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Bremer Originale: Die Geschichte zum Gesicht

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Menschen, die man oft in Bremen sieht. Wir haben mit ihnen gesprochen.

Es gibt unzählige Menschen, die uns fast jeden Tag in Bremen begegnen. Es sind Gesichter, die in Erinnerung bleiben. Aber wer sind diese Menschen wirklich? Was machen sie in ihrem Alltag? Und wie ticken sie so? Das erfährt man nur ganz selten. Ob Geschäftsmann, Punk oder Straßenmusiker, nordbuzz hat bei Bremer Originalen nachgefragt. Fünf Fragen, fünf Antworten – und schon wisst Ihr mehr.

„Wir wollten das leben, was wir lieben“

Wer ist eigentlich dieser Typ, der entweder im Skateshop Titus am Eck hinter dem Tresen steht oder bei Rock & Wurst die Burger bringt? Der, der im Viertel gefühlt allgegenwärtig ist und mit markantem Bart, Tattoos und frechen Sprüchen im Gedächtnis bleibt? Jörg Fengler heißt er und ist in Bremen eine Institution. Alles weitere erzählt er selbst.

nordbuzz: Moin Jörg, wer ist eigentlich dieser Fengler und wie kam das alles?

Der Fengler ist eigentlich Münsteraner, 47 Jahre alt und seit 26 Jahren im Bremer Viertel. Außerdem ausgebildeter Kaufmann und Gastronom. Früher haben mein Kumpel Johannes Reindl und ich Titus mit Klamotten und Hartware beliefert, die wir aus den USA importiert haben. Eigentlich haben wir Musik-Merchandise vertrieben, darunter waren viele Skate-Bands wie Bad Religion. Daraus hat sich dann mehr ergeben. Irgendwann wollten wir eine Veränderung, mehr mit Menschen zu tun haben, das leben, was wir lieben. 1998 haben wir also Titus am Sielwall aufgemacht, wo vorher wohl ein Dessous-Laden drin war und man anscheinend Koks kaufen konnte. Jedenfalls war hier alles lila gestrichen, mit silbernen Tupfen. Die Gegend war damals schon teuer, in der Innenstadt ist es teilweise günstiger als im Viertel. Aber das ist halt so.

nordbuzz: Und wie kamst Du vom Skateboard zur Bratwurst?

Rock & Wurst feiert dieses Jahr zehnten Geburtstag. Das mache ich mit Karsi Müller zusammen. Wir haben uns irgendwann gefragt: „Wie können wir uns gemeinsam betrinken und Kohle dabei verdienen, ohne, dass zuhause jemand meckert.“ Erstmal hatten wir einen kleinen Wagen, später wurde die Gastronomie daraus. Die Location am Dobben war Zufall, weil das vorherige Restaurant nicht so gut funktionierte. Unsere Eröffnung war dann ungeplant und spontan, weil man uns fragte, ob wir uns mit dem Rock & Wurst-Konzept nicht ein Restaurant vorstellen könnten. Wir waren mit unserem Catering durch Gastauftritte in Malene oder Küche 13 bekannt und wussten selbst nicht, ob das funktioniert. Aber probieren kann man‘s ja mal. Wenn man viel Geduld hat, kommt viel von alleine.

nordbuzz: Woher kommt denn Deine Passion zu kochen?

Was wir da machen, ist nicht wirklich kochen. Aber ich habe diese Sauce selbst gemacht. Nach einer Kneipentour haben wir festgestellt, dass es in Bremen keine vernünftige Currywurst gibt. Das war noch vor Scharfrichter und Co. Die Idee ist also aus der Not beziehungsweise aus dem Mangel heraus geboren. Das war die Zeit vor dem Foodtruck-Hype, da bekamen wir Anfragen bis der Arzt kommt. Der Wagen sah ja auch ungewöhnlich aus. Wir waren damit zum Beispiel auf der Breminale oder beim Hurricane. Der Wagen war fürs Infield viel zu klein, darum haben wir uns einfach in den VIP-Bereich gestellt. Zu unseren Verehrern zählen unter anderem die Donots, Bosse, Tim Mälzer oder auch der Sänger von den Eagles Of Death Metal. Mit dem haben wir im Wagen Videos gedreht, wegen seiner Ansichten finde ich den allerdings nicht mehr gut.

nordbuzz: Wieso war dann Schluss mit dem Wagen?

Der Wagen ist leider auf einem Parkplatz abgefackelt. Das Catering geht weiter, aber es gibt keine Pläne für einen neuen Wagen. In der Suppe der Foodtrucks schwimmen inzwischen so viele. Das ist zu stressig geworden und es gibt horrende Standmieten. Außerdem sind ja viele darauf angewiesen ihre Mieten von den Einnahmen zu bezahlen. Da müssen wir nicht auch noch mitmischen.

nordbuzz: Was treibt Jörg Fengler sonst so und wo trifft man ihn auf ein Feierabendbier?

Wenn ich nicht geschäftlich unterwegs bin, dann kümmere ich mich hauptsächlich um meine Familie, die Kinder und die Musik. Ich bin Bassist in der Punk-Combo „Schrott“. Außerdem ist Wellenreiten mein persönlicher Spaß, seit 30 Jahren. Feierabendbier trinke ich im Rums (Rum Bumbers, Anm. d. Red.) oder im Eisen. Oder im Heartbreak. Na gut, oder im Malenchen. Was man halt so abklappert!

„Ich würde mich für mehr Streetworker einsetzen“

Wer von den Wallanlagen in die Innenstadt möchte und sich für den Weg durch die Bischofsnadel entscheidet, der trifft dort fast zwangsläufig auf Torsten. Es wirkt so, als sei der 45-jährige Punk mit sich komplett im Reinen, während er darauf hofft, dass ihm die Passanten ein wenig Geld in seinen Beutel werfen, um den stets ein paar Glassterne herum liegen. Warum er dort sitzt und was er sonst noch so macht, hat er uns erzählt.

nordbuzz: Hallo Torsten, Du bist ja öfter bei der Unterführung anzutreffen. Was machst Du eigentlich, wenn Du nicht gerade hier herumsitzt?

Naja, ich schnorre nur dann auf der Straße, wenn ich wirklich etwas brauche. Aber das ist nur ein kleiner Teil von meinem Leben. Ich jongliere, mache als Schlagzeuger mit meinen Punker-Freunden Musik am Bauwagenplatz Querlenker hinter dem Güterbahnhof oder nehme an politischen Demonstrationen für linke Alternativen teil. So gesehen macht die Politik schon einen großen Teil meines Lebens aus. Es ist eben Politik von der Basis.

nordbuzz: Das sehen viele Menschen vermutlich anders. Wirst Du oft angefeindet wegen Deiner Art, die mit einer klassisch-bürgerlichen Biografie wenig gemeinsam hat?

Viele, die mich hier sitzen sehen, denken sich ihren Teil, haben Vorurteile und ein festes Bild im Kopf. Aber ich werde nicht angefeindet oder so. Ich lebe und gestalte mein Leben, wie ich es für richtig halte und schreibe ja auch niemandem vor, was er zu tun oder zu lassen hat.

nordbuzz: Deine Eltern waren aber doch wenig begeistert, als Du verkündet hast, ein unkonventionelles Leben als Punk zu führen?

Das stimmt! Ich mache das schon seit der Schulzeit, und am Anfang fanden die das gar nicht toll. Aber ich habe eben schon früh bemerkt, dass mir die Gesellschaft zu kalt und zu wenig sozial ist. Ich lebe lieber so, wie ich bin, ohne mich verstellen zu müssen. Und im Laufe der Jahre haben sie meinen Lebensstil akzeptiert.

nordbuzz: Was würdest Du in Bremen ändern, wenn Du direkten Einfluss auf die Politik nehmen könntest?

Ich würde mich auf jeden Fall dafür einsetzen, dass es mehr alternative Plätze für Menschen wie mich gibt, mehr Übungsräume für junge Bands und allgemein mehr gesellschaftliche Freiräume. Und ganz wichtig: Wir brauchen mehr Streetworker, die sich für Menschen auf der Straße einsetzen, denen es wirklich schlecht geht.

nordbuzz: Kannst Du Dir vorstellen, Bremen zu verlassen und woanders Dein Glück zu suchen?

Ich bin in Bremen geboren, habe eine Wohnung in Hemelingen und am Güterbahnhof meine Freunde. Es zieht mich also nicht viel von hier weg. Aber klar, wenn die richtige Frau kommt und zum Beispiel nach Berlin wollen würde, wäre das eine Überlegung. Aber es gibt keine konkreten Pläne, ich fühle mich hier sehr wohl.

„Bremen ist für mich eine Adoptiv-Heimat“

Nur wenige Meter weiter, mitten im Grün der Wallanlagen, treffen wir Victor. Er sitzt mit seinem Akkordeon auf einem Klappstuhl im Schatten und unterhält die Menschen mit seiner Musik. Ob er uns ein bisschen aus seinem Leben erzählt? Aber sicherlich, der 49-Jährige packt sein Instrument beiseite und legt los.

nordbuzz: Moin Victor, die Sonne scheint, Du hast einen schönen Platz im Schatten und spielst Musik. Ein guter Tag, oder?

Das ist richtig, ich sitze sehr gerne hier. Manchmal spiele ich auch in der Sögestraße oder der Böttcherstraße. Aber wenn die Sonne scheint, ist es hier am schönsten. Überhaupt bin ich gerne in Bremen. Seit zehn Jahren komme ich jetzt schon hierher, war aber auch schon in Oldenburg oder Bremerhaven. Aber ein Jahr in Deutschland dauert für mich ja nur ein paar Monate.

nordbuzz: Das musst Du erklären. 

Meistens bleibe ich nur für einen übersichtlichen Zeitzraum, dann reise ich wieder in meine Heimat nach Rumänien. Dort wohne ich mit meiner Familie in einem kleinen Dorf in der Nähe der Hauptstadt Bukarest. Bremen ist für mich zwar eine Art Adoptiv-Heimat, eine sehr schöne Stadt. Aber natürlich habe ich Heimweh und vermisse meine Frau und die Kinder. Aber bis Dezember werde ich wahrscheinlich noch bleiben.

nordbuzz: In Rumänien kannst Du nicht auf Dauer wohnen, weil sonst das Geld nicht reicht?

Genau, zwar arbeite ich dort auch als Taxifahrer oder Chauffeur, aber in Deutschland bekomme ich durch meine Musik mehr. Zwar ist es nicht viel, aber es reicht für Essen, Miete und ich kann etwas für meine Familie zurücklegen.

nordbuzz: Du spielst viele Stunden am Tag Akkordeon, beherrschst Du eigentlich auch andere Instrumente?

Nein, nur Akkordeon. Das habe ich schon als Kind im Alter von vielleicht elf, zwölf Jahren gelernt. Aber auch damit kann ich den Menschen eine Freude machen. Manchmal wünscht sich jemand auch ein Lied, einen Tango oder französische Sachen zum Beispiel. Das mache ich gerne und freue mich, wenn die Menschen dann auch dazu tanzen. Und wenn es passt, spiele ich gemeinsam mit meinen Kollegen, da herrscht eine große Solidarität unter uns Straßenmusikern.

nordbuzz: Welche Musik hörst Du denn privat am liebsten?

Das ist ganz unterschiedlich. Aus Heimatverbundenheit natürlich rumänische Folk-Musik, aber auch Tango oder lateinamerikanische Rhythmen. Ich bin für vieles offen.

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