Kuriositätenkabinett in Bremen-Hastedt

Fundamt-Leiter Mildner: Der Mann, der Menschen glücklich macht

+
Rainer Mildner im Auktionsraum vom Fundamt Bremen. 130 Fahrräder werden hier demnächst versteigert.

Rainer Mildner wacht über 7.000 Fundsachen. Er ist Abschnittsleiter für Fundangelegenheiten beim Bremer Stadtamt – kurz: Fundamt. Seit zehn Jahren macht er den Job, und es scheint nichts zu geben, was bei ihm noch nicht abgegeben wurde. Mildner hat nordbuzz mit in die heiligen Hallen verlorener Dinge genommen.

Gemeinsam mit drei Fachkräften und einer Auszubildenden sorgt Rainer Mildner dafür, dass alles ordnungsgemäß abläuft. Denn korrekt zugehen muss es auf dem Amt, allein schon wegen all der gesetzlichen und rechtlichen Regelungen. Trotzdem herrscht ein angenehmes Klima inmitten der Bürokratie der Stresemannstraße 48 in Hastedt. Es ist ein großes Areal, das Mildner zu verantworten hat. Genug Platz für zig Lagerräume, gar Hallen, auch ein Tresorraum und eine Garage sind dabei. Randvoll mit Fundsachen aller Art.

Mikroskope, Kleinboote und ein Koffer voller künstlicher Gelenke

„Um die 7.000 Dinge kommen in Bremen jährlich zusammen, überwiegend aus dem öffentlichen Raum oder von der Polizei“, sagt der Abschnittsleiter. Die BSAG sammelt nochmal so viele, verwaltet ihre Fundsachen jedoch – ebenso wie Bahnhof und Flughafen – selbst. Alles war schon dabei, Musikinstrumente, Golfschläger, Schmuck, Mikroskope, Kleinboote, die auf der Weser trieben oder Koffer mit künstlichen Gelenken. Wenn mal Schulklassen zu Besuch sind, lässt Mildner sie raten, und fast nie ist etwas dabei, das noch nicht bei ihm oder der Polizei abgegeben wurde.

Kuriositätenkabinett: Fotos aus dem Fundamt Bremen

Immer wieder hört man von ausfällig werdenden Kunden auf Ämtern. Im Fundamt ist das anders. „Hier sehe ich überwiegend glückliche Menschen. Oft wird vor Freude geweint, etwa wenn der Ehering des verstorbenen Partners wieder auftaucht“, so Mildner. Er freut sich über diesen abwechslungsreichen Job und sein Klientel. „Weil man Leute glücklich macht! Ich bin damit sehr zufrieden.“ Manchmal kommen sogar Prominente vorbei. Alt-Bürgermeister Henning Scherf fragte schon nach seinem gestohlenen Rad, auch Werder-Spieler lassen sich gelegentlich blicken.

Größter Schatz: 141.500 D-Mark in einer Geldkassette

Mildner stellt fest: „Es gibt viele ehrliche Leute. Manche denken jedoch auch ‚Wo kein Kläger, da kein Richter‘. Jeder muss selbst wissen, ob er mit unterschlagenen Dingen glücklich wird.“ Alles über zehn Euro muss ohnehin angezeigt werden, sonst ist es strafbar. „Es gibt Fälle, da wird an der Tankstelle ein Portemonnaie gefunden, nicht abgegeben und der Finder dann per Überwachungskamera ermittelt.“

Wird die Fundsache nicht abgeholt, besteht nach einer gesetzliche Verwahrungspflicht von sechs Monaten Rückgabeanspruch für denjenigen, der den Gegenstand abgegeben hat. Findet sich der Eigentümer, so wird Finderlohn fällig. Ebenso wie die Bearbeitungsgebühr orientiert sich dieser am Wert der Sache. Mildner verdeutlicht das Ganze mit einer Beispielrechnung: Bis 500 Euro sind es fünf, auf den Mehrwert weitere drei Prozent. Bei 1.000 Euro kommen also 25 plus 15 Euro Finderlohn zusammen. „Darum ging es mal in der Eine-Million-Euro-Frage bei Wer Wird Millionär. Der Kandidat wusste die Antwort allerdings nicht“, meint Mildner sich zu erinnern.

„Wir sind schon so kleine Detektive“

Der Wert von Fundsachen variiert stark und reicht von einzelnen, dreckigen Handschuhen bis hin zu zehntausenden Euro oder mehr. Vor einem Jahr ging ein in Bremen gefundener Schatz durch die Medien. Eine vergrabene Geldkassette mit 141.500 D-Mark in bar wurde bei Bauarbeiten an einer Seniorenresidenz gefunden. Im Vergleich zu anderen „Interessenten“ konnten die Erben den genauen Betrag und den Kauf der Kassette im Nachlass nachweisen. Immerhin 2.180 Euro und 50 Cent Finderlohn erhielt der Finder, ein Bauarbeiter. Für einen Wellendorf-„Sternnacht“-Ring im Wert von 17.000 Euro fand sich hingegen kein Eigentümer. „Kurios waren auch die 50 nagelneuen Brautkleider mit Preisschildern, die die Polizei an der Autobahn entdeckte“, schmunzelt Mildner. „Vermutlich hat ein Dieb kalte Füße bekommen.“

Jede einzelne Fundsache wird präzise beschrieben, aufgelistet und ins Internet gestellt. Über die Online-Suche kann dann weltweit von zuhause aus nach verlorenen Gegenständen gesucht werden. Vor der Rückgabe wird jedoch detailliertes Eigentümerwissen abgefragt oder beispielsweise ein Zweitschlüssel als Nachweis verlangt. Generell versucht das Fundamt auch selbst Eigentümer zu ermitteln. „Wir sind schon so kleine Detektive und können teilweise Personen recherchieren und ermitteln, die wir dann informieren.“

50 bis 70 Fahrräder im Monat

Was nach sechs Monaten weder abgeholt noch verschickt worden ist, kommt unter den Hammer – ausgenommen Dokumente und Schlüssel. Selbst Speichermedien gehen künftig nach der datenschutzgerechten Reinigung durch eine Spezialfirma über den Auktionstisch. Auch das nebenan beheimatete Rote Kreuz bekommt Teile des Bestands. Ansonsten lassen sich echte Schnäppchen machen, da sich viel Neuware ansammelt. Mildner führt die Versteigerungen als Auktionator alle zwei Monate selbst durch. Die Bandbreite ist riesig, absolutes Zugpferd sind jedoch Fahrräder. „Monatlich kommen 50 bis 70 Stück hinzu. Momentan haben wir 500 Räder im Bestand, sonst sind es oft noch mehr“, so Mildner. Regelmäßig kommen zu den Auktionen 150 bis 200 Leute, nächstes Mal reißen sie sich alleine um 130 Räder.

Inzwischen werden die Drahtesel höher gehandelt als noch vor Jahren, auch ist der Andrang etwas zurück gegangen. Zeitweise musste Mildner Interessenten nach Hause schicken, weil mit über 250 Personen auch alle Stehplätze belegt waren. Vor der Versteigerung besteht die Möglichkeit, sich eine Dreiviertelstunde alles anzugucken, dann beginnt die drei- bis vierstündige Auktion. „Das ist immer eine richtig schöne Atmosphäre. Allerdings auch Akkordarbeit, Pro Teil ist weniger als eine Minute Zeit.“

Die nächsten Versteigerungen finden am 19. Oktober ab 14 Uhr und am 3. Dezember ab 10 Uhr statt. Die Online-Suche für Fundsachen ist über die Webseite des Stadtamtes/Fundamt einzusehen.

Fundamt Bremen
Stresemannstraße 48
28207 Bremen
0421/361-10080

Auch interessant: 

Solltet euer Portemonnaie einmal nicht wieder auftauchen, gibt es immer auch Möglichkeiten mit schmalem Budget über die Runden zu kommen. Anregungen gibt es im „Selbstversuch: Eine Woche essen für 'nen Euro am Tag“und bei den „Tipps für klamme Zeiten: Bremen und Oldenburg für lau“. Ein wie das Fundamt ebenfalls nicht alltäglicher Platz ist das „‚Außerhalb‘ – Ein Ort abseits des Alltags“.

Mehr zum Thema

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren