„In der Hölle der Hansestadt“

Scharf essen in Bremen – ein Selbstversuch

+
Curry-Wurst maximal scharf

Am Tisch im Restaurant. Ich warte auf meine Bestellung und frage mich: Ist das der letzte Freitag meines Lebens? Oder nur der Beginn eines sehr unglücklichen Wochenendes? Es gibt ja Leute, die können scharf essen. Ich gehöre nicht dazu. Trotzdem wagte ich den Selbstversuch. Fünf Tage, fünf Mittagspausen, fünfmal so richtig scharf essen. Wo geht’s in Bremen?

Es gibt Restaurants wie den Scharfrichter, die machen schon mit ihrem Namen eines deutlich: Kamillentee-Trinker wie ich sollten hier lieber die Finger von lassen. Die Currywurst-Experten dürfen in meiner Liste also nicht fehlen. Der Rest der Auswahl basiert auf Klischees: Die Mexikaner essen doch immer scharf, sagt man. Das teste ich. Inder sind ebenfalls bekannt dafür sowie auch die thailändische Küche. Vollendet wird die Woche mit einem ordentlich scharfen Rollo. Klar. Ob ich am Ende dann auch von meinem anschließenden Wochenende berichte, will ich jetzt vorab lieber noch nicht versprechen.

Mexikanisch: „Volle Pulle, geht klar“ - Im Mexcal an der Martinistraße

„Du begibst dich gleich in die Welt des Schmerzes“, zitiert meine Begleitung einen Film, den ich auch sehr mag. Ich lächle verkrampft. Bin angespannt. Gerade hatte der Kellner im Mexcal meine Bestellung - „das Schärfste von der Karte und das so scharf wie geht“ - mit einem trockenen „volle Pulle, geht klar“, quittiert. Seine Gelassenheit macht mich nervös. Die wissen hier offenbar, was sie tun. 

Ich warte schwitzend auf meine Spezial-Fajita zu 7,50 Euro. Im Grunde habe ich mich bestens vorbereitet, habe bei YouTube diversen stämmigen Männern beim hastigen Genuss von Habanero-Chilis zugesehen. Es flossen Tränen – auf beiden Seiten. Ich bin aufgeregt. Spiele mit dem Gedanken, meinen Mund vorsichtshalber mit Kerzenwachs auszukleiden – wie einst Homer Simpson, nachdem er an den „Pfefferschoten von Quetzlzacatenango“, angebaut von „Insassen einer guatemaltekischen Irrenanstalt“, scheiterte.

via GIPHY

Das Essen kommt, ich bin enttäuscht. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Es schmeckt hervorragend. Nur so richtig scharf ist es nicht. Sicher: So ein Gericht muss ja auch noch nach etwas schmecken. Wer es aber wirklich brutal scharf mag, kommt hier ohne Zugabe der auf dem Tisch bereitstehenden Chili-Sauce nicht auf seine Kosten.

Thailändisch: „Stört es Dich, wenn ich beim Essen weine?“ - Im Jackie Su in der Langenstraße

Pad Thai im Jackie Su

„Wir können alles scharf machen“, teilt mir die Chefin mit und empfiehlt Reisnudeln mit Huhn, Shrimps, Erdnüssen und Kräutern. Sie ruft in die offene Küche: „Pad Thai, drei Chilis“. Ein Glück, denke ich, dass ich allein am Tisch sitze, da spricht mich eine reizende Frau an, ob sie sich dazu setzen könne, obwohl es tatsächlich noch eine Reihe freier Tische gegeben hätte. Versteh' schon. Ich reagiere gelassen: „Stört es Dich, wenn ich beim Essen weine?“ Wir einigen uns, sie setzt sich. Meine Bestellung kommt, ich bin begeistert. Wie schon beim Mexikaner schmeckt es vorzüglich, und diesmal auch mit einer tüchtigen Schärfe. Zwar halte ich es noch gut aus, auf Dauer fühlt es sich aber doch an, als hätte man meine Zunge eine Weile über den Asphalt gezogen. Die Frau an meinem Tisch grinst. Ich schwitze. Wir werden uns nie wieder sehen – im Gegensatz zum Pad Thai. Das lohnt sich für 10,40 Euro allemal öfters. Sehr lecker – und muss ja auch nicht immer scharf sein.

Indisch: Erbarmen für den deutschen Geschmack – Im Taj Mahal an der Osterholzer Heerstraße

Indisch ist ja nicht gleich indisch. Heißt: Im Norden des Landes wird nicht so scharf gekocht wie im Süden. Ich bitte derweil um das Schärfste, bekomme ein herrliches Chicken in Vindaloo-Sauce, das offenbar die bemerkenswerte Eigenschaft hat, die Raumtemperatur speziell nur für mich anzuheben. Kann ich erklären, hab mich ja vorher informiert: Capsaicin, ein Stoff aus der Chili-Schote wirkt auf die Wärmerezeptoren. 

Anders gesagt: Schärfe ist kein Geschmack, sondern ein Schmerzempfinden. Richtig weh tut es aber nicht. Ich frage mich langsam, ob ich doch schärfer essen kann als gedacht. Gut, denke ich, und genieße. Das Chicken Vindaloo schmeckt wunderbar und kostet 12,50 Euro. Geht.


Rollo beim Shootingstar – Im Tandour am Sielwall

„Ach hier wurde das Rollo erfunden?“ - ich gebe mich beeindruckt. Gut, ich komme ursprünglich aus Hamburg und hab' keine Ahnung, was ein Rollo ist, aber in der Nachbarschaft, in der ich groß geworden bin, ist zum Beispiel die Dönertüte erfunden worden. Jeder braucht seine Legenden. Darum geht es jetzt ja aber nicht. 

Im Tandour bin ich auch vorrangig wegen eines Insider-Tipps gelandet. Die scharfe Sauce im Rollo soll hier besonders gut sein. Sie ist vor allem echt scharf. Ich bin überrascht. Sicherlich würde das diese breiten, weinenden Typen von YouTube nicht in die Knie zwingen, aber wer Bock auf was ordentliches Scharfes hat, ohne sich gleich für einen knallharten Wettbewerb anmelden zu müssen, kriegt hier was Ordentliches ab 3,50 Euro.

Currywurst: In 68 scharfen Würsten an die Spitze – Im Scharfrichter an der Martinistraße

Der Scharfrichter ist ohne Zweifel der Chilimandscharo der scharfen Kost in Bremen. Hier geht es schließlich irgendwann nicht mehr um eine leckere Wurst, sondern vorrangig um den Kick. Spontan bestellen kann man bis zum Schärfegrad 10. Name: „The Final Answer“. Die Wurst schmeckt man dabei sogar noch durch, sehr gut sogar. In nüchternen Zahlen: Die Bedienung nennt mir 12.000 auf der Scoville-Skala. Zum Vergleich: Tabascosauce liegt bei 2.500 – 5.000 Scoville. Ich merke schnell, dass bei mir nicht viel gehen wird. Schon bei Stärke 10 brauche ich Unterstützung in Form von einem kühlen Kakao. „Bloß nicht mit Wasser löschen“, wirft mir die Bedienung zu. „Das macht es noch schlimmer“. 

Der beste Schärfeesser in der Scharfrichter-Lounge, ein Herr aus dem Kreis Osterholz, ist mittlerweile bei Stufe 68. Das heißt auch, dass er in etwa auch schon so viele Würste in dem schicken Imbiss verspeist haben muss. Ab Stufe 10 zumindest braucht man einen Stempel auf einem Kärtchen, das auch mir ausgehändigt wird. So für den Fall, dass ich es auch mal noch schärfer probieren will. Ich lache. Aber wer weiß, vielleicht folgt hier ja in Kürze noch eine Geschichte, in der ich meine Grenzen bis zum Maximum auslote. Soweit der Hinweis: Ja, beim Scharfrichter kann man tatsächlich so richtig scharf essen.

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren