nordbuzz bringt Licht in die Schattenwirtschaft

Das Gras vom Eck: Drogenkauf im Bremer Viertel

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Die Sielwall-Kreuzung in Bremen.

Wer in Bremen Drogen kaufen möchte, geht ins Viertel. Klar. Ein mehr als offenes Geheimnis. Rund um die Sielwall-Kreuzung ist das Angebot groß. So schwer kann das also nicht sein. Oder doch? Wie geht das eigentlich, dieses Drogen kaufen. So wie auf dem Wochenmarkt? Schönen guten Tag, ich hätt' gern ein Paket Cannabis? Und was bekommt man da eigentlich für ein Kraut? nordbuzz bringt Licht in die Schattenwirtschaft.

Um zwei Dinge gleich vorweg zu nehmen: Ich bin sowohl in Sachen Drogen-Kauf als auch -Konsum eher von der konservativen Sorte. Sprich: Ich habe keine Ahnung davon. Und natürlich würde ich niemals jemandem dazu raten, sich die Rübe mit Substanzen dichtzuknallen, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Geschweige denn, den Kauf in irgendeiner Form zu fördern oder gutzuheißen. Nicht zuletzt, weil die Staatsanwaltschaft das sicherlich nicht sehr lustig findet.

Aber weil das vielen Menschen offenbar relativ egal ist, weil die Nachfrage da ist, setze ich mich mit dem Thema auseinander. Drogen kaufen. Als Bremer weiß ich natürlich, wo ich schnell einen Dealer meines Vertrauens finde, im Viertel wird mit dem Thema ja relativ offensiv umgegangen.

Das Herz pumpt schneller, der Mund wird trocken

Aber wie tue ich meinen Kaufwunsch möglichst unauffällig kund? Klar, ein bisschen daherschlendern und unbeteiligt in die Schaufenster gucken. Aber das machen auch Leute, die Schuhe kaufen. Es kann also nur über die Mimik gehen. Vorsichtshalber übe ich ein bisschen vorm Spiegel. Ein Auge zukneifen oder besser die Augenbraue hochziehen? Kann ich beides recht gut, allerdings nur links. Nicht, dass ich aus Versehen einen geheimen Code mit dem Gesicht morse und plötzlich eine ganze Wagenladung Pillen oder Kokain vor meiner Haustür abgeladen wird.

Schon komisch, lange bevor ich das Eck erreiche, fühle ich mich beobachtet. Wie unglaublich viele Polizeiwagen plötzlich in der Stadt unterwegs sind. Obwohl ich noch gar nichts gemacht habe, pumpt mein Herz schneller, der Mund ist eine Spur trockener als normal. Erstmal Cola trinken. Der Kiosk-Mann hält mich wahrscheinlich für bescheuert, als ich beim Bezahlen verschwörerisch die linke Augenbraue nach oben ziehe. Soll er doch denken, was er will. Schließlich bin ich es, der gleich auf die dunkle Seite der Macht wechselt. Und eine Generalprobe muss vorher einfach sein.

Jetzt oder nie

Etwa eine Viertelstunde lang lerne ich jetzt schon die Auslage sämtlicher Schaufenster auswendig, während ich mir einen vertrauenerweckenden Handelspartner aussuche. Vielleicht noch zehn Meter trennen uns, jetzt oder nie. Doch noch bevor ich damit beginnen kann, die mühsam erlernte und meines Erachtens nach unbedingt notwendige „Ich-möchte-bei-ihnen-gerne-Gras-kaufen“-Grimasse zu ziehen, spricht der Dealer mich an. „Marihuana, Haschisch, Kokain“, murmelt er in seinen nicht existenten Bart. Oh, das war einfach. Mit meiner mittlerweile unangenehm verschwitzten Hand kralle ich mich am vorbereiteten Zehn-Euro-Schein fest. Jetzt. Ich fasse mir ein Herz und frage: „Tschuldige, wie spät ist es?“ Ach, Scheiße.

Soviel zu meinen Skills im illegalen Sektor. Aber wofür hat man schließlich Freunde? Ein kurzer Anruf genügt und schon drückt mir ein Bekannter ein lieblos verschweißtes Plastiktütchen in die Hand: „Hab' ich da vorne besorgt, warum machst Du das nicht einfach selbst?“ Ich lasse mich kurz auslachen ob meiner Feigheit, bin aber trotzdem irgendwie zufrieden. Schließlich hab' ich was ich will, und Geld musste ich auch nicht bezahlen.

Was ist drin? Eine Frage für Fachleute

Aber was ist drin in dem Zeug, bei dem es sich um handelsübliches Gras handeln soll? Was ist, wenn es gestreckt ist? Oder anders gefragt: Ist da auch wirklich nur das drin, was drin sein soll? Am besten, ich frage echte Fachleute.

Zum Beispiel Professor Nicolas von Ahsen. Er ist Facharzt für Laboratoriumsmedizin und arbeitet beim Medizinischen Labor Bremen (MLHB). Ich treffe mich mit ihm und seinem Kollegen August Goebel, Leiter der Toxikologie. Im Gepäck: Das verschweißte Säcken aus Kunststoff-Folie mit dem Gras, das fortan nur noch als „das Asservat“ bezeichnet wird. „Wir sind natürlich nicht generell dafür da, um Drogen zu analysieren oder den Wirkstoffgehalt festzustellen“, stellt von Ahsen gleich zu Beginn klar. Es müsse sich also niemand einbilden, sein Koks im MLHB auf Reinheit überprüfen lassen zu können, um dann beruhigt eine Party zu schmeißen. „Aber natürlich kommt es schon vor, dass besorgte Eltern mit Substanzen bei uns ankommen, die sie bei ihren Kindern in der Tasche gefunden haben“, sagt von Ahsen.

Mit Bleisalzen die Gewinnspanne maximieren

Er nimmt mir das Asservat ab, um es zur Untersuchung zu geben. „Wenn da irgendwelche Substanzen drin sind, die nicht reingehören, werden wir sie finden“, erklärt der Experte. So habe es zum Beispiel vor einigen Jahren im Raum Leipzig mehrere Fälle gegeben, bei denen größere Mengen Cannabis mit Bleisalzen gestreckt wurden. Ganz einfach, um durch das höhere Gewicht die Gewinnspanne zu maximieren. In der Folge mussten zahlreiche Konsumenten mit Bleivergiftungserscheinungen behandelt werden. Hört sich gruselig an. Mal sehen, was mit dem Gras ist, das ich angeschleppt habe.

Bis ich das Ergebnis habe, muss ich einige Tage warten. Aus Datenschutzgründen kommt der Befund per Post. Circa 0,5 Gramm habe ich demnach eingereicht. Seltsam, ich dachte immer, Gras würde grammweise verkauft. Aber besser so, als mit Bleisalz künstlich schwerer gemacht. Laut Analyse weist das Asservat „reichlich THC“ sowie „zusätzlich Spuren von weiteren pflanzlichen Cannabinoiden“ auf. Aha. Professor von Ahsen sorgt für Aufklärung: „Die Zusammensetzung zeigt, dass es sich um hochgezüchtetes Cannabis zu handeln scheint. Wir haben keine weiteren Zusätze gefunden, es ist ein reines Pflanzenprodukt.“

Spice – frei verkäuflich und viel gefährlicher

Ein Zufallstreffer? Möglich. Denn wer Pech hat, dem kann auch leicht etwas ganz anderes angedreht werden. „Zum Beispiel Spice“, erläutert Goebel, der sich mit dem Thema bestens auskennt. Eine Klasse von Drogen, die viel gefährlicher als Cannabis sei, da sie wesentlich länger und intensiver wirke. „Das Zeug nutzt eine Gesetzeslücke aus, unterliegt nicht dem Betäubungsmittelgesetz und ist daher sogar frei verkäuflich“, sagt Goebel. Spice, so der Überbegriff für die unzähligen Abwandlungen der Droge, wirke ähnlich wie Cannabis, spreche die selben Rezeptoren im Gehirn an, mit dem Unterschied, dass es kein Naturprodukt ist, sondern vollständig synthetisch hergestellt werde. „Man nimmt einfach irgendeinen Träger, zum Beispiel getrocknete Kräuter, und sprüht die Substanz drauf. Und immer, wenn der Gesetzgeber eine bestimmte Molekülstruktur verbietet, basteln die Chemiker schnell eine neue, die noch nicht illegal ist.“

Noch gefährlicher werde es, wenn Spice als Pulver in den kleinen Tütchen mit den Kräutern vermengt werde. „Wer Pech hat, raucht den Bodensatz, wo sich das Pulver angesammelt hat und ist danach direkt reif für die Intensivstation und die Psychiatrie“, warnt Goebel. „Spice war der erste Mega-Seller, der sich Ende der 00er Jahre stark ausgebreitet hat, und machte als harmlose Bio-Droge die Runde, weil jeder dachte, es wäre ein pflanzliches Produkt. Aber weil es prinzipiell jeder produzieren kann und darf, gibt es natürlich überhaupt keine Standards. Es gehört wirklich ein gewaltiges Maß an Naivität dazu, Spice zu konsumieren.“

Nebenwirkungen werden billigend in Kauf genommen

Als höchst problematisch gelten zudem die ebenfalls als „Legal Highs“ bezeichneten „Badesalz-Drogen“, die auch als „Glasreiniger“ oder „Kunstdünger“ getarnt im Umlauf seien. Die Wirkung soll der von Kokain, Amphetaminen und MDMA, also Ecstasy, ähneln. Die relativ häufigen Nebenwirkungen wie ein erhöhtes Gewaltpotenzial und Wahnvorstellungen würden beim Konsum oft billigend in Kauf genommen. „Allein in 2014 wurden über 100 stark wirksame neue synthetische Substanzen gemeldet, und die Tendenz ist steigend“, berichtet Goebel. Auch hier werde ständig nachverboten, was dem lukrativen Geschäft aber keinen Abbruch tue.

„Es ist echt fahrlässig, wie sorglos viele Menschen mit ihren grauen Zellen umgehen“, seufzt Goebel. „Gerade mit dem ganzen Synthetik-Zeug kann man sich echt was antun.“ Aber ob synthetisch oder natürlich – für mich sind bewusstseinsverändernde Substanzen ohnehin nichts. Da das ganze Unterfangen nur ein Test war, wurde das Marihuana im Institut ohnehin entsorgt, so wie es mit jedem dort abgegebenen Asservat passiert. Und den ganzen Stress brauche ich auch nicht nochmal.

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