Wer sind diese Typen eigentlich?

Oldenburger Originale: Die Geschichte zum Gesicht

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Nachdem wir bereits hinter die Fassaden bekannter Bremer geblickt haben, schauen wir uns dieses Mal in Oldenburg um. Denn auch hier gibt es Menschen, die wir immer wieder treffen. Menschen, die im Gedächtnis bleiben, über die wir aber eigentlich gar nichts wissen. Das wollen wir ändern. Ob Straßenmusiker, Obdachloser oder Sportler: Fünf Fragen, fünf Antworten.

„Jetzt soll ich sogar zu Dieter Bohlen“

Der 78-jährige Waldemar Weißkopf ist eine echte Rampensau. Fast täglich begegnet man ihm in der Oldenburger Innenstadt, direkt vor H&M. Als Straßenmusikant ist er hier sehr berühmt, selbst während unseres kurzen Interviews grüßen ihn viele Passanten. Doch das Leben als Musiker ist zwischen all den jungen Menschen nicht immer leicht. Warum? Das verrät Waldemar am besten selber.

Du spielst am liebsten Schlager und Volkslieder. Warum nicht mal was anderes?

Mir geht es besonders um gute Unterhaltung, und dazu passen diese Genres am besten. Titel wie zum Beispiel „Hohe Tannen“ oder „Blau sind die Berge“ müssen einfach sein. Im Vordergrund steht dabei aber immer mein bestes Instrument: meine Stimme! Dazu spiele ich meistens Gitarre, Mundharmonika habe ich mir auch noch selbst beigebracht.

Würdest Du sagen, dass Du eine Oldenburger Berühmtheit bist?

Ich habe schon viele Fans. Nur die jungen Leute, die mögen mich nicht so. Aber das liegt wohl an den Volksliedern. Das ist eben eher etwas für ältere Menschen. Ich bin ja auch schon ein alter Opa. Es gibt zwar Leute, die „dummet Tüch“ über mich erzählen, aber niemand feindet mich direkt an. Aber dass über die Musiker hier viel geredet wird, kann ich verstehen. Immerhin gibt es viele „Falschspieler“.

Falschspieler? Das musst du erklären!

Das sind diejenigen, die singen, es aber eigentlich gar nicht können. Davon gibt es einige. Ich bin zum Beispiel Sänger durch und durch, und es gibt in Oldenburg auch andere gute. Aber die meisten, die es versuchen, sollten es lieber sein lassen. Das hört sich wirklich unmöglich an. Ich nehme das sehr genau, wollte auch nie etwas anderes machen und würde es am liebsten bis zu meinem Tod so durchziehen.

Du bezeichnest dich selbst als „das Original“. Wie kommt es dazu?

Ich bin das Original in Oldenburg, denn ich spiele schon seit 60 Jahren auf der Straße. Ich habe zwar schon an anderen Orten in Deutschland gespielt, zum Beispiel in Hamburg und Bremen, aber am meisten und am liebsten spiele ich in Oldenburg. Ich bin einzigartig und in dem, was ich mache, wirklich sehr gut. Der Beste. Und jetzt soll ich sogar zu Dieter Bohlen.

Im Ernst, zu Dieter Bohlen?

Ich wurde wohl von irgendwelchen Leuten, vermutlich von ein paar Fans, angemeldet – beim Supertalent. Aber ich weiß nicht, ob ich wirklich mitmachen soll. Immerhin wird das im Fernsehen ausgestrahlt und wer weiß, was dann alles auf mich zukommt?! Um so richtig berühmt zu werden, ist es ja fast zu spät. Und ich bin hier sehr glücklich. Wie gesagt: Ich wollte nie etwas anderes machen.

„Ich frage mehr nach Kleingeld, als Zeitschriften zu verkaufen“

Obwohl der 36-jährige Obdachlose Jan-Michael Reinemann erst seit dem 15. Juni in der Stadt ist, ist er vielen Oldenburgern schon ein Begriff. Denn seither sitzt er am Bahnhof. Und seit einigen Tagen verkauft er dort die Zeitschrift Asphalt, um wieder in das Berufsleben einzusteigen. Was aber hat ihn nach Oldenburg geführt und wie soll es in seinem Leben weitergehen? Im Gespräch mit nordbuzz gibt er Antworten.

Wo kommst Du eigentlich her und was hat Dich nach Oldenburg verschlagen?

Ich stamme ursprünglich aus Nordhorn. Leider gab es bei mir kürzlich einen Wohnungsbrand. Fast alles ist draufgegangen, sogar meine Haustiere, zwei Ratten, habe ich verloren. Ich vermisse meine Tiere ziemlich. Und weil ich nicht versichert war, muss ich jetzt auf der Straße wohnen. Einen Grund für das Feuer wurde bislang nicht gefunden. Zum Glück muss ich nicht noch was obendrauf zahlen. Und jetzt bin ich hierher gekommen, weitestgehend zu Fuß, um mir ein neues Leben aufzubauen.

Das klingt schlimm. Hast Du denn wenigstens ein paar Dinge retten können?

Nicht sehr viel. An Klamotten besitze ich nur, was ich gerade trage und das, was ich in meinem Rucksack mit mir herumschleppe. Und da sind weitestgehend auch nur die Zeitschriften drin. Der „Asphalt“, den verkaufe ich seit ein paar Tagen, um wieder in das Berufsleben einzusteigen. Eigentlich will niemand das Magazin haben, ich frage viel mehr nach Kleingeld, als die Zeitschrift zu verkaufen. Das ist blöd, denn ich will es wirklich machen. Ach ja, einen Schlafsack hatte ich noch, aber der wurde mir am Lappan geklaut, als ich ihn kurz außer Augen gelassen habe. Ich denke, ein Müllwagen hat ihn mitgenommen.

Du möchtest wieder in das Berufsleben einsteigen – gibt es konkrete Ziele?

Ehrlich gesagt, habe ich mal ziemlich viel Geld verdient! Ich habe in den 90er Jahres Websites aufgebaut und war damit ziemlich erfolgreich. Aber das liegt lange hinter mir. Zusätzlich habe ich eine Ausbildung als Koch und Bürokaufmann gemacht. Als Bürokaufmann findet man heutzutage scheinbar nichts mehr. Und als Koch? Nee, ich hasse diesen Zwiebelgeruch. Da würde ich lieber als Arbeiter auf dem Bau einspringen. Das wäre jetzt gerade so ziemlich mein größter Wunsch. Aber erst einmal muss ich noch auf Amtshilfe warten. Mit diesen Klamotten kann ich mich wohl kaum bewerben.

Hast Du Kontakt zu anderen Menschen? Zum Beispiel zu Deiner Familie?

Wenn man wie ich den ganzen Tag nicht so viel zu tun hat, lernt man die anderen Obdachlosen ganz schnell kennen. Das ist sehr freundschaftlich, man hilft sich halt gegenseitig. Zu meiner Familie habe ich auch noch Kontakt. Ich habe eine jüngere Schwester und einen kleinen Bruder. Uns unterscheiden sechs beziehungsweise drei Jahre. Wir sind aber alles Ziehkinder. Meine Ziehmutter weiß, dass ich gerade obdachlos bin. Ich habe ihr das vor Kurzem mitgeteilt, aber leicht fiel mir das ganz bestimmt nicht. Trotzdem bin ich jetzt auf mich allein gestellt und möchte es auch bleiben.

Gibt es Dinge, an die Du Dich gerne erinnerst? Irgendetwas Positives, an dem Du Dich festhalten kannst?

Ich hatte früher viele Hobbys: Judo, Fußball, Schwimmen, Tischtennis. Sportler müsste man sein, das ist eine ganz eigene Welt für sich. Außerdem habe ich Gitarre gespielt. Schlimmer als jetzt gerade geht es eigentlich nicht. Aber ich habe hier einen Teddybären, der mich seit vier Jahren begleitet. Das ist schon echt etwas Positives in meinem Leben. Ich habe ihn in Münster in einer Spielzeugkiste bei einer Bekannten entdeckt und mich sofort verliebt. Das ist seither mein treuer Begleiter. Wie sich andere um Haustiere kümmern, so habe ich immer einen sorgsamen Blick auf meinen Teddy. Dazu hoffe ich ganz einfach auf eine Zukunft.

„Ich würde mich für den Football entscheiden“

Wer in Oldenburg wohnt, der weiß: American Football ist hier, neben Basketball natürlich, in aller Munde. Kein Wunder, wenn man wie die Oldenburgs Knights in der Regionalliga Nord spielt. Und die Spieler fallen in der Stadt auf, besonders dann, wenn sie wie der 21-jährige Pascal Brinkers in fast voller Ausrüstung Flyer für ihre Heimspiele verteilen. Aber warum ausgerechnet Football? Pascal bringt uns seinen Sport näher.

Du spielst ganz offenkundig Football bei den Oldenburger Knights. Wie bist du dazu gekommen?

Ich habe American Football damals im Fernsehen entdeckt. Und da war es quasi direkt um mich geschehen. Ich hab mich sofort mit dem Sport identifizieren können und wollte es unbedingt ausprobieren. Als erstes habe ich ein paar Trainingseinheiten bei den Meppen Titans mitgemacht. Dann fing das Semester allerdings wieder an und ich habe einfach im Internet geschaut, ob es Vereine in Oldenburg gibt. Die Knights schienen ziemlich perfekt für mich. Also habe ich mich für das Team entschieden und bin damit sehr glücklich.

Gibt es denn noch ein Leben neben Deinem Hobby?

Ja klar! Ich studiere hier an der Fachhochschule Bauingenieurwesen. Deswegen wohne ich auch seit eineinhalb Jahren in Oldenburg. Ich bin jetzt nahezu halb durch damit. Aber für andere Hobbys oder Interessen bleibt neben dem Studium und der Mannschaft nicht mehr so viel Zeit übrig. Man muss sich da schon richtig reinhängen.

Was heißt reinhängen? Kannst du das konkretisieren?

Naja, Football ist ein Sport, der viel Kraft und Masse benötigt. Ich trainiere zwei Mal die Woche mit der Mannschaft und gehe nebenbei fünf Mal ins Fitnessstudio. Kraftsport ist wirklich sehr wichtig, um mithalten zu können. Ansonsten gehst du im Spiel total unter. Eigentlich könnte man sagen: Sport ist mein Leben.

Welche Eigenschaften braucht ein Footballer noch, um erfolgreich zu sein?

Ehrgeiz, Ambition und Identifikation. (Pascals Kollege ruft dazwischen: „Teamgeist“) Ja, Teamgeist natürlich auch! Das ist neben den anderen Dingen auf jeden Fall das A und O. Ohne Teamgeist geht gar nichts, man muss schon sehr stark zusammenhalten. Ich denke, dass ich genau diese Voraussetzungen mitbringe. Ich lebe wirklich für den Football und bin immer noch so begeistert wie zu Beginn.

Kannst Du Dir auch vorstellen, den Sport zu Deinem Beruf zu machen?

Wenn ich tatsächlich die Chance bekommen würde, professionell Football zu spielen, würde ich mich für den Football entscheiden. Ein Studium kann man unterbrechen und zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzten. Aber für die Zukunft wünsche ich mir eigentlich nur, dass meine Familie, Freunde und ich gesund bleiben. Das steht an erster Stelle. 

Von Janina Gründemann

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