So lebt es sich im „Problembezirk“ wirklich

Mehr als nur sozialer Brennpunkt? Ein Besuch in Osterholz-Tenever

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Osterholz-Tenever? Kenne ich. Ist ja auch nicht zu übersehen, wenn man auf der Autobahn daran vorbei fährt. Triste Hochhäuser, schlimme Bausünden der 1970er Jahre, weit entfernt vom Zentrum. Ob ich schon mal da gewesen bin? Nee, natürlich nicht. Kriminalität, Drogen, Perspektivlosigkeit – kein schöner Platz für einen gemütlichen Sonntagsausflug. Dachte ich. Bis ich einfach mal hingefahren bin, in dieses als Problemfall verschriene Gebiet im Bremer Osten. Und um es vorweg zu nehmen: Nach zwei Stunden vor Ort habe ich mich schlimm geschämt – nicht für den Stadtteil, nicht für die Menschen, die dort Leben, nein, für mich selbst habe ich mich geschämt. Für mich und meine Vorurteile. Aber der Reihe nach.

Die Sonne scheint, ein leichter Wind weht durch die Stadt, es riecht schon ein bisschen nach Herbst. Beste Bedingungen, um durch Tenever zu schlendern. Um diesen Stadtteil zu erkunden und besser kennenzulernen. Um ihn überhaupt kennenzulernen. Was ich erwarte? Nicht viel. Massig Beton, Tristesse, heruntergekommene Wohnanlagen, Menschen, die von der Gesellschaft sozial und materiell an den Rand gedrängt wurden. Irgendwie sowas.

Ich fahre mit dem Auto, weiß nicht mal genau, wo ich eigentlich hin muss. Da sehe ich eine Litfaßsäule, die mir verrät, dass ich angekommen bin. „Osterholz-Tenever – anders als Du denkst“ steht in gelber Schrift auf schwarzem Grund. Ich suche einen Parkplatz, direkt an der Neuwieder Straße, mitten im vermuteten Brennpunkt.

Rechts die Betonklötze, links eine Brachfläche, davor werden gerade Container-Wohnungen für Flüchtlinge zusammengezimmert. Der Wind pfeift zwischen den Hochhäusern durch. Weil ich außer ein paar Handwerkern niemanden sehe, gehe ich ein wenig spazieren.

Bepflanzte Hochbeete im Gemeinschaftsgarten

Als erstes fällt mein Blick auf die bepflanzten Hochbeete auf der Brachfläche. Ein Gemeinschaftsgarten, organisiert vom Verein „Treffpunkt Natur & Umwelt“, lese ich. Hübsch, leidlich gepflegt, alles in Ordnung. Gibt's also nicht nur in der neuerdings hippen Neustadt, funktioniert auch hier. Interessant. Ich gehe weiter. Hinter dem letzten Haus der Reihe sehe ich einen Basketball-Platz. Mit intakten Körben. Sehr interessant. Überhaupt: Wo liegt das Fixer-Besteck? Wo der Müll? Warum sind hier stattdessen überall gepflegte Spielplätze? Das kann nicht das Tenever sein, das ich suche.

Ich treffe einen Hausverwalter und überrede ihn dazu, mir eine leerstehende Wohnung im elften Stock zu zeigen. Mal sehen, wie es im tiefsten Inneren, im Herz von Tenever aussieht. Schlimm? Im Gegenteil: Kein Gestank im Treppenhaus, ein sauberer Fahrstuhl und eine Wohnung, die so aussieht, wie jede Wohnung, aus der gerade jemand ausgezogen ist. Der Blick vom Balkon ins grüne Umland ist schön, nur die Autobahn nervt ein bisschen. „Etwas weniger als 100 Wohnungen gibt es in diesem Objekt, aktuell sind fünf davon frei. Aber es ist kein großes Problem, sie zu vermieten“, sagt der Verwalter. Aha, hätte ich auch nicht erwartet.

„Für Kinder ist es ein echtes Paradies geworden“

Ich gehe weiter, am Pfälzer Weg entlang, in Richtung OTeBad, dem hiesigen Schwimmbad. Auch hier gibt es überall Spielplätze, Kinder toben, Mütter mit und ohne Kopftuch schieben Kinderwagen durch die parkähnliche Anlage. Noch immer habe ich keine schmuddeligen, dunklen und verkommenen Ecken entdeckt. Im Gegenteil: Osterholz-Tenever präsentiert sich als kinderfreundlicher Stadtteil, gepflegt, sauber und friedlich. Woher in aller Welt kommen nur die vielen Schauergeschichten?

Ich treffe Sabrina, 35 Jahre alt, Mutter. Seit ihrer Geburt lebt sie hier. „Klar hat Tenever nicht den besten Ruf“, bestätigt sie fröhlich, als ich sie mit meinen Vorurteilen konfrontiere. „Aber guck' dich doch mal um. Hier ist in den letzten zehn Jahren so viel passiert. Für Kinder ist es mit den ganzen Spielplätzen und -häusern ein echtes Paradies geworden, da wurde und wird wirklich viel gemacht.“ Natürlich, gibt sie zu, sei das längst nicht immer so gewesen. Vor 20 Jahren sei es schlimm gewesen, da gab es viele Kriminelle, ganze Gangs hatten sich in den Häusern eingemietet. „Als wir noch in einem der Hochhäuser im achten Stock gewohnt haben, kam es schon vor, dass ein Junkie abends geklingelt hat, weil ihm die Alufolie für sein Heroin gefehlt hat. Überhaupt war es dreckig, dunkel und gar nicht schön.“

Eine Folge der städtebaulichen Fehlplanung der 70er Jahre. Die Hochhäuser waren umspannt von Beton-Balustraden, überall gab es dunkle Ecken. Und eigentlich wäre alles sogar noch schlimmer geworden – sahen die ursprünglichen Pläne doch vor, etwa 4500 Wohneinheiten zu bauen. Realisiert wurden, zum Glück aus heutiger Sicht, nur 2650.

Und auch davon wurden einige wieder abgerissen – der Beginn vom Aufschwung. „Dadurch ist alles viel heller und freundlicher geworden. Unser Stadtteil wurde begrünt, die Kinder können sich überall beschäftigen und die Kriminalität ist auch viel weniger geworden“, sagt Sabrina. „Ich habe jedenfalls keine Sorge, draußen und im Dunkeln alleine herumzulaufen. Und um meine Kinder mache ich mir auch keine Sorgen.“

Die Litfaßsäule behält Recht

Sanierte Schulen, Conciergen und Videoüberwachung in den Hochhäusern, tolle Kindergärten, ein Kinderbauernhof, die Bewegungshalle, die Badeseen – Sabrina hört mit der Schwärmerei gar nicht mehr auf. Da erübrigt sich die Frage eigentlich, ob sie lieber an einem anderen Ort wohnen würde. Ich stelle sie trotzdem. „Ich würde niemals woanders hinziehen wollen“, sagt sie fast ein wenig empört.

Wir quatschen noch ein wenig in der Sonne, ehe ich mich auf den Rückweg zum Auto mache. Mein Weg führt an der Litfaßsäule vorbei. „Osterholz-Tenever – anders als Du denkst“, lese ich wieder. Stimmt.

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Für Kinder ist das Angebot in Tenever groß, Erwachsene müssen dagegen eher außerhalb auf die Suche nach spannenden Aktivitäten gehen. Für Adrenalin-Junkies und Abenteuerlustige ist der nordbuzz-Action-Guide daher genau das Richtige. Einen Kicker-Tisch gibt es dagegen (fast) überall. Die richtige Technik am Kicker-Tisch verraten Euch die flixen-Experten. Und wenn Ihr gerne einen anderen Stadtteil erkunden wollt, begebt Euch doch einfach per App auf Schnitzeljagd durch Bremen.

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