Kattner geht an die Decke

Keine Kraft, keine Technik: Ein Selbstversuch im Kletterzentrum Bremen

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Selbst als absoluter Anfänger erlebt man beim Klettern schnell erste Erfolgserlebnisse.

Vielleicht noch zehn Zentimeter höher, dann habe ich wieder festen Boden unter dem linken Fuß. Aber was heißt hier eigentlich fester Boden? Schließlich hänge ich in etwa zehn Meter Höhe an einer Kletterwand. Mit letzter Kraft versuche ich, den kleinen Tritt zu erreichen. Aber vergeblich. Zehn Zentimeter können ganz schön viel sein, wenn die Muskeln zittern. Und bei mir zittern sie offenkundig ziemlich schnell. Schon hänge ich am Sicherungsseil in der Luft. Ich überlege kurz, einen weiteren Versuch zu unternehmen, entscheide mich aber mangels Kraft und Technik zügig für den Abstieg. Für heute reicht es. Ich kann nicht mehr. Schließlich klettere ich zum ersten Mal. Aber, so viel ist sicher: Es wird nicht das letzte Mal bleiben. Dazu macht es viel zu viel Spaß, wie ich bei meinem Selbstversuch eindrucksvoll erfahren habe.

Schon seit vielen Jahren steht Klettern auf meiner sportlichen Agenda ganz weit oben. Nur: Entweder war ich zu träge, oder es gab schlicht keine geeignete Möglichkeit. Letzteres hat sich in Bremen im vergangenen Dezember geändert. Seitdem gibt es hinter der Uni, an der Endhaltestelle der Linie sechs, das DAV Kletterzentrum (Robert-Hooke-Straße 19). Auf einer Fläche von 1.840 Quadratmetern stehen etwa 180 unterschiedliche Routen aller Schwierigkeitsgrade zur Verfügung. Und was meine Trägheit betrifft – auch die konnte ich endlich überwinden.

Und so stehe ich also vor der 14 Meter hohen Außenwand der Halle. Denn etwa ein Viertel der Kletterfläche befindet sich im Freien. Ich blicke nach oben: Ganz schön hoch. Aber weil tatsächlich auch Vierjährige die einfachen Routen meistern können, wie ich mit Erstaunen feststelle, sollte ich das ja wohl auch hinbekommen. Höhenangst hin oder her. Zum Glück habe ich eine erfahrene Kletterpartnerin dabei. Zwei Kommandos, zu und ab, soll ich mir merken, den obligatorischen doppelten Achter zum Sichern knüpft sie ins Seil, einmal checken ob alles sitzt, und ab geht’s.

Direkt bis ans Dach der Halle

Meinen ersten Versuch mache ich auf einer Route der Stufe vier auf der UIAA-Skala. Zur Erklärung: Diese Bewertungsskala von eins bis zehn gibt an, auf welche Schwierigkeiten sich der Kletterer einstellen muss. In meinem Fall bedeutet das: Für sportliche Nichtkletterer noch ohne Probleme zu bewältigen. Und siehe da, ohne große Pausen schaffe ich es direkt bis ans Dach der Halle. Die Aussicht kann ich zwar nicht wirklich genießen (Thema Höhenangst), aber mein Ehrgeiz ist geweckt.

Das DAV Kletterzentrum Bremen.

Also auf zur nächsten Route, natürlich immer mit Toprope. Das bedeutet, das mein Sicherungsseil von oben herabbaumelt. Klettern im Vorstieg, also dem eigenhändigen Einhängen des Seils an der Wand, bleibt den erfahrenen Sportlern vorbehalten. Ich wage mich an eine Route der Stufe fünf. Für überdurchschnittlich sportliche Nichtkletterer noch schaffbar, lese ich später. Eine weiteres Erfolgserlebnis stellt sich ein. Auch dieses Mal bezwinge ich die Wand.

Die Anstrengung lässt sich allerdings nicht mehr leugnen. Klar, mit der richtigen Technik habe ich noch nicht viel am Hut. Das meiste läuft über Krafteinsatz, Kraft, die ich mir wahrscheinlich in vielen Situationen hätte sparen können. Besonders, weil ich nicht über sonderlich viel davon verfüge. Ich war definitiv schon mal besser in Form.

Wie das funktionieren soll, ist mir völlig schleierhaft

Aber solange ich noch nicht völlig hinüber bin, möchte ich weitermachen. Ich wähle den „Creek“ aus, Stufe sechs minus. Soll gerade noch zu schaffen sein, aber danach wird es schwierig. Das mag ich gerne glauben, immerhin wartet ganz da oben der erste Überhang auf mich. Wie das überhaupt funktionieren soll, von wegen Physik und so, ist mir völlig schleierhaft. Aber erstmal muss ich da ja überhaupt hinkommen. Und es gelingt mir nicht. Keine Kraft, keine Technik - so ist das eben bei Anfängern.

Wer schon länger dabei ist, scheint mit der Schwerkraft nicht mehr viel am Hut zu haben. 

„Das war aber auch ein sehr ambitioniertes Unterfangen“, sagt Jonas Loss, mit dem ich mich später treffe. Er ist Betriebsleiter des DAV Kletterzentrums Bremen. Für Anfänger empfiehlt er, zunächst einen der Schnupperkurse zu besuchen: „Dabei bieten wir betreutes Klettern für zwei Stunden an. So kann jeder sehen, ob ihm der Sport auch wirklich Spaß macht.“ Bereits ab acht Jahren gelte das Angebot, denn das Klettern sei längst kein Extremsport mehr. „Viele Besucher kommen zu uns, weil sie keine Lust mehr auf Kraftübungen im Fitness-Studio haben. Der Reiz liegt darin, immer schwierigere Routen zu absolvieren und die individuellen Ziele zu erreichen. Das Alter spielt dabei fast keine Rolle, von Kleinkindern bis zu Rentnern ist alles dabei.“

Einstiegskurs am besten mit Partner

Wer regelmäßig klettern möchte, sollte sich am besten einen Partner suchen und den Einstiegskurs absolvieren. Während der zwei Übungseinheiten zu je drei Stunden lernt Ihr alles, was Ihr braucht, um auf eigene Faust in der Halle loslegen zu können. Und wahrscheinlich werdet Ihr mich dort ab sofort auch hin und wieder treffen. Im Kampf gegen die Schwerkraft und meine eigene Trägheit. Wenn ich nicht gerade tierischen Muskelkater habe.

Übrigens: Wenn Ihr es lieber mit Bouldern, also dem Klettern in geringeren Höhen ohne Seil, versuchen wollt, werdet Ihr im DAV Kletterzentrum Bremen ebenfalls fündig. Weitere Boulder-Möglichkeiten gibt es bei der Boulder Base Bremen und der Linie7. In Oldenburg gibt es entsprechende Angebote im Oldenbloc und im UP Kletterzentrum. Letzteres bietet zudem die Möglichkeit des Toprope- und Vorstiegkletterns an.

Noch mehr nordbuzz-Selbstversuche findet Ihr in unserer Übersicht. Zum Beispiel, wie sich die Kollegin trotz Höhenangst im Kletterwald geschlagen hat, wo Ihr am besten Discgolf in der Region spielen könnt oder was es mit dem Adrenalin-Kick Blobbing auf sich hat.

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