Fitness-Trend im Test

Selbstversuch unter Strom: Elektronische Muskelstimulation

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nordbuzz-Redakteur Tobias Picker hat im Fitness Loft in Bremen den Fitness-Trend EMS ausprobiert. 

Zugegeben, ich habe mich im Fitness-Studio oft amüsiert – über die Typen beim EMS-Training. Sie bewegen sich wenig, stehen aber schon nach wenigen Minuten verheerend im Schweiß, und keuchen, als hätten sie gerade einen Marathon hinter sich. EMS – Elektronische Muskelstimulation. Kurzes Training mit Stromstößen, statt langen Ackerns mit Freihanteln. Ein hoch effizienter Trend in Fitness-Studios. Ich habe das brutale Schnell-Workout im Rahmen meines Selbstversuchs Waschbrettbauch mal getestet.

Es fing an im Hintern – Muskelkater. Er hatte fast zwei Tage auf sich warten lassen, traf mich dann aber mit einer bisher unbekannten Heftigkeit. Er zog in den Rücken, in die Brust, in die Arme. Und das nach nur 20 Minuten Training. EMS ist das Stichwort – Elektronische Muskelstimulation. Der Trend, der stundenlange Workouts an Geräten und Hanteln ad absurdum führt. Einige Minuten mit elektrischen Impulsen, die den gesamten Körper gleichzeitig trainieren. Was soll da ewiges Bankdrücken, fragt man sich in unserer heutigen, durchgetakteten Zeit. Ich hab für mich eine ziemlich klare Antwort gefunden – doch dazu später mehr.

Elektroden-Weste und Knöpfe. An dem Gerät wird die Intensität für die einzelnen Muskelgruppen eingestellt.

Zunächst ein guter Rat vom Trainer: „Wenn es richtig wirken soll, darfst du natürlich auch nicht schon beim ersten Kribbeln aufgeben“, so Coach Denis vom Fitness Loft in der Bremer Neustadt, während er mir die spezielle Weste anlegt, mich verkabelt und den verdrahteten Body schließlich stramm zieht. So richtig stramm – Amten fällt fürs erste flach. Und dann fließt auch schon der erste Strom. Ich nehme mir Denis‘ Ratschlag zu Herzen und lasse den Experten mal ordentlich an den Rädchen drehen: Über das angekündigte Kribbeln hinaus bis an die Grenze. Zuerst werden die Oberschenkel mit Spannung versorgt. Ein Kribbeln, das ganz tief in die Muskeln zieht – und auch in den Intimbereich, was aber weniger angenehm ist, als es vielleicht klingen mag.

Der Strom kommt: Du hältst dagegen, oder wirst außer Gefecht gesetzt

Als nächstes wird die Spannungsstärke für den Hintern, den unteren und oberen Rücken, den Bauch, die Brust, Bizeps sowie Trizeps festgelegt. Soviel vorweg: Komfort-Training sieht anders aus. Hier muss man richtig ranklotzen, ob man will oder nicht. Denn der Strom kommt in immer gleichen Intervallen. Dann ist man entweder vorbereitet und hält dagegen, oder man wird von der Elektrizität außer Gefecht gesetzt. Muss sowas wie das Gesetz der Natur sein. Auch diese Erfahrung sollte ich am Ende des Workouts noch machen.

Das versprochene Resultat ist aber auch zu verlockend. Statt etwa 75 Minuten an Freihanteln und Geräten zu ackern, soll ich lediglich 20 Minuten der elektrischen Muskelstimulation standhalten. Mit der gleichen Wirkung. Klingt easy, so dass ich dann hinterher viel, viel Gelegenheit habe, die gewonnene Zeit irgendwo anders zu vergeuden. Nur dass man eben wirklich hart arbeiten muss.

Warum EMS so viel effektiver sein soll

In unterschiedlichen Übungen mit leichten, langsamen Bewegungen werden nun alle verkabelten Muskelgruppen angesprochen. Das Prinzip: Der Strom sorgt für Muskel-Kontraktion, und die Muskeln werden stärker – mit einem entscheidenden Vorteil gegenüber dem freien Training: Beim Workout an der Hantel – Beispiel Bankdrücken – werden über das Gehirn nur etwas mehr als 60 Prozent der Muskelfasern aktiviert und beansprucht. Beim EMS werden die Muskeln stattdessen am Gehirn vorbei direkt angesprochen und damit über 90 Prozent der Muskelfasern genutzt. Trick 17, sozusagen.

Und wie anstrengend diese scheinbar leichten Übungen sind. Will man sich das vorstellen, muss man sich einfach mal vor Augen führen, dass man über das Gehirn eben nicht selbst die Muskulatur anspannt. Das macht jemand anders, und dieser Jemand ist nicht zimperlich. Die Aussicht, nach den ersten Minuten, die Stoppuhr noch bis zur 20. Minute durchlaufen zu lassen, scheint angesichts des wirklich unangenehmen Ziehens im Muskel völlig utopisch – tatsächlich fühlt es sich mehr wie ein Reißen an – doch ich halte durch.

Und zur Veranschaulichung der Wirkung des Stroms, erlaubt sich Denis schließlich auch noch einen kleinen Spaß. „Bleib beim nächsten Stromintervall mal ganz locker, spann‘ nichts an und bleib ruhig stehen.“ Ich gehorche. Der Strom kommt, und ich bin kaltgestellt. Ich kann mich nicht mehr bewegen, werde von Strom aufrecht gehalten. Ich versuche, einen Arm auszustrecken, doch scheitere, bin machtlos.

Die Hölle danach

Nach dem Training sagt Trainer Denis: „Der Muskelkater wird wahrscheinlich erst in den nächsten Tagen kommen. In ein paar Minuten wirst du dich vermutlich erst mal so fühlen, als könntest du das Programm gleich noch mal abreißen.“ Ich halte viel von Denis‘ Fitness-Sachverstand, mit dem er sein Fitness Loft in Bremen führt, ich unterstelle ihm auch keine böse Absicht, aber mit Verlaub: In meinem Fall stimmte das einfach mal so gar nicht.

Zehn Minuten nach dem Training: Ich verwese in der Sauna, hocke auf dem obersten Treppchen, fühle mich aber nicht wie ein Sieger – eher wie ein schwer vermöbelter Boxer mit einer Metallstange an der Stelle, an der die meisten Menschen ein Rückgrat haben. Die Beanspruchung der Muskulatur ist unangenehm, und sie wird auch für den Rest des Tages nicht schön. Ich vermute hier den für mich entscheidenden Nachteil des EMS-Trainings gegenüber dem langen Weg über Hantel und Gerät. Es bringt mir keine Befriedigung in dem Sinne, etwas geleistet zu haben. 

EMS – Wem bringt das was?

Macht man das EMS-Training regelmäßig, wird die extreme Überforderung des Körpers sicher wegfallen. Dann ist EMS auf jeden Fall eine gute Alternative für Eilige, die nicht stundenlang im Studio rumhängen wollen, denen Sport nicht der Bewegung wegen wichtig ist, sondern die einfach nur gut aussehen wollen - mit möglichst wenig Aufwand. Eine Einheit pro Woche soll reichen. Für mein erstes Mal EMS, das wirklich eine beeindruckende Erfahrung war, muss ich aber leider zugeben: Die Zeit, die ich beim EMS-Training gegenüber dem Hantel-Workout gewonnen habe, verbrauchte ich hinterher in der Umkleidekabine, um meine Socken wieder anzuziehen. Ziel verfehlt.

Selbstversuch Waschbrettbauch - #pickerpumpt

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