von 26:1. Ein guter Zeitvertreib, nur noch wenige Stunden bleiben, bis endlich der Samstag anfängt. Jetzt fühle ich mich doch ein wenig gut. Fast geschafft.
Ausgaben: 0,62 Euro

Fazit: Muss ich echt nicht nochmal haben

Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein solches Experiment in einem anderen westlichem Land funktionieren würde. Denn mit meinem für Preise geschärften Blick ist mir erst richtig klar geworden, wie absurd günstig Lebensmittel in Deutschland sind. Eine ganze Menge kann da eigentlich nicht richtig sein. Ein Euro am Tag ist dennoch ein echt schmales Budget. Fast noch schlimmer als der latente Hunger ist der Mangel an Auswahl. Und was ich im Winter, ohne frische Äpfel von der Wiese, gemacht hätte, will ich mir gar nicht ausmalen. Das ganze Theater muss ich jedenfalls nicht nochmal haben. Übrigens: Die 62 verwetteten Cent hätte ich besser doch in Essen angelegt, schon zur Halbzeit war die Wette verloren. Sportwetten sind vielleicht doch nicht die beste Lösung bei Hunger.

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