Rauchen, ich? Warum denn?

Schluss mit Rauchen dank Handauflegen: Ein Selbstversuch

+

Terrakottafarbene Wände, Gala und Neue Post im Zeitungsständer gegenüber, Bonbons mit Zitronengeschmack auf dem Tisch. Ich hatte es mir anders vorgestellt. Diesen Moment, in dem ich aufhöre zu rauchen.

Irgendwie denkwürdiger: Morgens um halb neun Uhr aus dem Heartbreak Hotel stolpern und feierlich die letzte Zigarette anzünden. Irgendwie cooler: Mit dem Pferd/Auto und einer glimmenden Zigarette in den Sonnenuntergang reiten/fahren. Irgendwann später: Ich, aufhören? Ja, demnächst gerne einmal bestimmt wahrscheinlich.

Laut der Deutschen Krebsgesellschaft sterben hierzulande pro Jahr 121 000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Das sind verdammt viele Menschen, denke ich mir in den letzten Wochen, Monaten, Jahren. Irgendwann muss ich doch mal aufhören, oder? Nun sitze ich mit drei Freunden in einer Heilpraktiker-Praxis in Westerstede hinter Oldenburg zum Handauflegen...

via GIPHY

Wenige Momente vorher durften wir jeder eine formlose Quittung über unsere gerade in bar eingezahlten 50 Euro entgegennehmen. Schief und schlecht kopiert, klärt sie nicht genau über die anstehende Behandlung auf. „Für unsere Leistung“ steht auf dem kleinen Zettel, der gleich eine große Bedeutung in meinem Leben bekommen könnte. Ist das der Anfang vom Ende oder das Ende vom Anfang?

Wenige Minuten vorher genießen wir vor der Tür noch die letzte Zigarette.

via GIPHY

Jeder von uns hat auf die ein und andere Weise schon einmal versucht aufzuhören - bisher ohne Erfolg. „Ist eigentlich kein Problem, man muss es nur wollen“, höre ich einen meiner Freunde sagen. Natürlich, eigentlich ist Nikotin ja auch kein Nervengift, welches innerhalb weniger Sekunden nach dem Einatmen das Gehirn erreicht. Dort angekommen, regt es auch nicht die Dopamin-Produktion an, die dem Organismus ein unmittelbares Wohlgefühl gibt. Gleichzeitig steigt auch im sogenannten „Belohnungszentrum“ des Gehirns keine, von täglich zwanzig kleinen Partys. 

via GIPHY

Eigentlich ist aufhören sehr schwierig, denn Rauchen ist eigentlich eine Sucht.

Ein großer Aschenbecher vor der Praxis zeugt von der Nikotinabhängigkeit unserer Vorgänger. Die schnell unter uns diskutierte Geschäftsidee, alle hier aufgegebenen halbvollen Zigarettenschachteln und Tabakbeutel mit Gewinn weiterzuverkaufen, verwerfen wir. Schließlich sind wir zum Aufhören hier, oder?

Im Wartezimmer treffen wir auf Philipp, der unser Gespräch über unsere bevorstehende Behandlung mitbekommt. Seine Frage: „Seid ihr hier, weil ihr aufhören wollt zu rauchen?“, lässt vermuten, dass wir einen Leidensgenossen haben. Seine Aussage: „Ich habe bis vor einigen Monaten eine Big Box am Tag geraucht, bis ich hierhergekommen bin!“, erstaunt uns. „Ich hatte einfach irgendwann keine Lust mehr, dass Zigaretten meinen kompletten Tagesablauf diktieren“, erklärt er. Einmal Handauflegen und der 30-Jährige konnte ohne Probleme mit dem Qualmen aufhören. Heute ist er hier, um sich wegen Hautproblemen heilpraktisch behandeln zu lassen. Sehr froh sei er über den damals getätigten Schritt. „Klar, spart es auch echt Geld, doch ich fühle mich jetzt einfach viel freier ohne Kippen“, ruft er uns noch aufmunternd auf den Weg ins Praxiszimmer zu.

Ein kurzes Vorgespräch mit der lächelnden Therapeutin klärt uns über mögliche Nebenwirkungen auf. Ein trockener Mund und veränderte Geschmacksmuster können auftreten, sagt sie mit harmonischer Stimme. Sie weiß bestimmt, dass eine Zigarette bis zu 13 Milligramm Nikotin enthält und Raucher davon zwischen ein und zwei Milligramm pro Zigarette inhalieren. Auf das Ausbleiben dieses Nervengiftes muss sich der Körper sich dann natürlich erstmal einstellen. Bei einem täglichen Konsum von 20 Zigaretten nimmt er zwischen 20 und 40 Milligramm Nikotin auf. Die für einen erwachsenen Menschen tödliche Dosis liegt übrigens bei 50 Milligramm (auf einmal konsumiert). Nikotin ist damit giftiger ist als Arsen oder Zyankali. Das erzählt uns die Therapeutin aber nicht. Das erzählt mir später Google.

„Man muss den Willen aufzuhören, unbedingt mitbringen“, sagt die Therapeutin zu uns. Ich melde mich freiwillig als Erster. Ich will wissen, was an diesem Handauflegen dran ist. Ich lasse mich darauf ein. Ich will jetzt aufhören mit dem Rauchen.

Kurze Zeit später steht die freundliche Dame mit schwerem Atem hinter mir und massiert mir etwa zwei Minuten lang mit abwechselnd kräftigem und leichtem Druck Stirn, Nacken und Arme. „Wie fühlen Sie sich? Haben Sie das Bedürfnis zu rauchen?“, lautet ihre anschließende Frage. Da, wo vorher in meinem Organismus der Druckpunkt für Zigaretten und Nikotin lag, ist innerhalb weniger Augenblicke ein undefinierbares Etwas entstanden. Eine große Mauer. Ein neues Gefühl, für das ich im Moment gerade noch keine Worte finde. Ich zögere mit der Antwort, denn ich kenne sie (Nein!) aber ich verstehe sie nicht. Ich merke gerade, dass ich überhaupt nicht mehr Rauchen will. Komisch.

Hier geht es zum zweiten Teil des Selbstversuchs.

via GIPHY

Von Tjark Worthmann

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren