Bremsen, hupen, fluchen

Inselrundfahrt am Stern - ein Selbstversuch

+
Besonders zur Rush-Hour wird es am Stern in Schwachhausen eng.

Der Stern – in Bremen ein Synonym für Gefahr im Straßenverkehr. Wenn es irgendwo knallt, dann gerne in diesem Kreisel. Problem: Ob aus der Innenstadt zum Unisee, vom Viertel zum Finndorfmarkt oder vom Horner Bad zum Bahnhof – wer unterwegs ist, muss hier durch. Was ist da los? Ein Selbstversuch.

200, vielleicht 300 Meter – viel länger ist er nicht, der Weg von meiner Wohnung zum Stern. Und natürlich weiß ich, dass sich hier oft der Verkehr staut, dass im Minutentakt gehupt wird. Schließlich bekomme ich das Theater täglich hautnah mit. Hollerallee, Parkallee, Wachmannstraße und Hermann-Böse-Straße treffen an diesem Kreisel aufeinander. Dazu die Straßenbahnlinien 6 und 8, eine Extra-Spur für Taxis und Busse, eine zusätzliche Abbiegespur, zwei Ampeln, eine Tankstelle und mittendrin: eine Spur für Radfahrer. Ganz hervorragende Zutaten also für emotionale Ausbrüche am Steuer, eindeutige Gesten in alle Richtungen, jede Menge Stress und natürlich Unfälle. Im Mai 2017 soll umgebaut werden, damit es sicherer wird. Aber mit ein bisschen Umsicht müsste es doch möglich sein, die angespannte Verkehrslage zu meistern und dabei die Ruhe zu bewahren. Ein im Nachhinein naiver Gedanke, aber der Reihe nach.

Der Plan: Ich mache eine schöne Inselrundfahrt, eine halbe Stunde mit dem Fahrrad durch den Stern. Runde um Runde, immer wieder, bis die Zeit abgelaufen ist. Natürlich im Feierabend-Verkehr. Den echten Kick gibt es nur zur Rush-Hour. Und das alles, ohne zu fluchen, zu schimpfen und im besten Fall auch ohne Unfall. Auf geht’s.

17.30 Uhr: Die Reise beginnt, von der Hollerallee kommend fahre ich ordnungsgemäß in den Kreisel hinein. Müssen Fahrrad-Fahrer dabei eigentlich ein Handzeichen geben? Oder nur beim Rausfahren? Weiß ich nicht genau, aber schaden kann es ja nicht. Andererseits: In welche Richtung sollte ich auch sonst fahren?

17.30 Uhr: Das war ja ein kurzes Vergnügen, vielleicht zehn Meter? Die erste Straßenbahn fährt durch, ich stehe an der roten Ampel. Mit vielen anderen Radfahrern. Und neben mir in zwei Reihen Autos. Das kann ja heiter werden.

17.32 Uhr: Wenn ich gut durchkomme, schaffe ich zwei bis drei Runden pro Minute. Und bis jetzt - toi, toi, toi - alles ohne Probleme. Anscheinend haben viele Radfahrer begriffen, dass Handzeichen sehr hilfreich sind. Aber auch ein Lob an die Autofahrer, alles im grünen Bereich. Noch.

17.33 Uhr: So viel zu meinen guten Vorsätzen: Ein behelmter Radfahrer mit Fahrradtasche am Gepäckträger und Klammer für die Hosenbeine fährt mir aus der Parkallee kommend direkt vors Rad. Bevor er in höchstem Tempo in die Wachmannstraße abbiegt, weicht er elegant einem Auto aus. Wofür gibt es eigentlich die schraffierten Sperrflächen?? Ein erstes Mal rutscht mir versehentlich ein zischendes „Vollidiot“ heraus. Dem Autofahrer vermutlich auch, zumindest lässt sein aggressiv-verärgertes Hupen darauf schließen.

17.34 Uhr: Hoffentlich sitzt nicht irgendwo jemand am Fenster und beobachtet den Trottel, der da gerade seit fast fünf Minuten durch den Kreisel fährt. Ob das eigentlich verboten ist? Mit dem Auto, so meine ich mich zu erinnern, geht das jedenfalls nicht.

Vergnügungssteuer muss am Stern niemand bezahlen.

17.35 Uhr: Zum Glück ist die ganze Aktion weniger anstrengend als gedacht. Stichwort „Ampelstau“. Der ist übrigens auch ein Segen für die Autofahrer, die vom Bahnhof kommen. Auf der Hermann-Böse-Straße staut sich der Verkehr auf einigen hundert Metern Länge, die kurzen Rotphasen sorgen hier für ein wenig Entlastung. Entspannte Gesichter hinter Windschutzscheiben stelle ich mir trotzdem irgendwie anders vor.

17.37 Uhr: Mir geht es immer noch gut. Vielleicht sollte ich langsam meine Reisegeschwindigkeit erhöhen.

17.37 Uhr: Kommando zurück! Nur weil ich eigentlich schneller fahren dürfte, sollte ich es längst nicht auch machen. Zügig durch den Stern fahren ist ehrlich Schwachsinn. Gilt meines Erachtens nach übrigens für alle, die sich durch diesen Nadelöhr zwängen müssen. Ja genau, müssen, denn von wollen kann wohl keine Rede sein.

17.39 Uhr: Schon jetzt ein Klassiker: Fußgänger, die gegen die Kreisel-Fahrtrichtung die Straßen überqueren, sprich: dem abbiegenden Autofahrer von links direkt vor die Motorhaube spazieren. Bis auf wildes Rumgefuchtel, gelegentliche Beleidigungen und dem charmanten Einsatz der Hupe ist zum Glück noch nichts passiert. Allerdings ertappe ich mich selbst immer öfter dabei, meine Kurzzeit-Mitabenteurer wahlweise als Trottel oder Schwachköpfe zu bezeichnen. Zum Glück nur in Gedanken. Hoffe ich.

17.40 Uhr: So langsam beschleicht mich das Gefühl, das hier doch recht viel auf dem Prinzip Zufall beruht. Zu viel für meinen Geschmack. Eigentlich müsste die Frage viel eher lauten: „Warum passieren hier so erstaunlich wenig Unfälle?“

17.41 Uhr: So, reicht! Ich will mein Glück nicht überstrapazieren. Oder war es doch Können? Egal, nach elf Minuten entscheide ich mich für den Abbruch der Aktion. Ich setze mich an den Rand, rauche, und schaue dem Spektakel noch eine Weile zu. Wirklich erstaunlich, dass es hier nicht noch viel häufiger knallt.

Fazit: Okay, ohne Fluchen und Schimpfen habe ich keine zehn Minuten durchgehalten. Dafür gab es keine Unfälle, das ist doch schon mal was. Aber: Ohne den Oberlehrer raushängen lassen zu wollen, muss ich leider sagen: Leute, egal ob zu Fuß, im Auto oder auf dem Rad, denkt einfach ein bisschen mehr mit. Nehmt Rücksicht, auch wenn ihr vielleicht im Recht seid. Ehrlich. Dann haut das mit dem Stern auch viel besser hin. Ihr könnt ja leise fluchen.

Und zur Beruhigung sei gesagt: Es geht noch viel, viel schlimmer...

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren